Themenüberblick
„Eine ernsthafte Peinlichkeit“
„Wer auch immer nach ihm kommt, für den wird es die Hölle“, nahm sich etwa Felipe Scolari, der selbst nach sieben Monaten als Chelsea-Coach 2009 rausgeflogen war, kein Blatt vor den Mund. „Einige Dinge sind ja bekannt: etwa dass der Clubbesitzer eine engere Beziehung zu einigen Spielern als zu dem Trainer hat“, sagte der brasilianische Weltmeister-Trainer von 2002. Für Arsenal-Coach Arsene Wenger wurde dem 34-jährigen Portugiesen schlicht zu wenig Zeit gegeben. „Es tut mir leid für ihn, denn er war sehr engagiert“, sagte der Franzose
APA/EPA/Kerim OktenRoman Abramowitsch: Wer das Geld hat, hat eben das SagenLMA-Vorsitzender Richard Bevan fuhr ebenfalls scharfe Geschütze gegen Abramowitsch, der seit 2003 Eigentümer des Londoner Clubs ist, auf. „Nach dem achten Trainer in neun Jahren zu suchen, ist eine ernsthafte Peinlichkeit für den Besitzer, den Club, die Fans und die Liga“, sagte Bevan am Montag dem britischen Sender BBC. „Was sicher ist: Trotz unbegrenzten Reichtums haben sie es bisher nicht geschafft, einen erfolgreichen Fußballclub aufzubauen.“
„Von vorne bis hinten ein Chaos“
Fakt ist, dass Abramowitsch derzeit mehr Millionen für Trainerentlassungen, -ablösungen und -entschädigungen zahlt als für neue Spieler. Spekuliert wird, dass der Rauswurf von Villas-Boas dem Russen kumuliert an die 60 Millionen Euro kosten könnte. Eine schöne Summe für einen Trainer, der gerade einmal acht Monate im Amt war. Zumindest kostet die Interimslösung kein Geld, denn Roberto di Matteo war vorher Kotrainer des ausgebooteten Portugiesen.
Ob der 41-jährige Italiener eine langfristige Lösung ist, steht nicht fest. Viel eher geht es bei dem ehemaligen Chelsea-Spieler darum, sich bis Ende der Saison überhaupt zu halten. „Die Spieler konnten Villas-Boas wegen seiner Arroganz nicht leiden, aber sie mögen Di Matteo noch weniger. Er ist einfach zu selbstherrlich. Vielleicht stehen sie zu Beginn noch hinter ihm. Nach ein paar schlechten Resultaten, wird es aber genauso schlimm sein wie vorher. Es ist von vorne bis hinten ein Chaos“, zitiert „The Sun“ eine Vereinsquelle.
Der heißeste aller Trainerstühle
Die Frage ist nur, welcher Coach sich den heißesten aller Trainerstühle im Fußballgeschäft noch antun möchte? Das Amt bei den „Blues“ ist voller Gefahren und endet zumeist mit einem warmen Händedruck. „Man muss guten Fußball und Titel bringen. Das ist das Ziel bei Chelsea. Der Besitzer hat das klargestellt und dafür bereits eine Menge Geld investiert. So läuft eben das Spiel“, erklärte Ex-Chelsea-Coach Avram Grant, dem nur ein verschossener Elfmeter von John Terry den Titel in der Champions League und danach den Job gekostet hatte.
Der Ruf nach „The Special One“
Derzeit gibt es wohl nur eine Handvoll Trainer, die es mit dem wankelmütigen Mäzen und seinen Einflüsterern aufnehmen könnten. Einer davon ist sicher Jose Mourinho. Die Fans würden sich eine Rückkehr von „The Special One“ wünschen, obwohl sich der Portugiese 2007 nicht im Guten von Abramowitsch trennte. Mourinho selbst heizt die Spekulationen um ein Comeback immer wieder an - zuletzt mit einer Hausbesichtigung in London.
Eine weiterer Coach wäre Guus Hiddink. Der Niederländer, der die „Blues“ 2009 betreut hatte, hat die beste Bilanz aller Trainer in der Abramowitsch-Ära. Der 65-Jährige hat allerdings erst im Februar einen hochdotierten Vertrag bei russischen Erstligisten Anschi Machatschkala, der ihn mit kolportierten zehn Millionen Euro im Jahr zum bestbezahlten Coach der Welt macht, unterschrieben. Eine Ablöse würde Chelsea abermals sehr teuer kommen.
Guardiola, Benitez und Deschamps
Seinen Vertrag noch nicht verlängert hat indes Josep Guardiola beim FC Barcelona. Vom Namen her würde der Trainer des Jahres 2011 perfekt zu Chelsea passen. Bei den Katalanen war Guardiola allerdings der Dirigent eines perfekt eingespielten Orchesters, bei Chelsea müsste auch er einen Umbau vornehmen, der Zeit kostet und nicht vom Fleck weg Erfolge garantieren würde.
Ein weiterer Name, der kolportiert wird, ist jener von Rafael Benitez. Der Ruf des Spaniers hat zwar mit dem missglückten Gastspiel bei Inter Mailand gelitten, trotzdem hat der 51-Jährige wohl noch die Autorität, die zahlreichen Stars zu führen.
Harry Redknapp ist ein weiterer möglicher Kandidat, hat er doch schon mehrmals bewiesen, dass er mit strauchelnden Teams den Turnaround schaffen kann. Er wäre der erste englische Trainer seit Glenn Hoddle im Jahr 1996. Auch Marseille-Coach Didier Deschamps, der als Spieler ein Jahr das Chelsea-Trikot trug, wäre ein möglicher Nachfolger von Villas-Boas.
Links:
Publiziert am 05.03.2012