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Mehr als nur ein Weltmeister

Jochen Rindt stand 1970 am Höhepunkt seiner Karriere. Fünf der bisherigen neun Saisonrennen hatte er gewonnen und kam als überlegener WM-Leader zum Großen Preis von Italien. Doch in Monza sollte sich sein Schicksal erfüllen. Der 28-Jährige starb am 5. September nach einem Trainingsunfall im Wrack seines Lotus 72. Den Pokal des Weltmeisters musste am Ende des Jahres seine Witwe Nina entgegennehmen.

Anlässlich des 40. Todestages am Sonntag wird mit verschiedenen Veranstaltungen des ersten Motorsportidols Österreichs gedacht. In diesen Tagen erscheint eine Doppel-DVD, die noch einen zweiten Film über Rindts Leben enthält. In der Galerie Westlicht in Wien ist bis 26. September eine Ausstellung mit Rindt-Fotos zu sehen.

Vollwaise mit 15 Monaten

Das Glück war dem am 18. April 1942 in Mainz geborenen Karl Jochen Rindt nicht gerade in die Wiege gelegt. Als er 15 Monate alt war, starben seine Eltern - der Vater aus Deutschland, die Mutter aus Österreich - bei einem großen Bombenangriff auf Hamburg. Der kleine Jochen wurde zu den Großeltern nach Graz gebracht, wo er Kindheit und Jugend verbrachte. Die Zeit in der Steiermark war nicht immer leicht, die schulischen Erfolge wollten sich nicht so recht einstellen.

Frühe Faszination

Bei einem Aufenthalt in England verbesserte der jugendliche Jochen nicht nur seine Englischkenntnisse, sondern wurde auch mit dem Motorsportvirus infiziert. Zurück in Österreich, gaben ihm die Gelder aus den von den Eltern geerbten Anteilen aus einem Gewürzhandel nach und nach die Möglichkeit, sich mit dem nötigen Motorsportmaterial auszurüsten. Als dann nach einiger Verzögerung auch noch die Matura geschafft war, stand dem Wechsel nach Wien nichts mehr im Wege.

Seiner Taktik, „so schnell fahren, wie man kann“, machte Rindt schon damals alle Ehre. Anfang der 60er Jahre machte er nicht nur Rennerfahrungen in verschiedenen kleinen Klassen, sondern auch den Wiener Ring mit einem nach der Volljährigkeit erstandenen Jaguar E-Type unsicher.

Austria is not Australia

Ins internationale Rampenlicht fuhr Rindt erstmals 1964 beim Pfingstrennen in Crystal Palace um die London Trophy, als er vor Graham Hill gewann, der zwei Jahre zuvor seinen ersten von zwei WM-Titeln erobert hatte. Damals hielt man Rindt auf der Insel noch für einen Australier, weil man Österreich nicht mit Motorsport verband.

Rindt behielt übrigens sein Leben lang den deutschen Pass, war aber mit österreichischer Motorsportlizenz unterwegs und wird auch als österreichischer Weltmeister geführt. Das sah auch die Öffentlichkeit so. Wie einst schon bei Beethoven wurde vom Geburtsort keine Notiz genommen und der „große Sohn“ mit offenen Armen empfangen. Er selbst antwortete einmal auf eine entsprechende Frage: „Ich fühle mich als Europäer“, und war damit auch in dieser Sache seiner Zeit weit voraus.

Sieg beim Klassiker in Le Mans

In Österreich wurde man auf den jungen Mann eigentlich erst 1965 aufmerksam, als er gemeinsam mit dem US-Amerikaner Masten Gregory die 24 Stunden von Le Mans gewann. Obwohl er schon ein Jahr zuvor sein Formel-1-Debüt in Zeltweg gegeben hatte (mit Lenkungsschaden ausgeschieden), ging der Rummel nun erst richtig los. „Er war ein absoluter Draufgänger, der uns alle mit viel Herz und viel Risiko sowie vollem Einsatz begeistert hat“, erinnert sich Niki Lauda.

Jochen Rindt, 1966

APA/Steiner

Schwierige Anfangsjahre

Während Rindt in der Formel 2, in der mit annähernd gleichwertigem Material gefahren wurde, rasch Erfolg hatte und auch gegen zahlreiche Formel-1-Fahrer reüssieren konnte, tat er sich in der „Königsklasse“ lange schwer. Von 1965 bis 1967 fuhr er im unterlegenen Cooper-Team und holte in 29 Rennen nur 32 Punkte, wurde 1966 aber immerhin WM-Dritter. Er machte schon damals die fehlende Performance seines Autos mit Können und Risiko wett. Der Wechsel 1968 zum Team von Jack Brabham machte die Sache nicht besser, am Ende einer Saison mit vielen technischen Problemen standen nur acht Punkte und Rang zwölf zu Buche.

Auf jedem Parkett daheim

Dennoch hatte das Formel-1-Fieber in der Zwischenzeit auch Österreich erreicht. Rindt wurde zum „Fahrlehrer der Nation“ (Motorsport-Journalist Helmut Zwickl), veranstaltete Fahrkurse für Frauen und die Polizei und hatte bereits Mitte der 60er-Jahre die erfolgreiche „Jochen Rindt Show“ eingeführt, bei der dem staunenden Publikum nicht nur Motorsport in allen seinen Facetten, sondern auch die dazugehörigen Stars präsentiert wurden.

