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Europacup einmal anders
Dass diesmal irgendetwas anders ist als sonst, merkt der Besucher, sobald er die U-Bahn verlässt und zum Stadion blickt. Die Lichter des größten Fußballtempels des Landes sind an, aber niemand ist zu sehen. Mit der Ausnahme des privaten Wachpersonals und der Handvoll Polizeibeamten, die im Abstand von wenigen Metern um das Stadion postiert sind. Sie lehnen an verstreuten Absperrgittern, die mit rot-weiß-roten Bändern verbunden sind und einen „Zaun“ bilden sollen. Warum?
Damit niemand die Ruhe stört
Aus Sicherheitsgründen darf niemand, der nicht akkreditiert ist, näher als 70 Meter an das Stadion heran. Damit nicht Rapid-Fans vielleicht doch dem Stadion zu nahe kommen und vor den Toren des Happel-Stadions für Stimmung sorgen, die es heute offiziell nicht geben darf. Nach den Ausschreitungen der Rapid-Fans am 23. August im Europa-League-Spiel gegen PAOK Saloniki hat die UEFA ein Spiel unter Ausschluss der Öffentlichkeit verordnet. Dazu gehört auch das Fehlen eines Stadionsprechers.
ORF.at/Christian ÖserGespenstische Ruhe war die Folge des UEFA-UrteilsRapids Einspruch dagegen blieb wirkungslos. Das Abschießen von Feuerwerkskörpern aus dem Rapid-Sektor fand niemand lustig. Den Schaden haben die Hütteldorfer. 75.000 Euro von der UEFA sowie der Einnahmenentgang aus dem „Geisterspiel“, der noch einmal mit 500.000 bis 700.000 Euro beziffert wurde. Da half auch der Verkauf von Dreierabos inklusive Gutschein für die Spiele gegen Bayer Leverkusen und Metalist Charkiw nichts.
„Wir sind der zwölfte Mann“
Im Stadion ist der Pressebereich ungewohnt ruhig, nichts zu spüren von der sonst üblichen hektischen Betriebsamkeit und der Aufgeregtheit vor großen Spielen. Offensichtlich regt ein „Geisterspiel“ weder zum lebhaften Diskutieren noch zum Essen an. Das vorbereitete Buffet wird kaum angerührt. Die Getränkeflaschen stehen ungeöffnet herum. Wer nicht viel zu erzählen hat, wird auch nicht durstig. Im Stadioninneren ertönt entspannte Lounge-Musik statt der „Good Vibrations“ von 40.000 aufgeheizten Fans.
Rund 300 Personen sind im Stadion. 80 Journalisten, 70 Personen vom Sicherheitspersonal, 75 weitere Menschen für jedes Team, darunter auch die Spieler. Auf der Ehrentribüne des Happel-Stadions sitzen einige Rapid-Legenden und auch ÖFB-Teamchef Marcel Koller. Rapid-Fan-Lieder werden gespielt. Textzeilen wie „Wir sind der zwölfte Mann“ und „Das Zentrum unseres Lebens ist Hanappi“ muten heute befremdlich an: kein Singen, kein Klatschen, keine Transparente auf den Rängen.
„Jetzt geht’s los“
21.00 Uhr: Das Europa-League-Logo wird von den Ballbuben brav und UEFA-vorschriftsmäßig hochgehoben. Der Beobachter hat diesmal sogar Zeit, die Zahl der Ballbuben zu überprüfen: Es sind 25. Falls Sie damit einmal bei einem Quiz oder gar der Millionenshow konfrontiert sein sollten.
Die Geräuschkulisse sucht ihresgleichen. Ein paar Pfiffe, die aufmuntern sollen, begleiten die Spieler auf das Feld. Auf der Ehrentribüne werden verhalten norwegische Fähnchen geschwenkt, ein lautstarker Bravo-Rufer gesellt sich dazu und wird von einem „Gemma, Burschen“-Schreihals unangenehm übertönt. Die Ballbuben schleppen das riesige EL-Logo wieder vom Platz. Anpfiff und die Rapid-Legenden auf der Tribüne machen von Anfang an Stimmung.
