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Reus, Özil treffen ins rot-weiß-rote Herz

Im ersten Pflichtspiel unter Teamchef Marcel Koller hat Österreichs Nationalteam gegen Deutschland eine beherzte und über weite Strecken bärenstarke Leistung geboten. Die Sensation zum Auftakt der WM-Qualifikation blieb am Dienstag dennoch aus. Vor 47.000 Zuschauern im ausverkauften Ernst-Happel-Stadion musste sich die ÖFB-Auswahl den DFB-Stars unglücklich 1:2 geschlagen geben.

Marco Reus (44.) und Mesut Özil (52./Elfmeter) waren die Sargnägel für die zumindest ebenbürtigen Österreicher, für die Zlatko Junuzovic (57.) nur noch der Anschlusstreffer gelang. Mit aggressivem Pressing über die gesamte Spielzeit und schnellen Kombinationen im Angriff hatten sie den haushohen Favoriten immer wieder in Bedrängnis gebracht. Am Ende hatten die Deutschen aber mehr Glück und musste Österreich einigen vergebenen Großchancen nachtrauern.

Fantastische Kulisse für elf ÖFB-Legionäre

Ein Spektakel war der Klassiker gegen die Deutschen bereits lange vor dem Anpfiff gewesen. Rund um das Happel-Stadion herrschte eine elektrisierende Atmosphäre. Eine halbe Stunde vor dem Anpfiff platzte das Prateroval schon aus allen Nähten. Als der Niederländer Björn Kuipers die Partie um exakt 20.35 Uhr anpfiff, hatten Rainhard Fendrichs „I am from Austria“, der altehrwürdige Radetzkymarsch und nicht zuletzt die Nationalhymne das Publikum auf Hochtouren gebracht.

ÖFB-Cheftrainer Koller hatte wie erwartet eine Startformation mit elf Legionären aufgeboten. Ein kurzer Blick auf die Liste der Clubs der deutschen Anfangself reichte trotzdem aus, um den haushohen Favoritenstatus des dreifachen Weltmeisters noch einmal deutlich werden zu lassen. Ein Fünferblock von Bayern München, drei Dortmund-Profis, zwei „Königliche“ von Real Madrid und Lazio-Torjäger Miroslav Klose stellten sich mit breiter Brust der Herausforderung durch den rot-weiß-roten Underdog im Rennen um ein WM-Ticket.

Fulminanter Beginn

Die Gänsehautstimmung übertrug sich in den ersten Momenten des Spiels direkt auf den Rasen. 50 Sekunden waren absolviert, als Innenverteidiger Emanuel Pogatetz (Wolfsburg) im Mittelfeld Klose von hinten in die Beine fuhr. Drei Minuten später lief Solospitze Martin Harnik alleine auf das deutsche Tor, nachdem DFB-Verteidiger Mats Hummels einen unglaublichen Fehlpass zu Julian Baumgartlinger gespielt hatte. Der Mainz-Mittelfeldmann schickte den Stuttgart-Stürmer in Richtung Goalie Manuel Neuer. Der nachgeeilte Holger Badstuber fälschte Harniks Schussversuch aber im letzten Moment ab.

Julian Baumgartlinger und Toni KroosORF.at/Christian ÖserJulian Baumgartlinger war einer der stärksten Österreicher

Auf der anderen Seite stand ÖFB-Keeper Robert Almer (Düsseldorf) gleich mehrmals im Mittelpunkt. Zunächst offenbarte er bei zwei Rückpässen einiges an Anfangsnervosität. Dann machte Almer (10. Minute) aber gegen den im Strafraum frei stehenden Thomas Müller die erste hundertprozentige Chance der Deutschen zunichte. György Garics (Bologna) hatte die gefährliche Aktion mit einem schweren Abspielfehler auf der rechten Seite eingeleitet. Im Gegenstoß hatte Harnik aber schon wieder die Führung für Österreich auf dem Fuß.

Österreich mit perfektem Pressing

Nach Vorarbeit von Marko Arnautovic (Bremen) und Andreas Ivanschitz (Mainz) schoss er ebenso knapp an der linken Stange vorbei wie Ivanschitz (15.) aus knapp 20 Metern Entfernung am rechten Pfosten. Als Almer einen wuchtigen Kopfball von Müller parierte, waren 20 sensationelle Minuten gespielt. Die Österreicher präsentierten sich so, wie sie es versprochen hatten: extrem aggressiv, lauffreudig und respektlos offensiv. Eine Schwalbe von Harnik (27.) im Strafraum, nachdem er Badstuber im Rücken gespürt hatte, war aber unnötig.

Das von Koller in Auftrag gegebene, bedingungslose Pressing hatte man in den letzten Tagen noch einmal verinnerlicht. Baumgartlinger etwa ließ Real-Star Özil im Mittelfeld keinen Zentimeter Platz. Auch das Umschalten bei Ballgewinn musste den Schweizer ÖFB-Teamchef in der ersten Hälfte zufrieden machen. Über Junuzovic (Bremen) wurde in der Zentrale direkt nach vorne gespielt. Ivanschitz und fallweise Arnautovic stellten die nicht wirklich sattelfeste DFB-Viererkette ebenfalls vor Probleme.

Niederschmetterndes Gegentor vor der Pause

Typisch die Situation, als Junuzovic (36.) einem zu weiten Pass noch hinterhersprintete und von Neuers missglücktem Abschlag beinahe goldrichtig getroffen wurde. Bundestrainer „Jogi“ Löw und seine Mannschaft hätten wahrlich froh sein können, wenn es zur Halbzeit 0:0 gestanden wäre. Dass die Deutschen dann zum denkbar ungünstigsten Zeitpunkt sogar noch in Führung gingen, war für Kollers bärenstark aufgetretenen Schützlinge in der 44. Minute niederschmetternd.

