Themenüberblick

Entscheidung mit Tücken

Tor oder kein Tor? Diese Frage kann im Fußball künftig durch technische Hilfsmittel beantwortet werden. Das FIFA-Regelkomitee IFAB gab am 5. Juli in Zürich grünes Licht für die Einführung technischer Systeme, die dem Schiedsrichter anzeigen, ob der Ball die Torlinie überschritten hat oder nicht. Die Revolution hat aber noch offene Fragen.

Das IFAB erlaubt sowohl das bereits beim Tennis erprobte Hawk-Eye zur Überwachung der Torlinie (Torkamera) als auch das GoalRef-System (Chip im Ball). Beide technischen Hilfsmittel waren bereits in den vergangenen Monaten intensiv getestet worden. Die Entscheidung des Gremiums unter Vorsitz von FIFA-Präsident Joseph Blatter fiel einstimmig aus. Gegen einen weiteren Einzug von Technik auf dem Fußballfeld sprachen sich die acht Regelwächter übrigens aus. Der Videobeweis bei strittigen Szenen auf dem Feld scheint damit bis auf weiteres vom Tisch zu sein.

FIFA-Generalsekretär Jerome Valcke bei der Pressekonferenz zur TorlinientechnologieAPA/EPA/Keystone/Steffen SchmidtFIFA-General Jerome Valcke präsentiert die Richtlinien für künftige Tortechnik

Schauen, was passiert

Allerdings soll der Einsatz der neuen Systeme auf FIFA-Ebene vorerst nur für die Club-WM im Dezember in Japan, den Confederations Cup 2013 und die WM 2014 in Brasilien gelten. Bei der Club-WM wird in zwei Stadien gespielt, in jedem Stadion kommt eine andere Technologie zum Einsatz. Je nach Bewährung der verschiedenen Systeme wird über den weiteren Einsatz entschieden.

Die infrage kommenden technischen Systeme können in Zukunft weiterentwickelt und durch andere Firmen oder Technologien ersetzt werden, müssen jedoch vom Weltverband zertifiziert werden, um endgültig zum Einsatz zu gelangen. Genehmigt wurde auch der weitere Einsatz von zusätzlichen Schiedsrichterassistenten. Jeder Veranstalter soll selbst entscheiden können, ob Torrichter eingesetzt werden.

Offene Fragen

Mit der Entscheidung findet die jahrelange Diskussion über den Technikeinsatz im Fußball daher nur ein vorläufiges Ende. Denn nationale Verbände oder die österreichische Bundesliga müssen den Zeitpunkt für die Einführung selbst bestimmen - und die Kosten in erwarteter Millionenhöhe tragen. Die Regelwächter der IFAB hielten sich in dieser Angelegenheit nobel zurück.

Sie seien nur für das Regelwerk zuständig, so IFAB-Vertreter und FIFA-Generalsekretär Jerome Valcke am Donnerstag in Zürich. Was die einzelnen Verbände damit machen, sei deren Sache. „Der Ball liegt bei den Deutschen“, sagte der Belgier etwa auf die Frage eines deutschen Journalisten, ob die Einführung dieser Technologie in der deutschen Bundesliga auch von der FIFA bezahlt werde.

ÖFB wartet zu

ÖFB-Präsident Leo Windtner nahm im ORF-Kurzsport Stellung, wollte aber noch keine konkreten Aussagen treffen. Für ihn war auch die Kostenfrage und der Systementscheid vorrangig: „Wir kennen die Übergangsfristen der FIFA noch nicht, das geht nicht von heute auf morgen. Wir wissen noch nicht wie die UEFA darauf reagiert, es wäre vernünftig, wenn sich die beiden großen Verbände einig sind. Diese Umstellung bedarf auch einiger Investitionen und wird einiges kosten.“

Der deutsche Ligapräsident Reinhard Rauball die Einführung technischer Hilfsmittel im Fußball jedenfalls begrüßt. „Ich freue mich, dass die Tür für die Torlinientechnologie und den Chip im Ball jetzt offen ist. Das ist für die Zukunft des Fußballs ein erster wichtiger Schritt“, sagte der Vereinschef von Borussia Dortmund der „Bild“-Zeitung.

Eine Einführung in der Bundesliga schon zur neuen Saison ist für Rauball nach der Entscheidung des FIFA-Regelkomitees IFAB am Donnerstag „absolut ausgeschlossen“. „Ich kann mir das frühestens zur Saison 2013/14 vorstellen“, erklärte Rauball. Die englische Premier League überlegt laut Verbandsvertretern dennoch, technische Hilfsmittel bereits in der kommenden Saison einzuführen.

FIFA-Präsident Joseph Blatter posiert mit Ball auf der TorlinieReuters/Michael BuholzerNach schwerwiegenden Fehlentscheidungen war auch Blatter für die Torlinientechnik

Immer wieder Fehlentscheidungen

Die Einführung in vielen Verbänden und bei Kontinentalturnieren könnte ob der hohen Kosten aber schleppend verlaufen. Zudem ist selbst Hawk-Eye nicht eindeutig, wenn ein Spieler auf dem Ball liegt. Erst seit den Fehlentscheidungen der WM 2010 in Südafrika zeigte sich auch Blatter aufgeschlossen gegenüber Torlinientechnologien.

Neue Nahrung hatte die Diskussion zuletzt bei der EM in Polen und der Ukraine erhalten, als England-Verteidiger John Terry im entscheidenden Gruppenspiel gegen die Ukraine (1:0) einen Ball mutmaßlich erst hinter der Linie klärte, der Treffer aber nicht zählte. Zwei Jahre davor waren die Engländer noch die Leidtragenden gewesen, als im WM-Achtelfinale gegen Deutschland (1:4) ein Lattenpendler von Frank Lampard klar hinter der Torlinie landete, der 2:2-Ausgleich aber nicht anerkannt wurde.

Kopftücher erlaubt, Designfrage offen

Neben der Torlinientechnologie und der weiteren Erlaubnis von Torrichtern nach Ablauf einer zweijährigen Testphase beschloss das IFAB in seiner Sondersitzung auch die Erlaubnis von Kopftüchern. Dieser Erlass betrifft vor allem Spielerinnen islamischen Glaubens. Art, Design und Farbe der erlaubten Kopftücher werden jedoch erst im Oktober bei einer weiteren Sitzung in Glasgow festgelegt. Zudem gilt auch für die Kopftücher eine Testphase.

Blatter: „Absolut historisch“

Blatter bezeichnete die Einführung technischer Hilfsmittel als „absolut historisch“. Sie sei gut für den Fußball und die Fans, betonte der FIFA-Chef in einem Interview mit dem Schweizer Fernsehen. „Es gibt keine Pflicht, aber für uns war es ein Muss“, erläuterte Blatter die Entscheidung des IFAB, dem Vertreter des englischen, schottischen, walisischen und nordirischen Verbandes sowie der FIFA angehören.

„Der Fußball hat sein menschliches Gesicht behalten. Wenn man Hilfe hat, muss man die auch einsetzen. Für uns als FIFA war klar, was 2010 passiert ist, darf sich nicht wiederholen“, sagte der Schweizer mit Blick auf Frank Lampards „Phantomtor“ im WM-Achtelfinale zwischen England und Deutschland.

Links:

Publiziert am 25.07.2012