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Aller Anfang war schwer

Schmerzen gehören im Radsport zum Geschäft - bei Bernhard Eisel nicht nur im Teamzeitfahren der Tour de France, in dem er am Sonntag stürzte. Schon bei seinem Profidebüt vor neun Jahren wurde er von Mario Cipollini geohrfeigt. Im ORF.at-Interview spricht er über seinen schmerzhaften Einstand, seine Karriere, seine aktuelle Rolle und den fast unerfüllbaren Traum vom Etappensieg.

ORF.at: Bernhard Eisel, bei ihrem Profidebüt in San Remo wurden Sie von Mario Cipollini geohrfeigt. Seither sind neun Jahre vergangen. Wie beurteilen Sie Ihre bisherige Karriere?

Bernhard Eisel: Eigentlich bin ich absolut zufrieden. Ich muss mich für nichts rechtfertigen, habe keinen Fehler gesehen. Sicher, ein paar Sachen habe ich ausgelassen. Aber ich bin bald draufgekommen, dass das Leben kein Kindergeburtstag ist und der Radsport schon gar nicht. So gesehen bin ich happy. Zumal meine Karriere noch nicht vorbei ist. Ich habe noch viel vor. Sechs Jahre bleibe ich zumindest noch im Sattel.

ORF.at: Können Sie sich an den Eklat mit Cipollini noch erinnern?

Eisel: Er hatte mich damals mit meinem Teamkollegen Baden Cooke verwechselt, der ihm kurz vor dem Ziel in San Remo eine Welle gelegt hatte. Leider war ich der erste FDJeux-Fahrer, der damals im Ziel war, der Cipo in die Augen kam. Er schnappte mich und legte mir klassisch eine auf. Mich hat’s gleich in den Graben geprackt. Inzwischen weiß ich, dass so was dazugehört, gerade unter Sprintern. Ein hartes Geschäft. Aber selbst Cipo kann sich daran noch erinnern, in einem Interview hat er sich vor kurzem erst dazu geäußert (lacht).

ORF.at: Damals waren Sie der Lehrbub, heute sind Sie im Highroad-Team bei der Tour de France Captain of the road. Was bedeutet das konkret?

Eisel: Dass ich eine steile Karriere hingelegt habe, vom Lehrbuben zum Mädchen für alles. Das muss mir einer erst nachmachen (lacht). Ich bin für alles verantwortlich, der verlängerte Arm der sportlichen Leitung. Von taktischen Besprechungen bis zur Steuerung des Rennens. Wen lassen wir wann wegfahren, gibt es eine Chance auf Sprintwertungen oder konzentrieren wir uns auf einen schnellen Zielsprint. Ich kommuniziere mit dem Auto, muss gleichzeitig aber blitzschnell selbst entscheiden können, weil oft Dinge unmittelbar vor mir passieren, die dem sportlichen Leiter verborgen bleiben. Dann ist keine Zeit für Rücksprache.

ORF.at: Was heißt das für Ihre eigenen Freiheiten? Können Sie gegebenenfalls auch für sich selbst entscheiden?

Eisel: Diese Chance gibt es gar nicht. Das sieht unsere Taktik, unser Plan nicht vor. Da mache ich mir keine Illusionen, wenngleich die Hoffnung zuletzt stirbt. Eine kleine Chance gibt es immer. Doch die ist so verschwindend gering, dass ich mich damit nicht beschäftige. Den Traum vom Etappensieg habe ich zwar immer noch im Hinterkopf, klar. Aber in meiner Position, die ich in der Mannschaft einnehme, zeichne ich mich durch absolute Loyalität aus. Es darf nicht den geringsten Zweifel daran geben, ob ich für mich oder für die anderen fahre. Der Erfolg des Teams hat oberste Priorität.

ORF.at: Welche Situation müsste eintreten, dass sie eine Etappe gewinnen könnten bzw. dürften?

Eisel: Gute Frage. Die Sache ist die, dass, wenn es eine Chance gäbe, eine Fluchtgrupe ginge und auch ins Ziel kommt, ich selbst so müde wäre, dass mir die Körner in den nächsten Tagen fehlen würden. Da wäre ich eher froh, mal einen Tag Ruhe zu haben und im Feld dahinter ins Ziel zu rollen. Geist und Körper wären dankbar. Denn durch die Nachführarbeit der vergangenen Tage wäre selbst der Sprint aus einer kleinen Gruppe heraus für mich keine aufgelegte Sache. Und dann hätte ich erst für nichts gerackert. Da spare ich mir lieber die Kräfte.

