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„Fragerei endlich zu Ende“

Gleich im ersten Anlauf hat sich Marcel Hirscher den Traum von Olympiagold erfüllt. Mit seinem Triumph am Dienstag in der Kombination schloss er vier Jahre nach Olympiasilber in Sotschi auch die letzte Lücke seiner so beeindruckenden Karriere. „Jetzt hat die Fragerei nach dem Olympiasieg ein Ende, das ist sehr positiv“, sagte Hirscher in seiner ersten Reaktion.

Wenige Stunden danach war schon die Zeremonie auf der Medal Plaza im olympischen Park. Seine Medaille bekam Hirscher von Willi Kaltschmitt Lujan, Mitglied des IOC-Exekutivkomitees aus Guatemala, überreicht. Diesen Moment und die anschließende Nationalhymne genoss Hirscher in vollen Zügen, wirkte aber emotional gefasst. „Saucool, dass das jetzt funktioniert hat. Gleich bei der ersten Chance. Unbeschreiblich, man kann es gar nicht realisieren“, sagte Hirscher im ORF-Interview. „Die Medaille ist gar nicht so leicht, aber sie ist wunderbar und schön. Vom ideellen Wert ist sie unermesslich. Eine geniale Geschichte“, sagte Hirscher.

Die Medaillenzeremonie für Kombi-Gold

Vor vier Jahren war Marcel Hirscher nach Silber im Slalom schon einmal bei einer olympischen Medaillenvergabe dabei. In Pyeongchang durfte er diesen bewegenden Moment mit seinem ersten Olympiagold genießen.

Dabei war mit diesem Erfolg wegen der fehlenden Praxis in der Abfahrt im Vorfeld am wenigsten zu rechnen. „Dass ich Gold in der Kombi geschafft habe, kann ich im Augenblick wirklich kaum fassen“, sagte der Salzburger, der nach dem Rennen zwischen Journalisten hin- und hergereicht wurde. Er war „super glücklich und stolz“ auf sich, vor allem auf seine Leistung in der Abfahrt.

Pinturault lobt Hirscher in höchsten Tönen

Nur 0,28 Sekunden verlor Hirscher in der Abfahrt auf den Franzosen Alexis Pinturault, seinen schärfsten Gegner, der ihm im Training noch mehr als eine Sekunde abgenommen hatte. Für ihn von Vorteil war, dass die Abfahrt wegen des Windes verkürzt worden war. Hirschers Leistung schmälerte das in keiner Weise, war er doch genau vor einem Jahr in der WM-Kombi in St. Moritz zum bis dato letzten Mal auf Abfahrtsski gestanden. Im Slalom drehte er dann trotz böigen Windes den Spieß um, ließ Pinturault 0,23 Sekunden hinter sich.

Der Franzose zollte Hirscher Respekt, sprach von einem spannendem Duell und toller Werbung für den Sport. „Gegen Marcel zu kämpfen und hinter ihm Zweiter sein zu dürfen, ist ein Riesenehre“, sagte Pinturault. „Hirscher ist der beste Skifahrer aller Zeiten, er wird alle Rekorde brechen, es ist nur eine Frage der Zeit, und ob er lang genug weiterfährt.“ Selbst der Rekord von Ingemar Stenmark (86 Weltcup-Siege) würde fallen. „Die Rekorde Hirschers werden viele, viele Jahre bestehen bleiben“, sagte Pinturault, der schon Olympiazweiter und -dritter war, aber noch nie Gold gewinnen konnte.

Alexis Pinturault, Marcel Hirscher und Muffat-Jeandet mit Medaillen

APA/AP/Morry Gash

Mit den Franzosen Alexis Pinturault (l.) und Victor Muffat-Jeandet (r.) stellte sich Marcel Hirscher dem Blitzlichtgewitter

Im Schneegestöber cool geblieben

Dieses Kapitel konnte Hirscher gleich nach der ersten von drei Chancen abhaken. Dabei wäre er im Slalom fast vom Wind verblasen worden. Der Puls ging sprunghaft in die Höhe, als der aufgewirbelte Schnee den Hang hinaufgeblasen wurde, als Hirscher am Start stand. Ski und Schuhe verschwanden im Schneestaub. Aufhalten ließ sich Hirscher nicht. „Arsch Wind“ sei seine Reaktion im Ziel gewesen.

