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Erinnerungen an 2006
APA/EPA/ANSA/Alessandro di MeoItaliens Regierungschef Monti spricht sich für eine Pause aus„Würde es den Italienern nicht guttun, wenn wir dieses Spiel für zwei bis drei Jahre komplett stoppen würden?“, fragte der Regierungschef am Dienstag in Rom und sorgte damit kurz vor der EM für noch mehr Wirbel im angeschlagenen italienischen Fußball. Es sei „zutiefst enttäuschend“, wenn sich der Sport als unfair und manipuliert erweise, sagte Monti, der seinen Vorstoß aber nicht als Regierungsvorschlag gedeutet haben wollte.
Postwendend erntete der Ministerpräsident für seine Aussage aber scharfe Kritik. „Er redet Müll“, sagte Maurizio Zamparini, Präsident von Palermo, „bevor er vorschlägt, wir sollten Fußball stoppen, soll er darüber nachdenken, wie viel er mit seinen Gesetzen zerstört.“ Zamparini verwies zudem auf die 800 Mio. Euro, die der italienische Staat von den Fußballspielen an Steuern erhält.
Bonucci trotz Verdachts dabei
Bevor der Regierungschef mit seinen Gedankenspielen aufhorchen ließ, hatte Teamchef Cesare Prandelli versucht, die Lage zu beruhigen. Obwohl nach italienischen Medienberichten auch gegen Leonardo Bonucci wegen des Verdachts der Spielmanipulation ermittelt wird, berief der Coach der Squadra Azzurra den Verteidiger von Juventus Turin in sein EM-Aufgebot. „Bonucci hat keinerlei Bescheid von der Staatsanwaltschaft erhalten. Deshalb kommt er mit uns zur EM“, erklärte Prandelli am Dienstag.
Ob Bonucci nach Hause geschickt wird, wenn der Ermittlungsbescheid der federführenden Staatsanwaltschaften aus Cremona oder Bari doch noch eintrifft, ließ der Coach offen. Den als Abwehrspieler gesetzten Domenico Criscito hatte er nach Bekanntwerden der Ermittlungen aus dem Team für das Turnier in Polen und der Ukraine gestrichen. „Eine menschlich schwierige Entscheidung“, gab Prandelli zu.
„Schlimmer als 2006“
Polizisten hatten am Montag das Zimmer des Profis im Trainingslager der „Azzurri“ sowie dessen Haus in Genua durchsucht. Italienische Medien berichteten am Dienstag, dass die Vorwürfe gegen Bonucci nicht so schwerwiegend sein sollen wie gegen den Abwehrspieler von Zenit St. Petersburg. Bonucci fühlt sich indes für die EM stark genug. „Alles okay“, versicherte der 25-Jährige. Prandelli betonte, dass Bonuccis Situation nicht mit der Criscitos zu vergleichen sei.
AP/Marco VasiniBonucci erhält von Teamchef Prandelli vorerst noch RückendeckungDaniele De Rossi fürchtet dennoch schon jetzt die Ausmaße des Wettskandals. „Das ist schlimmer als 2006“, sagte der Mittelfeldspieler. Vor der WM 2006 waren nur Funktionäre in den Manipulationsskandal verstrickt. „Diesmal sind es Freunde und Teamkollegen der Nationalelf“, klagte De Rossi. Criscito will alsbald mit der Staatsanwaltschaft sprechen, Bonucci bei der EM auf andere Gedanken kommen. Der nicht nominierte Lazio-Rom-Star Stefano Mauri sitzt seit Montag hinter Gittern.
Angst vor EM-Krise
„Das ist traurig und bitter. Jetzt muss gut und schnell aufgeklärt werden“, forderte Italiens Fußballverbandspräsident Giancarlo Abete. „Schnell“ heißt für ihn aber: nach der EM. „Die Staatsanwaltschaft hat danach alle Zeit“, sagte Abete. Der Verbandsboss fürchtet, dass die immer größer werdende Unruhe dem Team in den Gruppenspielen gegen Spanien, Kroatien und Irland zum Verhängnis werden könnte.
„So einen Sturm gab es noch nie. Was für ein Chaos bei der Nationalelf“, titelte der „Corriere dello Sport“ am Dienstag. „Ein Alptraum“, meinte die „Gazzetta dello Sport“. Prandelli versprach Medien und Fans am Nachmittag im Fernsehen: „Wir wollen aufräumen!“ Der Zeitpunkt für die landesweite Razzia mit 19 Festnahmen und dem spektakulären Polizeieinsatz im Morgengrauen im Trainingszentrum Coverciano ist Gift für seine Nationalelf. Prandelli und De Rossi machten der Justiz dennoch keine Vorwürfe.
„Sie haben es gemacht, wann es gemacht werden musste. Solche Ermittlungen sind wichtiger als eine EM“, erklärte De Rossi. Der Mittelfeldspieler der AS Roma stand 2006 in der WM-Mannschaft, die dem Ligaskandal trotzte. Irlands Coach Giovanni Trapattoni will seine Landsleute deshalb auch noch nicht abschreiben. „Die WM 2006 hat gezeigt, dass Skandale eine positive Reaktion zur Folge haben können“, meinte Trapattoni.
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Publiziert am 30.05.2012