ORF.at: Sie bestreiten Ihre achte Tour de France in Folge und ziehen damit mit Georg Totschnig gleich. Macht Sie das stolz?

Eisel: Natürlich, die Tour ist das größte Rennen und ich bin sie immer zu Ende gefahren. Aber der Vergleich mit Totschnig hinkt, er hat eine Etappe gewonnen und davon bin ich weit entfernt. Meine einzige Chance wäre das Teamzeitfahren gewesen, aber selbst das kann man mit einem Einzelsieg nicht vergleichen. Darüber müssen wir nach dem Sturz jedoch nicht mehr diskutieren (lacht). Mental war das gerade zu Beginn kein Vorteil.

ORF.at: Spüren Sie bei aller Routine am Start der Tour de France noch Nervosität?

Eisel: Darüber habe ich erst mit Rolf (Aldag, sportlicher Leiter) gesprochen. Dass ich nicht weiß, ob es ein gutes oder ein schlechtes Zeichen ist, dass ich dabei keinen Nervenkitzel mehr verspüre. Klar, am Start der Etappen ist dann wieder alles anders. Tour ist Tour. Die Euphorie, die Begeisterung der Massen, da kommt die Anspannung dann ohnehin wieder zurück. Grundsätzlich gehe ich das Ganze aber entspannter als vor acht Jahren an. Das ist auch gut so.

ORF.at: Ihr Mann für Etappensiege ist Mark Cavendish. Wie gut ist er in Form?

Eisel: Er ist sensationell drauf. Um einiges besser als im vergangenen Jahr. Und da hat er schon fünf Etappen geholt. Diesmal ist Mark verdammt schnell. Bei normalem Verlauf ist er im Massensprint nicht zu besiegen. Das unterschreibe ich. Das ist auch unser Ziel. Was dazukommt, ist nur Draufgabe. In erster Linie geht es für uns um Etappensiege, in zweiter Linie um das Grüne Trikot. Wichtig wird sein, die erste Woche gut zu überstehen, um Ruhe in die Mannschaft zu bringen.

ORF.at: Ist es für Sie ein Problem, im Schatten eines Cavendish zu stehen?

Eisel: Radfahren ist ein reiner Teamsport. Alle helfen, einer gewinnt. Ich bin der Helfer. Mir hilft, dass Mark mein bester Freund ist. Für einen Freund zu arbeiten ist wesentlich einfacher. Es hat sich in den letzten Jahren einfach so entwickelt, dass ich mich für schnellere Fahrer aufopfere, weil ich selbst nicht der Schnellste bin. Nun eben für Cavendish. Und es hat sich ausgezahlt. Für ihn und für mich natürlich auch.

ORF.at: Laut Gerüchten soll er Sie nach dieser Saison zum Sky-Team mitnehmen.

Eisel: Ach was, ich habe einen Vertrag bis Ende 2012. Alles andere wird sich weisen. Sicher gibt es Gespräche, aber jetzt konzentriere ich mich einmal auf die Tour. Danach beschäftige ich mich mit der Zukunft. Darüber mache ich mir keine Sorgen. Wenngleich ich HTC-Highroad, auch Cavendish, viel zu verdanken habe. Wenn es eine Chance gibt, gehe ich mit ihm. Wenn nicht, so hätte ich auch kein Problem, in dieser Mannschaft zu bleiben.

ORF.at: Die Nummer eins bei einem Topteam reizt Sie nicht mehr?

Eisel: Dafür kauft mich keiner mehr. Weil sie genau wissen, dass ich in dem, was ich jetzt mache, der Beste oder einer der Besten bin. Ich bin absolut loyal und stecke meine eigenen Ziele zugunsten der Mannschaft zurück. Auf mich können sich die Kollegen in jeder Situation absolut verlassen. Das zählt, und das macht mich für eine Mannschaft wertvoll. Und nicht ein möglicher dritter Etappenrang bei der Tour.

ORF.at: Hat sich Cipollini, um auf Ihr Debüt zurückzukommen, für die Ohrfeige jemals entschuldigt?

Eisel: Nein. Wir sind damals im selben Jahr noch den Giro gemeinsam gefahren, haben geredet. Aber entschuldigt hat er sich nicht. War ja nicht der Rede wert, auch wenn mir im ersten Moment die Lade runtergefallen ist. In der Zwischenzeit habe ich solche Sachen selbst schon öfter gemacht. Wir sind eben nicht immer alle Freunde. Das ist der Sport. Es gibt Momente, in denen Fahrer das einfach brauchen. Das sind dann die mit der Halskrause (lacht).

Das Gespräch führte Michael Fruhmann, ORF.at

Publiziert am 05.07.2011