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Hirscher, Gasser und ein Multitalent

Mit dem Erlöschen der Olympischen Flamme über dem Stadion von Pyeongchang darf die Bilanz der XXIII. Olympischen Winterspiele gezogen werden. Wie schon in der Vergangenheit lieferten auch die Bewerbe in Südkorea Geschichten, die man nicht vergisst: vom letzten fehlenden Mosaikstein in Marcel Hirschers Karriere über das goldene Multitalent Ester Ledecka bis hin zu norwegischen Rekorden.

In insgesamt 102 Entscheidungen wurden in Pyeongchang Gold, Silber und Bronze vergeben. Für Österreichs Abordnung endete der Ausflug nach Südkorea mit der drittbesten Bilanz der Geschichte. Fünf Goldene, drei Silbermedaillen und sechsmal Bronze brachten rot-weiß-rote Sportlerinnen und Sportler nach Hause. Nur 2006 in Turin (9/7/7) und 1992 in Albertville (6/7/8) war die Ausbeute noch höher - nach Goldmedaillen gerechnet. Die erfolgreichsten Goldsammler in Pyeongchang waren der französische Biathlon-Star Martin Fourcade und der norwegische Langlauf-Shootingstar Johannes Hösflot Kläbo mit je drei Olympiasiegen.

Marcel Hirscher Superstar: Aus österreichischer Sicht war jedoch der Salzburger eindeutig der Star der Spiele von Pyeongchang. Der sechsfache Weltcup-Gesamtsieger krönte seine Karriere nach zwei vergeblichen Anläufen doch noch mit Olympiagold - und das gleich doppelt. Der 28-Jährige gewann Gold in der Kombination und im Riesentorlauf, dass er im Slalom ausschied, war angesichts der erfolgreichen Bilanz zu verschmerzen und Hirscher selbst letztendlich auf gut salzburgerisch „wurscht“.

Marcel Hirscher mit zwei Goldmedaillen

APA/ÖOC/Erich Spiess

Hirscher schürfte gleich zweimal olympisches Gold und wurde damit zum erfolgreichsten Österreicher in Pyeongchang

Goldene Anna: So wie vor vier Jahren in Sotschi sorgte auch in Pyeongchang eine Anna - diesmal nicht Fenninger, sondern Gasser - für eine Goldmedaille einer österreichischen Athletin. In Südkorea blieb es sogar der einzige Olympiasieg einer rot-weiß-roten Athletin. Gasser, als Topfavoritin im Big Air an den Start gegangen, lieferte ab und begeisterte mit ihren sauber gelandeten „Backside Double Cork 1080“ und „Cab Double Cork 1080“ Fachwelt und Fans gleichermaßen. Die Kärntner Snowboarderin setzt im Freestyle-Sport neue Maßstäbe und eroberte souverän die Goldmedaille.

Apropos Anna: Auch Fenninger, seit ihrer Heirat unter dem Namen Veith unterwegs, durfte sich nach ihrer Goldenen 2014 auch 2018 wie eine Siegerin fühlen. Nach zwei Jahren mit schweren Verletzungen holte die 28-Jährige in Pyeongchang im Super-G Silber. Auch wenn sie es im ersten Moment nicht fassen konnte, dass Ester Ledecka ihr Gold um eine Hundertstelsekunde entrissen hatte, konnte sich die Salzburgerin am Ende doch über den Lohn ihrer harten Comebackarbeit freuen.

Mayer doppelt nach: Matthias Mayer erlebte bei Olympia 2018 ein Wechselbad der Gefühle. In der Kombination noch gestürzt, holte sich der Kärntner drei Tage später mit Bluterguss an der Hüfte Gold im Super-G und doppelte nach seinem Abfahrtserfolg 2014 nach. Mayer hat damit wie der Norweger Aksel Lund Svindal - in Pyeongchang Olympiasieger in der Abfahrt - bei Winterspielen Gold in beiden Speed-Disziplinen gewonnen. Bei den Damen gelang das Michaela Dorfmeister.

Ein Medaillensatz im Eiskanal: Die Rodler waren neben den Alpinen die positivsten Erscheinungen aus österreichischer Sicht in Pyeongchang und übertrafen sogar die Erwartungen: Sensationsgold durch David Gleirscher im Einsitzer, Silber durch Peter Penz/Georg Fischler sowie auch noch Bronze in der Team-Staffel durch alle Genannten sowie der erst 19-jährigen Madeleine Egle. Ein kompletter Medaillensatz als Erfolgsbilanz, aber auch ein besonders schön anzusehender Teamspirit sorgten für ein absolutes Highlight aus ÖOC-Sicht.

Rodler David Gleirscher

GEPA/Sputnik/Vladimir Astapkovich

Sternstunde auf zwei Kufen: David Gleirscher holte überraschend die erste Medaille für Österreich - und das gleich in Gold

Youngsters setzen sich in Szene: Einige junge rot-weiß-rote Sportler nutzten die Gelegenheit und setzten sich bei den ersten Winterspielen in Südkorea ordentlich in Szene. Katharina Gallhuber und Katharina Liensberger, beide erst 20 Jahre alt, gaben ein Versprechen für die Zukunft ab. Beide Olympiadebütantinnen behielten im Teambewerb die Nerven und trugen viel zur Silbermedaille bei, der Niederösterreicherin Gallhuber gelang dazu sensationell Bronze im Slalom.

