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„Unser Ziel war Gold, nicht Silber“

„Wahnsinn“ - Michael („Mike“) Pircher ist der sprichwörtliche Stein vom Herzen gefallen, erster Bewerb und gleich Gold: Am Dienstag um 15.45 Uhr Ortszeit war am ersten Olympiasieg in der Karriere von Marcel Hirscher nicht mehr zu rütteln. Dabei hätte weder Hirscher noch sein Betreuerstab mit einem Triumph in der Kombi gerechnet. Als persönlicher Coach hatte Pircher erheblichen Anteil, bis zur letzten Sekunde wurde an der Feinabstimmung für die Abfahrt gearbeitet. Olympiagold war der gebührende Lohn.

„Gewaltige Steigerung“, sagte Pircher - Hirschers Problemzone war der Schlüssel zum Erfolg. Im letzten offiziellen Zeittraining war der Rückstand alarmierend, eine Kombi-Medaille in illusorische Ferne gerückt. Dafür hätte er im Ernstfall zumindest in die Top 30 fürs Slalom-Finale kommen müssen, was bei vier Sekunden Rückstand auf die Trainingsbestzeit und mehr als eine auf seinen schärfsten Rivalen, den Franzosen Alexis Pinturault, höchst ungewiss erschien. Davon angespornt, legten Hirscher und Betreuerteam in den verbliebenen Tagen wie so oft Extraschichten ein.

Marcel Hirscher (AUT)

GEPA/Mathias Mandl

In der Kombi-Abfahrt legte Hirscher den Grundstein für die Goldmedaille

Unter Pirchers Leitung wurde nach akribischer Feinarbeit noch das Unmöglich Scheinende geschafft - Hirscher katapultierte sich auf der wegen der Windböen verkürzten Kombi-Abfahrt als Zwölfter souverän ins Finale und verlor überschaubare 1,3 Sekunden auf den Schnellsten, den Deutschen Thomas Dreßen. Auf Pinturault büßte er nur 0,3 Sek. ein. Und das trotz der - zwar allgemein als Vorteil für Hirscher identifizierten - Windlinie, also um die Sprünge herum, die laut Pircher eher ein Nachteil war, weil untypisch und nicht so einfach. „Wir mussten einige Läufer beobachten, um zu wissen, welche Linie er wählen muss.“

Extraschicht für perfektes Setup

Entscheidend sei laut Pircher in erster Linie das Setup gewesen, das in den letzten Stunden vor dem Rennen offenbar gefunden worden war. "Wir haben am Montag noch einmal die Speed-Ski ausgpepackt, obwohl ein Training wegen des Wetters schier unmöglich war. Pircher selbst fuhr zur Inspektion den Berg hinauf, schaute sich die prekären Bedingungen an und entschied: „Wir müssen und werden da jetzt hinauf, weil uns beim Speed einfach noch zu viel Zeit fehlt. Mit dem Rückstand wäre es ganz schwer für irgendwas geworden“, sagte Pircher - von Gold erst gar nicht zu reden. Und so machte sich Hirschers Betreuerteam auf zum Training.

Marcel Hirscher und sein Trainer Michael Pircher

GEPA/Harald Steiner

Hirscher und Pircher - ein Erfolgsduo auch in Pyeongchang

Fünf Testrunden gingen sich aus, der Norweger Aksel Lund Svindal und Hannes Reichelt stießen dazu. „Da hatten wir zwei gute Sparringpartner, um verschiedene Setups ausprobieren zu können. Eines haben wir gefunden, das war ganz passabel. Das hat Marcel im Rennen verwendet. So war die perfekte Abfahrt mit dem geringen Zeitabstand möglich.“ Der Einsatz Pirchers, promovierter Sportwissenschaftler aus der Steiermark, wurde gewürdigt und belohnt. Die Erleichterung war schon zur Halbzeit der Kombination groß. Jetzt konnte eigentlich nichts mehr schiefgehen. „Unser Ziel war Gold, nicht Silber“, sagte Pircher.

In jeder Hinsicht alles richtig gemacht

Die Ausgangssituation nach der Abfahrt sei vielversprechend gewesen. Mit Gold wurde freilich spekuliert, vor Pinturault gewarnt. Der Franzose sei wie Hirscher eine sehr gute Abfahrt gefahren. „Wir wussten, die drei Zehntel konnten wir aufholen. Dafür bedurfte es allerdings eines gewissen Risikos im Slalom, wir mussten andrücken. Taktieren war jetzt nicht angesagt. Durch Pinturaults Vorsprung blieb uns gar nichts anderes übrig als Vollgas und volles Risiko. Noch dazu bei dem Wind, der alles nicht leichter machte - keine Bodensicht, da fädelt man schneller ein, als man glaubt“, so Pircher.

Marcel Hirscher (AUT)

Reuters/Stefano Rellandini

Im Kombi-Slalom zeigte Stangenartist Hirscher wieder seine Extraklasse

Das Setup spielte auch im Slalom eine tragende Rolle. Trotz des vielen Wassers sei der Schnee nämlich extrem aggressiv. Wäre auch das Material nur einen Hauch zu aggressiv abgestimmt worden - Hirscher „hätte einen auf den Deckel bekommen“. „Wir wählten aber das richtige, das habe ich nach den ersten Toren gesehen“, sagte Pircher, sein Dank galt den Serviceleuten. Auch Hirscher machte im Slalom letztlich alles richtig und schwang sich mit klarer Laufbestzeit zum Olympiasieger auf. „Das war eine gewaltige Leistung“, so Pircher. „Da sind sogar mir die Tränen gekommen, obwohl ich so ein cooler Hund bin.“

„Was wir wollten, haben wir schon“

Das große Ziel („eine Goldene und nicht drei Silberne“) war plötzlich schneller erreicht als geglaubt. „Gold haben wir“, strahle Pircher. Was jetzt noch kommt? „Jetzt kann Marcel in Riesenslalom und Slalom befreit drauflos fahren. In Wahrheit ist es ja scheißegal, was jetzt noch passiert oder ob noch mehr kommt. Gold ist in der Tasche, alles, was wir wollten und sich Marcel für seine Karriere wünschte, haben wir. Der Rest wäre Draufgabe“, erklärte Pircher. Für Hirscher gibt es schon am Sonntag im Riesenslalom die nächste Chance, das krönende Finale seiner letzten Olympischen Spiele wartet im Slalom am darauffolgenden Donnerstag.

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