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Aufholversuch beginnt im Jugendbereich

Unglücklicherweise hat es für Rapid im Rückspiel gegen Valencia schmerzliche Parallelen zum Hinspiel gegeben. Mit dem 0:4 im Wiener Ernst-Happel-Stadion kam es zur nahtlosen Fortsetzung des 0:6-Debakels von Spanien. Erneut war der eklatante Klassenunterschied zu sehen, vor allem wenn Rapid versuchte mitzuspielen. Und wieder machte man es dem technisch brillanten und ungemein spielintelligenten Gegner mit auf diesem Niveau gnadenlos bestraften Fehlern zu leicht.

Trainer Zoran Barisic brachte es nach dem Schlusspfiff des Sechzehntelfinales und damit der grün-weißen Europa-League-Saison auf den Punkt: „Wir haben es zu akzeptieren, dass Valencia um die eine oder andere Klasse über uns zu stellen ist.“ Auch diesmal war es wie schon in Valencia eher „die andere“. 0:10 im Gesamtscore ist in einer K.-o.-Phase blamabel, das wussten auch die Spieler. „Dieses Aus macht es schwer, stolz auf die Europacup-Saison zurückzublicken“, sagte der enttäuschte Stefan Schwab nach der zweiten über Rapid hinweggerollten Valencia-Torlawine innerhalb einer Woche.

Gary Neville und Zoran Barisic

ORF.at/Christian Öser

Gary Neville, der mit Valencia gegen Rapid und in der Meisterschaft zuletzt den „Turnaround“ schaffte, behielt im Duell mit Zoran Barisic klar die Oberhand

Dass diese in Wien im Gegensatz zum Hinspiel erst in der zweiten Hälfte losgetreten wurde, machte es auch nicht besser. Nach einer sehr defensiv und kompakt angelegten ersten Hälfte fing Rapid nach der Pause an, auch nach vorne aktiv zu werden, hatte durch Schwab (Kopfball) auch eine Riesenchance auf das 1:0. „Und da haben sie uns dann mit zwei Pässen in die Schnittstelle, bei denen wir die Laufwege nicht mitgemacht haben, zwei schnelle Tore gemacht“, analysierte Barisic die bitteren Momente beim Doppelschlag durch Rodrigo (59.) und Sofiane Feghouli (64.).

Handlungsbedarf überdeutlich

Mehr als deutlich wurde Rapid und den 40.000 Zuschauern im Prater erneut vor Augen geführt, wie groß der Abstand zwischen spanischem und österreichischem Fußballoberhaus wirklich ist. Der aktuelle Mittelständler der Primera Division spielte über weite Strecken mit angezogener Handbremse, wenn auch nahezu in Bestbesetzung (Mustafi und Feghouli waren im Hinspiel nicht dabei, sind aber sonst Stammspieler). Wurde diese Handbremse ab und zu für einige Minuten gelöst, ging es - wie man so schön sagt - dahin.

Valencia demütigt Rapid

Zehn Tore waren der Unterschied zwischen Valencia und Rapid, das in zwei Spielen nicht den Funken einer Chance hatte

Kombinations- und Passspiel, körperliche Präsenz, Schnelligkeit, Antizipation und taktisches Verhalten waren die Punkte, die den enormen Unterschied ausmachten. „Dieses Duell kam für uns wohl ein bis zwei Jahre zu früh“, meinte Barisic und formulierte diesbezüglich einen unrealistischen Wunsch sowie einen langfristigen Denkansatz: „Einerseits wäre es schön, wenn meine Mannschaft die nächsten zwei Jahre zusammenbleiben könnte. Andererseits müssen wir in Österreich weiter darüber nachdenken, wie wir unsere Spieler im Kindes- und Jugendalter ausbilden.“

Für den Rapid-Coach ist offensichtlich, dass die spielerische Kreativität und der Umgang mit dem Ball im heimischen Getriebe von Anfang an viel zu kurz kommen. In diesen Bereichen besser zu werden und sie mit der athletischen, konditionellen Ebene zu verbinden erscheint Barisic wesentlich, um die vorhandene Lücke zur europäischen Clubspitze ansatzweise zu schließen. „Trotzdem war unsere Europa-League-Saison mehr als erfolgreich“, schaute er noch einmal auf das Husarenstück in der Champions-League-Quali gegen Ajax Amsterdam und die gewonnene EL-Gruppenphase gegen Villarreal, Pilsen und Minsk zurück.

Aufregung über Riesenbanner aus unterer Schublade

„Bis auf das Ende eben“, fügte Barisic hinzu. Das galt übrigens auch für Teile der Rapid-Fans, die sich nach einer weitgehend tadellosen Gruppenphase ohne Verhaltensauffälligkeiten wieder einen Absacker in untere Schubladen erlaubten. Valencia als Club und seine Funktionäre wurden auf einem riesigen Transparent sowie einigen kleineren Spruchbändern auf das Übelste beschimpft. Nachdem der Kommunikationschef und der Präsident der Spanier während der langen 20 Minuten, in welchen das Banner vor der Fankurve prangte, heftig protestiert hatten, ließen es die UEFA-Offiziellen entfernen.

Banner

ORF.at/Christian Öser

Das beleidigende Banner der Rapid-Fans könnte unangenehme Folgen haben

Rapid werde genau untersuchen, wie ein Transparent mit diesen Ausmaßen vom Club unkontrolliert in das Stadion gelangen konnte, sagte Pressesprecher Peter Klinglmüller. Barisic hatte sich davor schon bei Valencia-Trainer Gary Neville entschuldigt, Rapid-Präsident Michael Krammer bei der Vereinspräsidentin der Spanier, Lay Hoon Chan. „Dabei sollten wir es jetzt auch belassen“, deutete Neville an, dass Valencia auf einen offiziellen Protest bei der UEFA vielleicht sogar verzichtet. Eine Geldstrafe oder Schlimmeres droht dennoch.

Sportlich wurde mit dem 0:10-Gesamtscore ein neuer Negativrekord aufgestellt. Noch nie ist ein Team in der K.-o.-Phase der Europa League derart klar ausgeschieden. Die bisher schlimmsten EL-Pleiten waren: Spartak Moskau - FC Porto 3:10 (Viertelfinale 2010/11), Red Bull Salzburg - Metalist Charkiw 1:8 (Sechzehntelfinale 2011/12) und Besiktas Istanbul - Dynamo Kiew 1:8 (Sechzehntelfinale 2010/11).

Harald Hofstetter, ORF.at

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