Auch im Eisoval gab Vanessa Herzog Grund zur Hoffnung auf künftige Medaillen. Die 22-Jährige belegte über 1.000 m und 500 m im Eisschnelllauf die Plätze fünf und vier. „Ich habe noch Zeit“, sagte die gebürtige Tirolerin mit einem Lächeln und mit Blick auf die teilweise deutlich ältere Konkurrenz. Sicher eine der großen Überraschungen war auch Herzogs männliches Pedant Linus Heidegger. Der 22-jährige Tiroler übertraf zum Abschluss der olympischen Eisschnelllauf-Bewerbe bei der Olympiapremiere des Massenstarts mit Platz sechs alle Erwartungen.

Multitalent sorgt für Furore: Die Tschechin Ester Ledecka stahl auf den Pisten von Pyeongchang als erste Frau der Geschichte der Konkurrenz in zwei Disziplinen die Show. Die 22-Jährige gewann Gold im Alpinski-Super-G und im Snowboard-Parallel-Riesentorlauf und schrieb damit Sportgeschichte. Davor war es lediglich einem Quartett gelungen, Olympiasiege in zwei verschiedenen Sportarten zu holen - aber nie bei ein und denselben Spielen. Ihre Siegerinterviews mit Skibrille - Stichwort: ungeschminkt - waren das skurrile i-Tüpfelchen auf Ledeckas Erfolge.

Skifahrerin Ester Ledecka (CZE)

APA/AP/Christophe Ena

Siegergesicht mit Brille: Ledecka konnte ihren Super-G-Sieg anfangs gar nicht glauben

Norwegen bricht Rekorde: In den norwegischen Sportchroniken hat Pyeongchang 2018 einen besonderen Platz. Die Skandinavier holten 14-mal Gold, 14-mal Silber und elfmal Bronze und waren damit im Medaillenspiegel ganz oben zu finden. 39 Medaillen bei Winterspielen hatte davor noch keine Nation eingeheimst. Dahinter durfte sich auch Deutschland mit 14-mal Gold, zehnmal Silber und siebenmal Bronze über die erfolgreichsten Winterspiele seit der Wiedervereinigung 1990 freuen.

Für die Norweger wäre sogar noch mehr möglich gewesen. Denn insgesamt zwölfmal landete ein Sportler aus dem Land der Fjorde nur auf dem undankbaren vierten Platz. Damit ziert Norwegen nicht nur im Medaillenspiegel die Spitze, sondern entschied auch ex aequo mit den USA die „Blechwertung“ klar für sich. Österreich landete in dieser Kategorie mit sieben vierten Plätzen auf Rang vier. Zum Vergleich: Bei den Medaillen schaute für Rot-weiß-rot der zehnte Platz heraus.

Björgens Lauf an die Spitze: Zwei Goldene, einmal Silber und zwei Bronzemedaillen aus der norwegischen Ausbeute durfte Langläuferin Marit Björgen mit nach Hause nehmen - keine Athletin oder Athlet hat mehr Edelmetall im Gepäck. Mit ihrem Olympiasieg über 30 km, ihrer achten Goldenen und der 15. Olympiamedaille in ihrer Karriere insgesamt, verwies die 37-jährige Ausnahmeathletin ihre Landsleute Björn Daehlie und Ole-Einar Björndalen auf die Plätze und übernahm den Platz als erfolgreichste Sportlerin in der Geschichte von Winterspielen.

Langläuferin Marit Björgen (NOR)

APA/Helmut Fohringer

Was Schwimmer Michael Phelps im Sommer, ist Björgen im Winter: Die Nummer eins in Sachen Olympiamedaillen

Korea kommt sich näher: Der gemeinsame Einmarsch der Athletinnen und Athleten der offiziell noch immer verfeindeten Staaten Süd- und Nordkorea bei der Eröffnungsfeier sowie das gemischte Eishockeyteam der Damen könnten der symbolische Anfang einer Annäherung zwischen den beiden Staaten gewesen sein. Es wäre ein weiterer Beweis für das Völker verbindende Element des Sports im Allgemeinen bzw. der Olympischen Spiele als Friedensspiele im Speziellen.

Action zieht: Der Big-Air-Bewerb erwies sich nicht nur aus österreichischer Sicht als Glücksfall. Während bei anderen Veranstaltungen - man möge bei den Alpinen nachfragen - die Tribünen oft nur spärlich besucht waren, zog das Sprungspektakel der Snowboarder beim Publikum. Auch in der Halfpipe der Ski-Freestyler freute man sich über ausverkaufte Tribünen. Die trendigen, neuen „Action“-Sportarten scheinen der richtige Weg im Erneuerungsprozess des Olympischen Programms zu sein.

Land des Lächelns: Die Südkoreaner taten jedenfalls ihr Bestes, um den Gästen aus aller Welt eine angenehme Zeit zu verschaffen. Davon konnte sich auch Michael Fruhmann, der für ORF.at von den Spielen vor Ort berichtete, überzeugen. So mancher der vielen Freiwilligen hatte zwar Schwierigkeiten mit der englischen Sprache, doch die Hilfsbereitschaft der Gastgeber kannte keine Grenzen. Dazu kam immer ein freundlicher Gruß, ein Lächeln und die Botschaft, das kein Problem unlösbar ist.

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