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Ohne Rücksicht auf Verluste
Die Urteilsbegründung der USADA enthält 26 Zeugenaussagen, unter anderem von elf früheren Teamkollegen, entlarvenden E-Mail-Verkehr und zahllose Aufzeichnungen über das nach Ansicht der Dopingjäger „ausgeklügeltste, professionellste und erfolgreichste Dopingprogramm, das der Sport jemals gesehen hat“. Der Radweltverband (UCI) hat nun 21 Tage Zeit, über die mögliche Aberkennung der Erfolge Armstrongs und die von der USADA ausgesprochene lebenslange Sperre zu urteilen.
APA/EPA/dpa/Gero BreloerJohan Bruyneel und Lance Armstrong machten gemeinsame SacheDurch den Bruch der Schweigemauer gerät aber auch die UCI selbst unter Druck. Ihre Rolle hinterlässt offene Fragen. Ex-Profi Tyler Hamilton sagte aus, dass Armstrongs Leute mit der UCI in Kontakt gewesen seien.
David Zabriskie gab zu Protokoll: „Teamchef Johan Bruyneel schien immer genau zu wissen, wann Dopingtester zu den Rennen kamen.“ Gegen den engen Armstrong-Vertrauten Bruyneel läuft eine separates Verfahren der USADA, und seit Donnerstag ermittelt auch der belgische Verband. Bruyneel soll das Dopingsystem hinter Armstrong gemeinsam mit Ärzten am Laufen gehalten haben.
Kaltblütiger Egomane
Die USADA belegt nicht nur Armstrongs Besitz und Gebrauch von EPO, Bluttransfusionen, Testosteron, Steroid- und Wachstumshormonen, sondern auch Dopinghandel und Versorgung von anderen Fahrern. Die Aufzeichnungen vermitteln das Bild eines kaltblütigen Egomanen, der für seine Besessenheit von Siegen auch Weggefährten unter massiven Druck setzte.
„Er hat rücksichtslos erwartet und gefordert, dass seine Teamkollegen genauso Dopingmittel nutzen, um seine Ziele zu unterstützen“, schreibt die USADA. Armstrongs Teams seien von Anfang bis Ende mit Doping verseucht gewesen.
Dabei habe Armstrong nicht alleine gehandelt, sondern auch „eine kleine Armee an Gehilfen mit Dopingärzten, Schmugglern“ um sich geschart. Die zahllosen Dokumente liefern einen tiefen Einblick in die Organisation des Systems. Demnach belegen Kontoauszüge, dass der Amerikaner mehr als eine Million Dollar an den italienischen Arzt Michele Ferrari als „Organisator des Dopingprogramms Armstrong“ überwies. Hamilton und Hincapie berichteten der USADA, dass Armstrong ihnen bei Engpässen mit EPO ausgeholfen habe.
Schmutzig von Anfang an
Die Berichte ehemaliger Teamkollegen zeichnen ein detailliertes Bild. Schon 1998, in seiner ersten Saison nach seiner überstandenen Krebserkrankung, habe Armstrong im Team US Postal Doping mit EPO, Kortison, Testosteron und dem Wachstumshormon HGH betrieben.
Ein Jahr später sei bei der Tour erstmals ein Motorradfahrer („Motoman“) engagiert worden, um das Team unbehelligt mit Drogen zu versorgen. Danach sei die Dopingverschwörung immer professioneller geworden. Bruyneel habe junge Radprofis „auf schädlichste Art und Weise“ in „abgeklärte Doper“ verwandelt.
Armstrong gab als Verteidigung stets an, in seiner Karriere mehr als 500-mal negativ getestet worden zu sein. Diese Zahl streitet die USADA ab und rechnet mit rund der Hälfte. Außerdem habe es mehrmals positive Tests gegeben: Sechs wissenschaftliche EPO-Befunde der Tour 1999 seien zum Zeitpunkt der Nachuntersuchung 2005 sportrechtlich nicht mehr verwertbar gewesen. Ein positives EPO-Ergebnis der Tour de Suisse habe Armstrong mithilfe der UCI verschleiert.
Vorwarnung von oben
Um keine positiven Tests abzugeben, seien Armstrong und seine Kollegen von höherer Stelle zu gewissen Vorsichtsmaßnahmen aufgefordert worden. In den ersten Jahren habe es zum Teil schon genügt, den Kontrolleuren einfach die Wohnungstür nicht zu öffnen.
APA/EPA/EFE/Luis TejidoZabriskie hielt „Druck nicht stand“Später hätten die Teamchefs um Bruyneel stets im Voraus erfahren, wann ein Test anstand. Weil die Dopingkontrollen immer intensiver wurden, habe sich Armstrong mitunter in Wohnungen von Teamkollegen versteckt. Zudem hätten die Teammediziner penibel genaue Zeitfenster für die Dopingeinnahme errechnet, um später nicht aufzufallen.
Gefördert und gefordert
In seinen Teams habe Armstrong Doping nicht nur gefördert, sondern auch gefordert. Zabriskie etwa berichtete, durch den Leistungssport den Drogen aus dem Weg gehen zu wollen, die er für den frühen Tod seines abhängigen Vaters verantwortlich machte.
2003 aber sei er dann doch von Bruyneel überredet worden, EPO zu nehmen („Jeder macht das“). „Als ich in meine spanische Wohnung zurückkam, brach ich zusammen. Ich rief heulend zu Hause an. Ich hatte dem Druck nicht standgehalten“, erzählte Zabriskie.
Respekt und Angst im Peloton
Armstrong sorgte aber nicht nur in seinem Team für Respekt und Angst, sondern auch im Peloton. Als der Italiener Filippo Simeoni aus einer gegnerischen Mannschaft 2004 gegen den Armstrong-Arzt Ferrari aussagte, wurde er vom Amerikaner während einer Tour-Etappe vor laufenden Kameras zurechtgewiesen.
Hamilton habe Armstrong sogar körperlich bedroht („Wir machen dein Leben zur verdammten Hölle“), Levi Leipheimers Frau habe er einschüchternde SMS geschrieben. Zudem habe er mehrfach versucht, andere Fahrer zu falschen eidesstattlichen Aussagen zu nötigen.
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Publiziert am 12.10.2012