Fußball: FIFA-Boss gerät unter Druck

FIFA-Präsident Joseph Blatter gerät immer mehr in die Kritik. Der Präsident des internationalen Verbandes muss sich für die Sünden der Vergangenheit rechtfertigen und gegen massive Rücktrittsforderungen wehren. Blatter wird in der Schmiergeldaffäre vor allem in Deutschland unter Druck gesetzt. Der ehemalige FIFA-Direktor Guido Tognoni erhob ebenfalls schwere Vorwürfe gegen seinen früheren Chef.

Blatter hatte in einem Interview am Wochenende Unregelmäßigkeiten bei der Vergabe der WM 2006 an Deutschland angedeutet. „Sepp Blatter war immer dabei. Wenn Sepp Blatter den Deutschen jetzt irgendwelche Vorwürfe macht, dann treffen die auf ihn zu. Denn er hätte ja das Ganze stoppen können, wenn es unsauber gelaufen wäre. Dann hätte er sagen müssen: So geht es nicht“, sagte Tognoni im ARD-Morgenmagazin.

Joseph Blatter
APA/EFE/Ivan Franco
Blatter sorgte mit einem Interview am Sonntag für Aufregung

Brisantes Zeitungsinterview

Der Präsident des Weltverbandes habe jedes Detail bei der WM-Vergabe gewusst, erklärte der Schweizer. „Jetzt im Nachhinein zu kommen, das finde ich etwas billig. Tatsache ist, dass in der FIFA unter der Präsidentschaft von Sepp Blatter Dinge geschehen sind, die eigentlich in einem Fußballbetrieb nicht geschehen sollten.“ In einem Interview der Schweizer Boulevardzeitung „SonntagsBlick“ hatte Blatter von Unregelmäßigkeiten bei der Vergabe im Juli 2000 gesprochen.

„Gekaufte WM ... Da erinnere ich mich an die WM-Vergabe für 2006, wo im letzten Moment jemand den Raum verließ. Und man so statt 10 zu 10 bei der Abstimmung ein 10 zu 9 für Deutschland hatte. Ich bin froh, musste ich keinen Stichentscheid fällen. Aber, na ja, es steht plötzlich einer auf und geht. Vielleicht war ich da auch zu gutmütig und zu naiv“, sagte Blatter. Auf die Nachfrage, ob er vermute, dass die WM gekauft worden sei, antwortete der FIFA-Boss: „Nein, ich vermute nichts. Ich stelle fest.“

Deutsche wehren sich

Der DFB hatte sich am Sonntag umgehend gegen „völlig nebulöse und haltlose Andeutungen“ (Generalsekretär Helmut Sandrock) gewehrt. Auch Franz Beckenbauer wehrte sich erneut gegen die Anschuldigung. „Klarstellung: Das Abstimmungsergebnis für die WM 2006 war 12:11 (nicht 10:9) und die enthaltene Stimme war schriftlich Deutschland zugesichert“, twitterte Beckenbauer am Montag.

Der inzwischen verstorbene Neuseeländer Charles Dempsey hatte vor der Abstimmung den Saal verlassen. Bei einem Patt hätte Blatters Stimme gezählt. Der FIFA-Präsident stand damals auf der Seite Südafrikas, das dann vier Jahre später den Zuschlag für die WM 2010 erhielt. Das Exekutivkomitee war damals das Abstimmungsgremium.

Aufforderung zum Rücktritt

Blatter revanchierte sich mit seinen Seitenhieben gegen Deutschland wohl auch für das blanke Unverständnis, das ihm aus dem deutschen Fußball entgegenschlug. Ligapräsident Reinhard Rauball hatte ihn telefonisch zum Rücktritt aufgefordert, DFB-Präsident Wolfgang Niersbach reagierte entsetzt auf die jüngsten Enthüllungen. Das in den Akten der Staatsanwaltschaft Zug belegte Ausmaß der FIFA-Korruptionsaffäre hat weltweit Wellen geschlagen und ein schlechtes Licht auf den Präsidenten geworfen.

Gerade deshalb misst das deutsche Exekutivmitglied Theo Zwanziger der Exekutivsitzung am Dienstag große Bedeutung bei. Denn die auf der Agenda stehende Verabschiedung des Ethikkodex und die Einsetzung der Vorsitzenden der beiden Kammern der Ethikkommission sollen ein Signal für die Erneuerung im Weltverband setzen. „Die nunmehr öffentlichen Informationen beweisen leider in negativer, aber auch eindrucksvoller Weise, wie zwingend notwendig der aktuelle Reformprozess bei der FIFA und wie wichtig die Schaffung einer komplett unabhängigen Ethikkommission und eines klaren Ethikreglements ist“, sagte Zwanziger der Nachrichtenagentur dpa.

Blatter relativiert Aussagen

Blatter relativierte unterdessen in einem offenen Brief an „Fußball-Deutschland“ seine Aussagen zu Unregelmäßigkeiten bei der WM-Vergabe. Der Schweizer erklärte in der „Bild“-Zeitung (Dienstag-Ausgabe), dass „man immer einen Vorwand finden kann, um irgendwelche Verschwörungstheorien zu spinnen. Sogar in Zusammenhang mit Deutschland, das eine perfekte WM lieferte. Ein Sommermärchen sondergleichen, worauf das Land stolz sein kann.“

Er glaube nicht an Verschwörungstheorien, sondern nur an Fakten, stellte Blatter fest. „Solange keine konkreten Beweise vorliegen, dass bei irgendeiner WM-Vergabe etwas schief gelaufen ist, muss und soll man an der Rechtmäßigkeit der Wahl festhalten. Dies gilt für Deutschland ebenso wie für alle anderen Länder. Das ist die Kernaussage meiner Botschaft.“

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