Themenüberblick

Offene Rechnung mit Giants

In der Welt der National Football League (NFL) sorgt das Duo Bill Belichick und Tom Brady seit zehn Jahren für größten Unterhaltungswert: der „Ungustl“, der dem Erfolg alles unterordnet, und der „Sonnyboy“, der für die Patriots zum größten Glücksgriff ihrer Geschichte wurde.

Am Sonntag greifen Trainer und Quarterback der New England Patriots gegen die New York Giants nach ihrem vierten gemeinsamen Super-Bowl-Titel. Zum fünften Mal stehen der 59-jährige Belichick und sein 34-jähriger Spielmacher Brady gemeinsam im Endspiel der NFL - ein neuer Rekord.

Drei Super-Bowl-Titel und 140 Siege

Es ist nicht der erste in der langjährigen Zusammenarbeit der beiden. Gemeinsam feierten sie 124 Siege im Grunddurchgang und gingen 16-mal im Play-off als Sieger vom Platz. Die drei NFL-Meisterschaften der New England Patriots gehen allesamt auf das Konto von Belichick und Brady. Und: In der Saison 2007/08 gelang dem Duo die einzige Regular Season ohne Niederlage seit Einführung eines 16-Spiele-Grunddurchgangs.

New England Patriots-Trainer Bill BelichickAP/Keith SrakocicBelichicks Wort ist für die Spieler der New England Patriots Gesetz

Dabei sind Trainer und Quarterback in ihrer Außenwirkung wie Tag und Nacht. Während Brady als Traum aller Schwiegermütter ein „Sonnyboy“-Image vor sich her trägt, spielt Belichick gerne die Rolle des Bösewichts. Der in Nashville (Tennessee) und in Annapolis (Maryland) aufgewachsene Coach sorgte schon mehrmals für Skandale. Seine Tätigkeit als Cheftrainer der New York Jets beendete er 1999 nach nur einem Tag. Just bei seiner Vorstellungspressekonferenz gab Belichick seine Kündigung bekannt - und wechselte ausgerechnet zum Erzrivalen nach New England.

Die „Spygate“-Affäre

Nicht nur diesen Eklat nahm man dem 59-Jährigen in New York übel. 2007 sorgte Belichick mit illegalen Videoaufnahmen des Trainings der Jets für Aufregung. Die Affäre, Spitzname „Spygate“, zementierte nicht nur den Ruf Belichicks als „Ungustl“ der Liga ein, sondern brachte auch noch die Rekordstrafe von 500.000 Dollar für den Trainer mit sich.

Zum Drüberstreuen verdonnerte die Liga auch den Verein selbst zu einer Geldstrafe von 250.000 Dollar. „Ich möchte mich bei den Patriots für die Peinlichkeit, die Aufregung und die Strafe, die durch mein Verhalten ausgelöst wurden, entschuldigen“, sagte der Trainer damals.

Brady und Patriots nutzen ihre Chance

Mehr Glück hatte Belichick beim College-Draft 2000. Den Patriots fiel in Runde sechs und als 199. Spieler insgesamt Quarterback Brady in den Schoß. Trotz guter Leistungen an der Michigan-Universität glaubte kein Team an die Fähigkeiten des Kaliforniers. Eine Einschätzung, die sich bis heute rächen sollte. Brady bekam dank der Verletzung von Spielmacher Drew Bledsoe im zweiten Saisonspiel seine Chance – und nutzte sie. Der Ehemann von Supermodel Gisele Bündchen führte die Patriots zum ersten Titel der Clubgeschichte. In den Saisonen 2003/04 und 2004/05 legte Brady nach.

Der Patriots-Star schrieb nicht nur mit seinen drei Titeln in den vergangenen zehn Jahren die Geschichte der Liga. In der Saison 2007/08 stellte Brady mit 50 Touchdowns einen neuen NFL-Rekord auf. Neben seinem großen Vorbild Joe Montana von den San Francisco 49ers ist der 34-Jährige der einzige Spieler, der mehrmals zum wertvollsten Spieler der Liga (zweimal) und der Super Bowl (dreimal) gekürt wurde. „Im Leben geht es darum, seine Chancen zu nutzen, denn man weiß nie, wann man sie bekommt“, sagte Brady am traditionellen Media Day vor dem diesjährigen Finale in Indianapolis.

Eine Rechnung ist noch offen

Mit seinem vierten Titel könnte der Spielmacher mit seinem großen Vorbild Montana gleichziehen. „Die Super Bowl ist der Grund, warum man all die Jahre so hart arbeitet. Ich kann es noch gar nicht glauben, dass unsere Saison bereits in ein paar Tagen zu Ende ist. Hoffentlich endet sie speziell für uns.“ Vorerst steht den Patriots noch eine riesige Hürde in Form der Giants im Weg.

Mit den New Yorkern haben Belichick und Brady zudem noch eine Rechnung offen. 2008 bei der Super Bowl in Arizona verhinderten ausgerechnet die Giants die perfekte Saison von 19 Spielen ohne Niederlage. „Es sind nicht mehr allzu viele Spieler von vor vier Jahren auf beiden Seiten dabei. Wir beschäftigen uns nicht damit, was vor vier Jahren war“, versuchte Belichick zu beschwichtigen.

Haben sich die Giants zu früh gefreut?

So richtig glauben konnte man es dem Patriots-Trainer jedoch nicht. Denn die 14:17-Niederlage im Finale gegen die Giants ist das dunkelste Kapitel in der Bilanz des erfolgreichsten Trainers der NFL. Vielleicht dreht sich aus Sicht der Patriots diesmal der Spieß um.

Denn sowohl in der Saison 2007/08 als auch heuer standen sich die beiden Teams bereits im Grunddurchgang gegenüber. Vor vier Jahren siegte New England in der Regular Season und verlor die Super Bowl, der Sieger im Grunddurchgang in dieser Saison: New York Giants.

Karl Huber, ORF.at aus Indianapolis

Links:

Publiziert am 05.02.2012