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Platinis Sturheit rächt sich bitter
In der Donbass Arena von Donezk lief am Dienstag die 62. Minute, als sich ein Schuss des ukrainischen Stürmers Marko Devic über den englischen Keeper Joe Hart hinweg in Richtung Tor senkte. Der Ball überquerte knapp, aber für alle Fernsehkameras deutlich sichtbar die Linie, bevor ihn John Terry wieder zurück ins Feld beförderte. Kassai ließ weiterspielen, weil ihm der Torrichter trotz bester Sicht auf den Ball nicht den entscheidenden und einzig richtigen Hinweis gegeben hatte. Dass Devic davor aus dem Abseits gestartet war, ging völlig unter.
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Grobe Fehleinschätzungen
Auch zehn Augen können nicht mehr sehen als eine Kamera - eine Tatsache, die von der UEFA genauso wie von der FIFA nach wie vor ignoriert wird. Beim 1:0-Sieg der Engländer am Dienstag in Donezk, wo sich nach Polen auch das zweite EM-Heimteam nach der Vorrunde verabschieden musste, flog den hohen Herren der Dachverbände ihre eigene Sturheit wieder einmal um die Ohren. Im Gegensatz zu einem Computerchip im Ball oder einer Torlinienkamera ist der Torrichter nämlich immer noch ein Mensch, dem Fehler passieren können.
APA/EPA/Tolga BozogluAuch Oleg Blochin würde Michel Platini wohl gerne das eine oder andere sagen„Man braucht solche Systeme nicht: Technik, Satellit, GPS oder einen Chip im Ball“, hatte UEFA-Präsident Michel Platini erst kurz vor dem Turnier nochmals bekräftigt. Und der Franzose legte sich sogar fest, dass eine Fehlentscheidung wie im Falle von Lampard bei der WM in Südafrika hier bei der EM nicht passieren könne. „Weil es der Job des Torrichters ist, zu sehen, ob der Ball hinter der Linie ist.“ Mit dieser Aussage hat Platini zwar recht, nur erledigte der Torrichter seinen Job trotz bester Sicht auf den Ball zum Leidwesen der Ukrainer nicht.
„Das Tor hätte das Spiel verändert“
Genauso wenig wie der deutsche Additional Assistant Referee beim Spiel Spanien gegen Kroatien, der dem Hauptschiedsrichter Wolfgang Stark nicht anzeigte, dass Sergio Ramos unmittelbar vor ihm ein klares Elfmeterfoul an Mario Mandzukic begangen hatte. Doch während FIFA-Boss Sepp Blatter zumindest mehrere Möglichkeiten austestet und dabei die Torlinientechnologie favorisiert, lehnt Platini das kategorisch ab. „Das ist die EM mit den bisher besten Schiedsrichterleistungen“, hatte er noch Anfang der Woche gesagt.
„Das Tor hätte das Spiel verändert“, durfte sich Platini nun in den Interviews vom ukrainischen Starstürmer Andrej Schewtschenko anhören. „Ich sage nicht, dass es ein absichtlicher Diebstahl unseres Treffers war. Aber ich verstehe nicht, warum wir keine Technologie benutzen“, fügte der 35-jährige, 111-fache Internationale nach dem letzten Bewerbsspiel seiner Teamkarriere hinzu. Trainer Oleg Blochin war da schon einen Schritt weiter gegangen. „Die Schiedsrichter haben uns ein Tor gestohlen“, tobte er nach dem Ausscheiden.
APA/EPA/Kim LudbrookJeder konnte es auf den TV-Bildern sehen, nur Referee und Torrichter nichtEngland mit breiter Brust ins Viertelfinale
Im Schatten der heftigen Diskussionen über das nicht gegebene Tor freuten sich die Engländer und ihr erst seit Anfang Mai amtierender Teamchef Roy Hodgson über den ersten Platz vor Frankreich. „Und das war keine einfache Gruppe“, betonte Kapitän Steven Gerrard zu Recht. Vor der EM war man auf der Insel als schlechteste englische Turnierauswahl aller Zeiten abgestempelt worden. Nun sind die „Three Lions“ unter Hodgson fünf Spiele ungeschlagen (inklusive Testpartien vor der Euro) und treffen am Sonntag im Viertelfinale auf Italien.
Pragmatisch, unaufgeregt und konsequent - wie es die Arbeitsweise ihres Teamchefs ist - sind die Engländer auch gegen die Ukraine aufgetreten. Diszipliniert in der Defensive, phasenweise auch inspiriert vom immer besser in Fahrt kommenden Gerrard, vor allem aber auch äußerst effektiv im Abschluss präsentiert sich die Hodgson-Elf bei dieser EM. „Fast niemand hat an uns geglaubt“, sagte Gerrard nach dem 1:0-Erfolg durch das Tor von Wayne Rooney. „Jetzt haben wir das Momentum genau zum richtigen Zeitpunkt auf unserer Seite.“
Gerrard blüht auf, Hart hält, Rooney trifft
Auf die abfälligen EM-Prognosen der nicht gerade zimperlichen englischen Presse habe man laut Gerrard genau die richtige Antwort gegeben. „Wir sind Manns genug, um so etwas wegzustecken“, betonte der Liverpool-Spielmacher, dem die Absenz des verletzten Chelsea-Regisseurs Lampard gutzutun scheint. Gerrard darf - anders als bei den letzten Turnieren - im Mittelfeld schalten und walten. In den voreilig gepriesenen Traumlinien mit Lampard und David Beckham war man sich 2002, 2004 und 2006 zu oft auf den Zehen gestanden.
APA/EPA/Robert GhementKapitän Steven Gerrard steht mit den „Three Lions“ im ViertelfinaleIn Joe Hart hat England außerdem einen Keeper, der mehr Sicherheit ausstrahlt als vier bis fünf seiner Vorgänger zusammen. Der Goalie von Meister Manchester City machte bei der EM da weiter, wo er in der Premier League aufgehört hatte. Sicher bei den Flanken, konsequent und hellwach beim Herauslaufen, reaktionsstark auf der Linie verleiht er seinen Kollegen den nötigen Rückhalt. Dass John Terry als Abwehrchef und Außenverteidiger Ashley Cole ihre Form aus der erfolgreichen CL-Saison mit Chelsea konservierten, hilft ebenfalls.
Rooneys triumphale Rückkehr nach seiner Zweispielesperre setzte dem Ganzen schließlich die Krone auf. „Wir sind jetzt ein echtes Team mit vielen guten Spielern, die alle ihren Job machen“, brachte es Gerrard auf den Punkt. „Ich glaube auch nicht, dass wir hier über unseren Möglichkeiten spielen. Im Gegenteil: Wir spielen bei diesem Turnier endlich einmal auf dem Level, zu dem das Team fähig ist. In den letzten Jahren sind wir den Ansprüchen nie gerecht geworden.“ Gerrard vergaß nicht, sich bei den 3.000 englischen Fans in Donezk zu bedanken. Am Sonntag in Kiew werden es schon weit mehr sein.
Harald Hofstetter, ORF.at aus Donezk
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Publiziert am 20.06.2012