Frustrierte Österreicher nach dem 1:0ORF.at/Christian ÖserDas unnötige 0:1 traf die österreichische Mannschaft bis ins Mark

Dortmund-Goalgetter Reus stellte dabei einmal mehr seine Torgefährlichkeit unter Beweis. Auf der von ihm aus gesehen linken Seite erwischte er Garics nach einem Pass von Sami Khedira buchstäblich auf dem falschen Fuß. Reus tanzte den zuvor falsch postierten ÖFB-Außenverteidiger im Strafraum aus, Pogatetz kam beim darauf folgenden Schuss knapp zu spät, und Almer konnten den Ball mit den Fingerspitzen nur noch ins Netz ablenken.

Zweiter Nackenschlag knapp danach

Für Reus war es die letzte Aktion in diesem Match. Nach der Pause ersetzte ihn Löw durch seinen Borussia-Clubkollegen Mario Götze. Die Österreicher kamen personell unverändert aus der Kabine, wurden mit aufmunterndem Beifall empfangen und versuchten, ihren engagierten Auftritt nahtlos fortzusetzen. Was eine absolute Klassemannschaft auszeichnet, nämlich jeden Fehler des Gegners eiskalt zu bestrafen, demonstrierten die Deutschen aber noch einmal in Perfektion.

Wenn es für Österreich gefährlich wurde, dann meistens über die linke deutsche Angriffsseite, wo Garics seine liebe Not hatte. Und so kam der Ball in der 51. Minute von links über Götze zu Müller, der knapp innerhalb der Sechzehnmeterlinie von Veli Kavlak niedergerannt wurde. Da der Besiktas-Legionär von hinten nur Müllers Beine traf, entschied Referee Kuipers völlig zu Recht auf Elfmeter. Özil trat an und verwandelte den Strafstoß souverän in die rechte untere Ecke zum 2:0 für die Gäste.

Schnelle und richtige Antwort

Das Kämpferherz der Österreicher war an diesem Abend aber noch nicht gebrochen. Zunächst brachte Koller Rapid-Stürmer Guido Burgstaller für Harnik. Dann leitete Arnautovic mit einer schönen Einzelaktion die richtige Antwort auf das zweite Gegentor ein. Der Werder-Offensivkünstler spielte auf der rechten Seite die Deutschen Götze und Marcel Schmelzer schwindlig und brachte den Querpass perfekt in den Fünfmeterraum, wo der herangestürmte Junuzovic den Ball in der 57. Minute zum 1:2 über die Linie drückte.

Zlatko Junuzovic jubeltORF.at/Christian ÖserZlatko Junuzovic brachte die Österreicher noch einmal ins Spiel

Sofort war das Publikum wieder voll da. Dass es eine spannende Schlussphase erleben durfte, verdankte es auch Goalie Almer, der bei einem abgefälschten Schuss von DFB-Kapitän Philipp Lahm (59.) großartig reagierte. Der Bayern-Routinier wiederum brachte in der 72. Minute Burgstaller mit einem schweren Rückpassfehler im Strafraum gut in Position. Der eingewechselte Rapid-Angreifer entschied sich aber für den falschen Haken nach außen und verstolperte so gegen Neuer die Riesenchance auf den Ausgleich.

Arnautovic vergibt „Hundertprozentige“

Für die letzte Viertelstunde brachte Koller dann Neo-Moskau-Legionär Jakob Jantscher. Der diesmal enorm spielstarke und kampfkräftige Ivanschitz war über die Auswechslung ebenso wenig begeistert wie über den Rückstand. Die Österreicher drückten weiter, auch wenn die Kräfte bei einigen Akteuren etwas nachließen. Als in den letzten Minuten noch Marc Janko für Baumgartlinger kam, saß im Happel-Stadion kaum noch jemand auf seinem Sessel.

Und beinahe hätte es im Duell mit dem übermächtigen Erzrivalen doch noch ein Happyend gegeben. Jantscher brauste in der 87. Minute auf der linken Seite heran und spielte einen idealen Stanglpass zur Mitte, wo Arnautovic schon im Fünfmeterraum lauerte. Doch der sonst an diesem Abend sehr ballsichere Bremen-Profi traf den Ball nicht richtig und setzte den „Matchball“ zum Ausgleich neben das deutsche Tor. Damit war der glückliche Sieg für die Löw-Elf endgültig durch. Der starke Auftritt der Österreicher blieb unbelohnt.

Harald Hofstetter, ORF.at

WM-Qualifikation, Gruppe C

Dienstag:

Österreich - Deutschland 1:2 (0:1)

Ernst-Happel-Stadion, 47.500 Zuschauer, SR Kuipers (NED)

Torfolge:
0:1 Reus (44.)
0:2 Özil (52./Elfmeter)
1:2 Junuzovic (57.)

Österreich: Almer - Garics, Prödl, Pogatetz, Fuchs - Baumgartlinger (85./Janko), Kavlak - Arnautovic, Junuzovic, Ivanschitz (75./Jantscher) - Harnik (55./Burgstaller)

Deutschland: Neuer - Lahm, Hummels, Badstuber, Schmelzer - Khedira, Kroos - Müller, Özil, Reus (46./Götze) - Klose (75./Podolski)

Gelbe Karten: Prödl, Fuchs, Baumgartlinger bzw. Lahm

Die Besten: Baumgartlinger, Harnik, Prödl, Junuzovic bzw. Khedira, Müller

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Publiziert am 12.09.2012