Daneben übte sich Rindt, der ab 1965 immer mehr Rennen auch im Sport- und Tourenwagenbereich bestritt, als Moderator der neuen TV-Sendung „Motorama“ und war Konsulent am neu errichteten Österreich-Ring. Der Mann mit dem markanten Profil, der immer einen flotten Spruch auf den Lippen und zumeist eine Zigarette zwischen diesen hatte, war eben mehr als nur ein begnadeter Rennfahrer.

Mit Lotus geht es aufwärts

Im Jahr 1969 handelte Bernie Ecclestone, Rindts Manager „auf freundschaftlicher Basis“ (Niki Lauda), einen Vertrag bei Lotus aus. Dort war Teamchef Colin Chapman nach dem Unfalltod von Jim Clark im Jahr davor auf der Suche nach einem neuen Spitzenfahrer, den er in Rindt fand. Chapman war ein genialer Autobauer, der bei seinen Konstruktionen aber stets an die Grenzen ging.

So wartete Rindt mit seiner Unterschrift auch bis vor den Grand Prix von Spanien, bei dem er dann nach Eroberung der Polepostion prompt wegen eines gebrochenen Heckflügels einen Unfall hatte, bei dem er sich einen Kieferbruch und eine Gehirnerschütterung zuzog und der das Verhältnis zwischen Fahrer und Teamchef stark belastete. „Ich hatte zu Lotus noch nie Vertrauen“, erklärte Rindt nach dem Rennen.

Doch fünf Monate später durfte er sich beim Grand Prix der USA in Watkins Glen über seinen ersten Sieg in der Formel 1 freuen - natürlich mit dem höchsten Preisgeld des Jahres, wie Rindt nicht vergaß anzumerken.

Das Jahr 1970

Für die kommende Saison wurde mit dem Lotus 72 ein Rennwagen einer völlig neuen Dimension vorgestellt, der nur das Problem hatte, dass er nicht so funktionierte, wie man erwartet hatte. So musste Rindt wieder auf den Lotus 49 c zurückgreifen. Doch im dritten Saisonrennen, dem Grand Prix von Monaco, gelang ihm der endgültige Sprung an die Spitze. Vom siebenten Platz weg machte er Rang um Rang gut und war bald Zweiter hinter dem großen Brabham („Das ist ja peinlich für uns, der ist schon 44“, so Rindt über seinen ehemaligen Teamchef und nunmehrigen Konkurrenten.).

Als Brabham in der letzten Runde eine Kurve zu schnell anging und in die Leitplanken fuhr, war der Weg frei für Rindt. Unter den bewundernden Blicken von Prinzessin Caroline nahm er den Pokal für das prestigeträchtigste Rennen des Jahres in Empfang.

Jochen Rindt, 1970

APA/DPA

Am Höhepunkt der Karriere

Danach ging es Schlag auf Schlag: Nach dem Ausfall in Belgien (noch mit dem 49 c) war der Lotus 72 c einsatzbereit und Rindt gewann nacheinander die Rennen in den Niederlanden, Frankreich, Großbritannien und Deutschland. Dass er danach auf dem Österreich-Ring zwar aus der Poleposition startete, wegen eines Motorschadens aber aufgeben musste, tat der Stimmung im Land keinen Abbruch.

5. September 1970

Als nächstes Rennen stand der Grand Prix von Italien in Monza auf dem Programm. „Meine größte Sorge ist, dass am Auto nichts bricht. Ich fühle, dass ich persönlich gut genug bin, keinen Fehler zu machen“, hatte Rindt, der sich im Rahmen der GPDA (Grand Prix Drivers Association) immer mehr für die Sicherheit aller Fahrer einsetzte, seine Bedenken am Lotus schon in der Vergangenheit ausgedrückt. „Ich bin mir aber nicht sicher, ob ich das Auto kontrollieren kann, falls etwas am Auto schiefgeht.“

Und an diesem Samstag in Monza sollte alles schiefgehen. Rindt legte drei, vier problemlose Trainingsrunden hin, ehe es vor der Parabolica-Kurve zur Katastrophe kam. Der zu diesem Zeitpunkt direkt hinter dem Lotus fahrende Denis Hulme war Augenzeuge: „Er bremste bei der 200-Meter-Tafel, das Auto scherte nach links und rechts aus, dann noch einmal und schlug links in die Leitplanken ein.“

Autowrack von Jochen Rindt, 1970

AP

Der zerstörte Lotus 72

Die rechte vordere Bremswelle am Lotus war gebrochen, dadurch geriet der Wagen außer Kontrolle und krachte frontal in die Streckenbegrenzung, der Vorderteil des Wagens wurde weggerissen. Rindt, der aus Angst vor einem Feuerunfall den Sicherheitsgurt nicht komplett angelegt haben soll, hatte keine Chance. Nach heutigen Maßstäben und mit den Bildern der zahlreichen damaligen Zwischenfälle vor Augen, wirkte der Unfall nicht spektakulär. „Heute wäre er 100-prozentig nicht gestorben“, ist sich Ecclestone, der damals als einer der Ersten zum Unfallsort eilte, sicher. „Da gibt es keine Diskussion. Er wäre jetzt noch bei uns.“

„Das Drama, posthum Weltmeister zu werden, bleibt den Menschen im Gedächtnis, deswegen wird er immer bei uns weiterleben“, so Niki Lauda über den „Mythos Jochen Rindt“.

Harald Maresch, ORF.at

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