ORF.at/Christian ÖserDie wenigen Anwesenden auf der Ehrentribüne wirkten im Happel-Oval verlorenNur die Spieler stören die Stille
21.15 Uhr: Die ununterbrochenen Zurufe der Spieler hallen bis unter das Dach des Prater-Ovals. Keine Menschenmassen und ihre Geräusche bremsen sie. Es ist die vollkommene Trainingsspielidylle. Wie in der Wintervorbereitung auf dem hintersten Platz, wenn ein Regionalliga-Club gegen die Amateure eines Bundesligisten vor ein paar Trainingskiebitzen probt.
Der Kollege von der Zeitung erwischt am Match-Monitor den falschen Knopf und es rauscht gewaltig auf der Pressetribüne. Trotz der skurrilen Atmosphäre hat das Happel-Stadion nichts von seiner Würde verloren. Die bunten Sitzreihen leuchten fröhlich in die stille Nacht und sind das Schönste an dieser Partie, in der Rapid am Ende über 75 Prozent Ballbesitz aber keinen Punkt haben wird.
Das 0:1 bringt die Fans zum Schweigen
Die Trainingsspielstimmung hat offensichtlich Rapids ohnehin immer fehleranfälligen Verteidiger Gerson ergriffen. Zwei Schnitzer des Brasilianer und eine Verkettung haarsträubender Fehler von Mario Sonnleitner über Markus Katzer bis Lukas Königshofer innerhalb weniger Sekunden „schenken“ den Norwegern das 1:0 durch Tarik Elyounoussi, der den Ball vom Strafraum über Rapid-Tormann Lukas Königshofer ins Tor hebt (18.). Im vollbesetzten Stadion wäre es jetzt wohl genauso still wie hier vor den leeren Kulissen.
ORF.at/Christian ÖserKeine Fans zur Stelle, um Rapid wieder aufzurichten„Raus, raus!“, „Kein Foul, kein Foul!“ rufen einander die Rapidler auf dem Feld zu, auf der Pressetribüne ist das eifrige Murmeln der Kollegen vom TV zu vernehmen. In dieser Phase könnte die Mannschaft die begeisterten Anfeuerungsrufe der Rapid-Fans zur Aufmunterung gut brauchen, um etwas an der Temposchraube zu drehen, um den notwendigen Extrameter zu laufen, um im Zweikampf noch einen Tick aggressiver zu sein.
„Geisterspiel“ und gruseliges Ergebnis
Immer wieder läuft sich Rapid als spielbestimmende Mannschaft in den dichten Abwehrreihen der Trondheimer fest. Nach der Pause dasselbe Bild. Ein einzelner „SCR“-Ruf ist zu hören, und Trondheim erzielt prompt das 0:2. Kapitän Mikael Dorsin fällt der Ball auf den Kopf. Vor ihm ist Gerson zwar hoch, aber zu früh gesprungen, Rapid-Tormann Königshofer gar nicht. Dorsin musste gar nicht viel machen.
65. Minute: Markus Katzer köpfelt nach Alar-Ecke das 1:2. „Ausgleich“ brüllt einer frech von der Pressetribüne, ein anderer lässt ein energisches „Gemma, Burschen“ folgen. Die Hoffnung lebt im Happel-Stadion und wohl auch beim Public Viewing im Hanappi-Stadion. Kurz darauf scheitert Deni Alar mit einem Foulelfer an Daniel Örlund. Das passte zu Kulisse und Spiel. Da half auch das traditionsbewusste Einklatschen der Rapid-Viertelstunde nichts mehr. Eines war nach gruseligen 90 Minuten gewiss: Rapid vermisste seine Fans - die ohne Leuchtraketen.
Martin Wagner, ORF.at aus dem gar nicht so stillen Happel-Stadion
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Publiziert am 20.09.2012