„Die Hände im Ziel habe ich nur in die Höhe gerissen, weil ich dachte, irgendwas tun zu müssen, weil es sonst blöd ausschaut. Ich war ziemlich heiß, glaubte, da will mich wer verarschen. Das gibt’s ja nicht“, sagte er.

„Es war richtig schwer zu fahren. Ich musste aber cool bleiben, die Ski einfach tun lassen, was sie sonst auch immer tun, und durfte auf keinen Fall zurückziehen. Das war echt schwierig“, sagte Hirscher, der im Ziel nicht so richtig an den Olympiasieg glauben wollte. „So würde jeder reagieren, weil es sonst doppelt so wehtut, sollte es nicht hinhauen.“ Als Pinturault an seiner Zeit zerbrach, war an der Goldmedaille zehn Starter vor Schluss nicht mehr zu rütteln.

Marcel Hirschers Slalom zu Olympiagold

Trotz widriger Umstände im Slalom behielt der 28-jährige Salzburger die Ruhe und holte sich mit Laufbestzeit seine erste olympische Goldmedaille.

„Karriere war schon vor Gold perfekt“

Wie Hirscher dem Erwartungsdruck standgehalten hatte, war einmal mehr beeindruckend. Fast trotzig und kaltschnäuzig beantwortete er später die Fragen der Journalisten. Gold für eine perfekte Karriere, wie immer geschrieben wurde, hätte er nämlich gar nicht gebraucht.

„Für mich war die Karriere schon perfekt nach dem ersten Sieg im Gesamtweltcup. Das war schon viel, viel mehr als ich mir jemals zugetraut hätte. Dass es mit Olympiagold auch noch funktioniert hat, ist eigentlich eine Draufgabe. Saustolz bin ich nur auf meine skifahrerische Leistung. Speziell in der Abfahrt, nie und nimmer hätte ich mir das gedacht“, sagte Hirscher.

WM-Gold in Schladming zählt mehr

Trotzdem sei der Wert dieser Goldmedaille für Hirscher geringer als der Titel vor 50.000 Fans bei der Heim-WM 2013 in Schladming, als er auf den letzten Drücker im letzten Rennen den Slalom gewonnen und zugleich für die einzige ÖSV-Goldmedaille gesorgt hatte.

„Hier dagegen sind wir irgendwo, keine Leute da, aber wir fahren halt ein Rennen. Der ideelle Wert der Goldenen und der Wert in der Außenwirkung ist freilich enorm“, so Hirscher, nachdem er bei der Flower Ceremy einer leeren Tribüne zugewunken hatte, die im Rennen davor immerhin spärlich besetzt gewesen war. Die Stimmung war gedämpft, der Lärmpegel gering, das Umfeld fast familär.

Befreit in die nächsten Aufgaben

Nicht einmal Vater Ferdinand Hirscher war wegen seiner Flugangst da. Trotzdem kann Hirscher die nächsten Aufgaben locker angehen. Das Soll ist erfüllt. „Das stimmt“, schmunzelte Hirscher. Schon im Riesentorlauf am Sonntag könnte er befreit drauflosfahren und ohne Druck den nächsten Erfolg einfahren. Seinen letzten Auftritt in Pyeonchang hat Hirscher am Donnerstag in einer Woche im Slalom.

„Das große Ziel, weshalb ich da hergefahren bin, habe ich definitiv mit der Goldmedaille am heutigem Tage erreicht. Die Saison kann mir jetzt niemand mehr ins schlechte Licht rücken. Wer mich aber kennt, der weiß, dass ich auch in den nächsten Bewerben stark und vorne mitfahren will“, kündigte Hirscher für die weiteren Starts an.

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