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Löw bleibt gelassen

Das 1:2 am Mittwochabend in Bremen gegen Frankreich hatte DFB-Teamchef Joachim Löw wenige neue Erkenntnisse geliefert, aber in Erinnerung gebracht, dass der Weg zum ersehnten EM-Coup in Polen und der Ukraine für Mesut Özil und Co. doch nicht so leicht ist, wie nach den letzten Spielen angenommen werden konnte.

Der Anschlusstreffer von Cacau (91.) war zwar der erste deutsche Treffer gegen Frankreich seit genau 22 Jahren. Der mäßige Gesamteindruck wurde dadurch nicht verbessert. Das gefallene Stimmungsbarometer in der Öffentlichkeit ist dem ehemaligen Tirol- und Austria-Trainer nach dem Fehlstart ins EM-Frühjahr nicht wo wichtig. „Manchmal ist die Euphorie zu überschwappend gewesen nach manchen Spielen. Ich glaube, unsere Basis ist gut“, sagte Löw.

Jubel der Franzosen Florent Malouda und Jeremy Menez

AP/Frank Augstein

Diesmal musste Deutschland dem anderen Team beim Jubeln zusehen

„Dann sehen sie mal, was geleistet werden muss“

„Wir haben auch schon vor dem Spiel gewusst, dass wir uns in einigen Dingen natürlich noch verbessern müssen Richtung EM“, sagte der DFB-Chefcoach. „Defensivarbeit mit der gesamten Mannschaft ist immer ein bisschen schwieriger. Das zu perfektionieren, da müssen wir schon auch arbeiten. Das war nicht unbedingt das Gelbe vom Ei“, sagte Löw. Der vermeintliche Abwehrchef Mats Hummels stimmte zu: „Man hat gesehen, dass nicht immer alles reibungslos läuft, sondern dass viel Arbeit dahintersteckt. Das können wir uns in der Vorbereitung zur EM oft eintrichtern, damit wir dann wieder erfolgreich spielen.“

Ein halbes Dutzend gegen Frankreich fehlende Stammkräfte von Bastian Schweinsteiger bis Jungstar Mario Götze ließ Löw nicht als Ausrede für den deutlichen Leistungsabfall im Vergleich zum Niederlande-Test (3:0) im November gelten. Er wollte dafür Spielern wie Dennis Aogo und Marco Reus das bei der EM geforderte Topniveau näherbringen. „Dann sehen sie mal, was so geleistet werden muss. Für einige war das mal wieder ein guter Gradmesser“, sagte Löw.

Nur noch wenige freie Plätze

Knapp 100 Tage bleiben Löw noch, dann sollen beim EM-Auftaktspiel gegen Portugal am 9. Juni in Lwiw (Lemberg) alle Unzulänglichkeiten behoben sein. Größere Kaderbaustellen hat der 52-Jährige bis zur Nominierung Anfang Mai nicht mehr. Die Auswahl des vorläufigen Aufgebots wird Löw direkt nach dem Saisonende der deutschen Bundesliga am 5. Mai vornehmen.

Sicher bei der EM dabei sind zumindest laut dpa: Manuel Neuer, Tim Wiese - Holger Badstuber, Jerome Boateng, Benedikt Höwedes, Mats Hummels, Philipp Lahm, Per Mertesacker - Mario Götze, Sami Khedira, Toni Kroos, Thomas Müller, Lukas Podolski, Mesut Özil, Marco Reus, Andre Schürrle, Bastian Schweinsteiger - Mario Gomez und Miroslav Klose.

Gesucht werden noch der dritte Torwart (Ron-Robert Zieler oder Marc-Andre ter Stegen), ein Back-up für Kapitän Philipp Lahm als linker Außenverteidiger (Dennis Aogo oder Marcel Schmelzer), ein Ersatzkandidat für die Sechser-Position (Lars Bender, Sven Bender oder Simon Rolfes) und ein dritter Angreifer. (Cacau empfahl sich mit seinem Tor in der Nachspielzeit).

Frankreich mausert sich

Nach ansprechender Leistung und der mittlerweile 18. Partie in Folge ohne Niederlage mausern sich nun auch die Franzosen zu einem echten Anwärter auf den Titel bei der Endrunde in Polen und der Ukraine. „Ein Sieg gegen eine große Nation ist immer eine gute Empfehlung. Mit so einer Leistung ist bei der Euro alles möglich“, sagte Louis Saha.

Grundsätzlich übten sich die Franzosen trotz des prestigeträchtigen Erfolgs in Zurückhaltung. „Wir wissen, dass noch viel Arbeit vor uns liegt, damit wir den Fortschritt bestätigen und solche Erfolge auch einmal in Pflichtspielen wiederholen“, sagte Teamchef Laurent Blanc. Der starke Goalie Hugo Lloris ergänzte: „Wir können uns freuen, wollen aber nicht euphorisch sein.“ Auch Löw hat die Franzosen im Juni auf der Rechnung. „Die Mannschaft ist individuell sehr, sehr gut. Und sie haben es jetzt auch geschafft, ein Team zu sein“, lobte der DFB-Teamchef.

Jubel von Arjen Robben (Niederlande)

APA/EPA/Andy Rain

Im Gegensatz zu den Bayern, spielt Robben im Nationaleam befreit auf

„Robben zeigt Bayern lange Nase“

Als Mannschaft präsentierten sich auch die Niederlande beim 3:2-Auswärtssieg gegen England. Die Niederländer konnten sich vor allem auf einen gut aufgelegten Arjen Robben verlassen, der einen Doppelpack erzielte und damit die Premiere von Englands Interimsteamchef Stuart Pearce vermasselte. Der „Daily Telegraph“ würdigte einen Robben, „der England zerrissen hat“.

„Ich weiß nicht, ob sie mein Match in Deutschland gesehen haben. Falls nicht, bringe ich ihnen eine DVD mit“, sagte der Niederländer nicht ohne Genugtuung. Mit zwei Geniestreichen zum 1:0 und zum Last-Minute-Siegtor war er der überragende Mann im Londoner Fußball-Tempel - und stellte später fest: „Der große Unterschied ist, dass ich hier viel Freiheit im Spiel bekomme und Selbstvertrauen durch den Coach.“

Im Umkehrschluss: Im Verein ist das wohl derzeit nicht so. „Robben zeigt den Bayern mit zwei Oranje-Treffern eine lange Nase“, titelte die niederländische Tageszeitung „De Telegraf“ am Donnerstag.

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