Themenüberblick

„Das Glück muss man eben erzwingen“

Als Spiel der vergebenen Chancen, aber auch als eine der besten Leistungen des ÖFB-Teams seit geraumer Zeit wird das bittere 1:2 zum WM-Qualiauftakt gegen Deutschland zu den Akten der österreichischen Fußballgeschichte gelegt werden. Dass die DFB-Elf im ungleichen Nachbarschaftsduell den achten Sieg in Serie feierte, verdankte sie der Cleverness und Kaltschnäuzigkeit einer Weltklassemannschaft.

Highlights in insider.ORF.at

Als Martin Harnik gleich zu Beginn des Spiels eine Riesenchance auf den Traumstart für Österreich vergab, hatten viele der 47.000 Zuschauer im brodelnden Ernst-Happel-Stadion schon das Gefühl, dass sich das am Ende rächen würde. Ein ausgelassener „Sitzer“ von Marko Arnautovic bildete dann auch den Abschluss einer äußerst attraktiven Partie - und spätestens dann war offensichtlich, was auch für ÖFB-Teamchef Marcel Koller den „kleinen, aber entscheidenden Unterschied ausmachte“.

Killerinstinkt fehlt noch

Typisch für Deutschland, könnte man sagen, dass der phänomenale Torinstinkt von Dortmund-Stürmer Marco Reus ausgerechnet zwei Minuten vor dem Pausenpfiff zur Geltung kam. Unglücklich und ärgerlich vor allem, dass vor dem unnötigen Elferfoul von Veli Kavlak an Thomas Müller sowohl der Gefoulte als auch Teamkollege Toni Kroos im Abseits gestanden waren. Alles in allem zeichnete die Deutschen in den entscheidenden Momenten aber jene Klasse aus, die Österreich in letzter Konsequenz noch fehlt - auch der viel zitierte Killerinstinkt.

Zlatko Junuzovic gegen Badstuber und SchmelzerORF.at/Christian ÖserÖsterreich machte gegen Deutschland fast alles richtig

„Wenn wir gleich zu Beginn die Chance verwerten, wird das ein ganz anderes Spiel“, brachte es Julian Baumgartlinger, der beste Spieler einer insgesamt starken ÖFB-Elf auf den Punkt. „Und mit dem Gegentor vor der Pause hätte es dann nicht schlechter kommen können.“ Fast alles, was man sich in Sachen Pressing, Laufarbeit und schnelles Umschalten vorgenommen hatte, ging nahezu perfekt auf. „Die Chancenauswertung hat nicht gepasst“, meinten Baumgartlinger und sein nicht minder enttäuschter Mainz-Clubkollege Andreas Ivanschitz unisono.

Schritt nach vorne - aber nichts Zählbares

„Wir haben ein sensationelles Spiel gemacht“, sagte der ehemalige Kapitän, nachdem er bis zur 75. Minute eine seiner besten Leistungen in der Nationalmannschaft abgeliefert hatte. „Aber wir hätten in Führung gehen müssen. Wir sind unglaublich viel gelaufen, haben alles gegeben, Balleroberungen und Pressing haben gepasst. Aber es ist nichts Zählbares herausgekommen. Das Glück muss man eben erzwingen“, bilanzierte Ivanschitz zerknirscht, blickte aber auch zuversichtlich nach vorne. „Es lag etwas in der Luft. Man hat gesehen, was in uns steckt.“

So wie Innenverteidiger Emanuel Pogatetz, der sechs Punkte in den nächsten zwei Partien gegen Kasachstan zur „Pflicht“ erklärte, schöpfte auch Ivanschitz aus der Niederlage gegen den klaren Favoriten in der Gruppe C viel Zuversicht. „Auf dieser Leistung lässt sich aufbauen. Wir haben wie schon gegen die Türkei bewiesen, dass die Richtung stimmt. In der Entwicklung der Mannschaft war es ein weiterer Schritt nach vorne.“ Und wirklich hatte man zu jedem Zeitpunkt das Gefühl, dass sich die ÖFB-Auswahl hundertprozentig an Kollers vorgegebenen Plan hielt.

Andreas Ivanschitz diskutiert mit Schiedrichter Björn KuipersORF.at/Christian ÖserEngagiert in jeder Phase des Spiels - Ivanschitz war einer der Besten

Tränen statt Heldenstatus bei Arnautovic

Auch beim Spielstand von 0:2 wurde das aggressive, offensive und gleichzeitig disziplinierte System des Schweizers durchgezogen. Niedergeschlagenheit und kurzfristige Verzweiflung hielt erst Einzug, als Arnautovic in der 87. Minute die Chance des Spiels vergeben hatte. „Auch wenn sich der Ball versprungen hat, den muss ich reinhauen“, kämpfte der Bremen-Legionär nach Schlusspfiff mit den Tränen. „Ich kann mich nur entschuldigen.“ Bei Koller musste das der Unglücksrabe nicht. „Ich werde ihn jetzt sicher unterstützen“, sagte der Teamchef.

Auch von den Kollegen gab es keine Vorwürfe an Arnautovic, der den Anschlusstreffer der Österreicher durch Zlatko Junuzovic mustergültig vorbereitet hatte. „Marko hat heute seine Klasse gezeigt“, meinte Ivanschitz. „Er braucht jetzt nicht im Boden zu versinken und wird das auch nicht tun. Er ist mental stark genug, um das wegzustecken. Es ist nicht seine Schuld, dass wir keinen Punkt geholt haben.“ Junuzovic, der in der offensiven Mittelfeldzentrale überragend gespielt hatte, nahm seinen Werder-Kollegen ebenfalls in Schutz: „So etwas kann passieren.“

„Quali beginnt jetzt so richtig“

Einig war man sich im ÖFB-Team auch, was die Chancen auf die erstmalige WM-Teilnahme seit 1998 betrifft. „Bonuspunkte“ (Pogatetz) gegen Deutschland wurden liegengelassen. Dafür sollen, ja müssen gegen Kasachstan (12. Oktober auswärts und 16. Oktober zu Hause) sechs Punkte her. „Die Quali beginnt jetzt so richtig“, weiß Ivanschitz um die Bedeutung der vermeintlichen Pflichtsiege. „Wir sind bissig und hungrig.“ Und Baumgartlinger hat Brasilien genauso fest im Blick wie vor der Deutschland-Partie: „Es gibt noch genug Punkte zu holen.“

Harald Hofstetter, ORF.at

Links:

Publiziert am 13.09.2012