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Wenn sich Spieler Luft machen

„Machen Sie keine Geräusche während der Ballwechsel. Applaudieren sich nicht bei einem Netzball oder bei einem Doppelfehler.“ Das sind die strengen Regeln für die Zuschauer beim traditionsbewussten Turnier in Wimbledon. Bei den „Championships“ wird viel Wert auf die Etikette abseits des Platzes gelegt. Doch auf dem Court ist die Geräuschkulisse oft weniger zurückhaltend.

Vor allem die US Open vom 27. August bis 9. September in Flushing Meadows im New Yorker Stadtteil Queens gelten seit jeher als das „lauteste“ der vier Grand-Slam-Turniere, wo sich Spieler und Zuschauer gleichermaßen danebenbenehmen. Es quiekt, grunzt, kreischt und brummt rund um die Plätze. Die Kakophonie auf der Anlage des „Billie Jean King National Tennis Center“ wird gespeist durch die Zuschauer, den Fluglärm und das Stöhnen der Spieler selbst, das oft an die Lautstärke der Flugzeuge herankommt.

Victoria AzarenkaGEPA/ Alan Grieves Wenn Asarenka den Ball trifft, tut sie das nicht geräuschlos

Die „Scream Queens“

Für Tennislegende Martina Navratilova ist das Stöhnen auf dem Platz nicht nur störend, sondern auch unfair. Serena Williams bemerkt nach eigenen Angaben nicht einmal, welche Geräusche sie auf dem Platz von sich gibt, und Maria Scharapowa kann nicht mehr anders. Sie schreit auf dem Platz, seit sie denken kann. Das Problem ist nicht neu. Bereits Jimmy Connors stöhnte, und auch Thomas Muster verlieh seinen Schlägen oft verbalen Nachdruck.

Monica Seles führte das Gekreische der Tennisdamen in den 1990ern in neue Höhen. Ihr hochfrequentes, zweiteiliges „Ah-hiii“ begleitete ihre beidhändigen Schläge so zuverlässig wie der Stau die Autofahrer auf der Wiener Südosttangente: mit hoher Wahrscheinlichkeit vorauszusagen und genauso mühsam. Doch bei vielen Sportlern ist der Ausstoß von Geräuschen nicht unbeabsichtigt, sondern eine notwendige Routine und hilft auch, die Konzentration aufrechtzuerhalten.

„Kreisch-Stöhnen“ wie ein Presslufthammer

Seles erinnerte sich, seit ihrem ersten Tennistag als Sechsjährige gestöhnt zu haben, weil sie relativ klein war und ihre gesamte Kraft in die Schläge legen wollte. So auch Scharapowa, die mit der aktuellen Nummer eins Viktoria Asarenka nicht nur die Damen-Weltrangliste beherrscht, sondern auch die Reihung der „Scream Queens“ anführt. Das Finale der Australian Open 2012 wurde deshalb auch in „Scream Queens Final“ umgetauft.

Über 90 Dezibel wurden bei Asarenkas charakteristischem „Ah-oooh“-Stöhnen gemessen. Scharapowa soll schon 100 Dezibel erreicht haben. Damit befinden sie sich irgendwo zwischen einem schweren Lastwagen und einem Presslufthammer. „Ich kann das nicht einfach abstellen“, meinte Scharapowa einmal nach einer Kritik an ihrer Lautstärke auf dem Platz. „Ich mache das, seit ich vier Jahre alt war, und nach über 20 Jahren ist es fast unmöglich, jetzt darauf zu verzichten.“

Umschulung statt „Stöhn-o-Meter“

Die Verantwortlichen wollen das Problem jedenfalls in Angriff nehmen, wenn auch nur eine längerfristige Lösung realistisch scheint. Im Gespräch bei WTA und ITF waren bereits „Stöhn-o-Meter“, Lärmmessgeräte, mit deren Hilfe die Oberschiedsrichter die Lautstärke der Schreie und damit die Belästigung für Zuschauer und Spieler einordnen können. Doch solche Geräte dürften in naher Zukunft keinen Platz auf dem Platz haben.

WTA-Chefin Stacey Allaster setzt ihre Hoffnung bei der Beruhigung der Lage vielmehr in eine Umschulung künftiger Tennisgenerationen. Von aktiven Spielerinnen könne man nicht verlangen, ihre Bewegungsabläufe und Atemtechniken zu ändern, so Allaster: „Experten haben uns versichert, dass eine Umstellung einen deutlich negativen Einfluss auf die Leistung der Spielerinnen hat.“

Kim Clijsters (Belgien) WTA-Chefin Stacey Allaster und Caroline Wozniacki (Dänemark)APA/EPAWTA-Chefin Stacey Allaster (Mi.) kümmert sich um das „Schrei“-Problem

Die stille Generation

„Wir wollen das exzessive Stöhnen aus dem Tennis bringen, ohne unsere Spielerinnen zu benachteiligen, die das Spiel so gelernt haben“, meinte Allaster. Einen Zeitplan für dieses langfristige Projekt gibt es nicht. „Das ist der Anfang, mit diesem Problem umzugehen, durch Spielererziehung und Regelanpassungen.“ Derzeit besteht nur die Möglichkeit, bei „Behinderung“ des Gegners Punkte abzuziehen.

Scharapowa begrüßt die Initiative von Allaster: „Sie hat mit mir darüber gesprochen und sich als Erste wirklich damit auseinandergesetzt. Mir gefällt ihre Idee, bereits in den Tennisschulen das Problem an der Wurzel zu packen.“ Ein guter Ansatz, aber ein langwieriger.

Ein rasches Vorgehen gegen die „Stöhner“ wäre nicht nur für die Zuschauer, sondern auch für manche Spieler von Vorteil. Wird das Kreischen doch auch bewusst als taktisches Mittel angewendet. So werden bei den Williams-Schwestern Venus und Serena die Schreie umso lauter, je wichtiger die Punkte sind, um die es geht. Bei Asarenka begleitet ihr „Ah-oooh“ den Ballwechsel vor und nach dem Schlag.

Laut ist nicht unbedingt gut

Für „Stöhnen“ werden jedoch nur selten Strafpunkte vergeben. Die Regel besagt lediglich: „Wenn ein Spieler durch eine absichtliche Aktion des Gegners behindert wird, den Ball zu spielen, bekommt der Spieler einen Punkt.“ Serena Williams musste im Finale der US Open 2011 einen Punktabzug hinnehmen, weil sie bereits vor dem Schlag von Samantha Stosur schrie. Bei den French Open 2012 sprach ihr der Stuhlschiedsrichter zweimal Punkte zu, weil die Gegnerin zu lautstark agierte.

Der ehemalige Spitzenspieler Brad Gilbert, ein Experte auf dem Gebiet „mentale Kriegsführung auf dem Platz“ und Mitverfasser des Tennis-Klassikers „Winning ugly: Wie man bessere Gegner besiegt“, ist jedoch überzeugt, dass das Stöhnen aufhört, wenn dafür mehr Punktstrafen ausgesprochen werden. Dass Kreischen und Stöhnen nicht unbedingt notwendig ist, beweist der wohl ruhigste Spieler im Tenniszirkus, der auch gleichzeitig der erfolgreichste ist: Roger Federer.

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Publiziert am 23.08.2012