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Zu lascher Umgang mit Gewalttaten

Vor dieser Saison hat sich die National Football League (NFL) damit gebrüstet, den härtesten Strafenkatalog im US-Profisport für häusliche Gewalt zu haben. Jetzt muss sie für die Umsetzung reichlich Prügel einstecken. Nach den publik gewordenen Affären um die Runningbacks Ray Rice und Adrian Peterson gerät die NFL immer stärker unter Druck. Die Kritik von Sponsoren und aus der Politik nimmt zu.

Verwöhnt durch jährliche Einnahmen in Höhe von zehn Milliarden Dollar, davon knapp eine Milliarde durch Sponsoren, ist die NFL zum Handeln gezwungen. Wichtige Geldquellen fürchten ein Imageproblem und forderten NFL-Boss Roger Goodell zu einem konsequenteren Durchgreifen bei Verfehlungen der Spieler abseits des Platzes auf. „Wir haben verstanden. Wir ergreifen Maßnahmen, und es wird noch einiges folgen“, teilte die Liga am Dienstagabend mit, ohne dabei wirklich konkrete Angaben zu machen.

Seit Saisonbeginn vor knapp zwei Wochen hat die Wahrnehmung des Premiumprodukts durch die Ausraster einiger Spieler mehr als nur Kratzer abbekommen. Ravens-Star Rice schlug seine damalige Verlobte und heutige Ehefrau Janay Palmer im Februar in einem Kasinofahrstuhl in Atlantic City bewusstlos. Vikings-Aushängeschild Peterson, der seinen vierjährigen Sohn mit einem Ast diszipliniert und dabei verletzt hat, ist wegen Kindesmisshandlung angeklagt.

Adrian Peterson

APA/EPA/Larry W. Smith

Einst das Aushängeschild des Clubs, steht Peterson vor einer ungewissen Zukunft

Gegen Ray McDonald, Defensive End der San Francisco 49ers, wird ermittelt, weil seine schwangere Verlobte Ende August mit sichtbaren Verletzungen am Nacken und an ihren Armen gefunden wurde. Jonathan Dwyer von den Arizona Cardinals wurde am Mittwoch in Phoenix verhaftet. Der Running Back soll in einen Vorfall mit einer 27-jährigen Frau und einem 18 Monate alten Kind verwickelt sein. Die Frau hat sich einen Knochenbruch zugezogen. Dwyer gab nach Polizeiangaben eine Auseinandersetzung zu, bestritt aber Gewaltanwendung. Er ist gegen Kaution unter Auflagen wieder auf freiem Fuß, wurde aber von seinem Club bis zur Klärung der Vorwürfe suspendiert.

Sponsoren „unzufrieden und zunehmend besorgt“

Häusliche Gewalt dürfe nicht toleriert und müsse hart bestraft werden, schimpfen die NFL-Partner. Man sei „unzufrieden und zunehmend besorgt“, erklärte die Brauerei Anheuser-Busch. Fast-Food-Riese McDonald’s erwartet, dass die Liga „harte und notwendige Maßnahmen“ ergreift, um diese Themen aus der Welt zu schaffen.

Bereits in der Vorwoche drückten die NFL-Partner General Motors und Federal Express ihre Sorgen aus. Sogar US-Präsident Barack Obama schaltete sich in die Diskussion über den Fall Rice ein und ließ ausrichten: „Häusliche Gewalt ist verachtenswert und inakzeptabel in einer zivilisierten Gesellschaft.“

Politiker intervenieren bei Minnesota Vikings

Vor allem der Zickzackkurs in der Umsetzung der Strafen empörte. So entschieden die Vikings im Fall Peterson zunächst, er könne spielen, bis seine juristische Probleme gelöst seien. Als zahlreiche Sponsoren, Minnesotas Gouverneur Mark Dayton und Senator Al Franken massiv protestierten, knickte der Club ein, revidierte sein Urteil und stellte Peterson vorerst von allen Teamaktivitäten frei. Der Runningback solle sich um seine persönliche Situation kümmern, bis das gerichtliche Verfahren geklärt sei, hieß es in der Vereinserklärung.

„Nachdem wir über die Situation tiefgehender nachgedacht hatten, haben wir entschieden, dass das die angemessene Vorgehensweise für den Club und Adrian ist“, so die Teambesitzer Zygi und Mark Wilf.

Seit wann kannte NFL vollständiges Rice-Video?

Bei Rice verlief es davor ähnlich. Er wurde am 24. Juli von der NFL zunächst für zwei Spiele suspendiert. Erst als vergangene Woche ein zweites Video im Internet kursierte, zogen die NFL und die Ravens drastischere Konsequenzen. Rice wurde von seinem Club entlassen, die Liga sperrte ihn auf unbestimmte Zeit.

Eine unabhängige Untersuchungskommission, geleitet vom ehemaligen FBI-Direktor Robert S. Miller, soll jetzt prüfen, wie lange die Liga und Goodell das Video, auf dem zu sehen ist, wie Rice seine Verlobte niederschlägt, schon kannten. Ein Polizeibeamter, der anonym bleiben wollte, erklärte der Nachrichtenagentur AP, er habe der NFL bereits vor fünf Monaten ein Video von dem Vorfall geschickt. Goodell beharrt auf seiner Aussage, Ligafunktionäre hätten diese Version des Vorfalles erst vergangene Woche gesehen.

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