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376 Tage Warten sind zu Ende

Am 3. Jänner 2016 hat sich Gregor Schlierenzauer zuletzt in einem Wettkampf vom Zitterbalken abgeschoben. Eine Sinnkrise, einen Kreuzbandriss und eine Therapie später gibt der 27-jährige Tiroler nun am Freitag in der Qualifikation für den Einzelbewerb in Wisla sein Comeback. Für seinen Wettbewerbssprung hat Schlierenzauer nur ein Ziel: „Einfach den Wiedereinstieg genießen.“

Mitten in der Vierschanzentournee warf Schlierenzauer vor einem Jahr das Handtuch, nachdem er auf dem Bergisel mit Platz 31 neuerlich nicht den Sprung aus einer hartnäckigen Formkrise schaffte. Zum Drüberstreuen erlitt der Gewinner von 53 Springen im Weltcup beim Skifahren im Urlaub in Kanada einen Kreuzbandriss im rechten Knie und musste die Vorbereitung auf die neue Saison mit Rehabilitationstherapien tauschen.

„Es kribbelt extrem“

Anfang April äußerte sich Schlierenzauer nach seiner Operation sehr motiviert über eine Rückkehr. Anfang Oktober erschien der Tiroler zwar bei der Einkleidung, hielt sich aber bedeckt. Schlierenzauer änderte sein Umfeld, holte Ex-Skispringer und Kulm-OK-Chef Hubert Neuper als Manager an Bord und trainierte mit der Stamser Nachwuchsgruppe rund um Coach Christoph Strickner. Am Rande des Springens in Bischofshofen am 6. Jänner, einen Tag vor seinem 27. Geburtstag, bestätigte Schlierenzauer dann seine Absicht, in Wisla zu starten. Am Dienstag schien der Tiroler im Kader für den Bewerb in Polen auf.

Sprung von Gregor Schlierenzauer in Innsbruck im Jänner 2016

GEPA/Hans Osterauer

Die Landung in Innsbruck 2016 war die bisher letzte in einem Wettbewerb

„Ich fühle mich gut. Das Training läuft sehr gut, aber es gibt schon noch einiges zu tun. Es kribbelt extrem, nicht nur in der Bauchgegend, sondern überall“, sagte Schlierenzauer in einem ORF-Interview. Noch wisse er nicht, wo er stehe, doch darum geht es ihm in Polen noch nicht vorrangig. „Einfach den Wiedereinstieg genießen, es mit Dankbarkeit annehmen und die positive Energie mitnehmen und sich Schritt für Schritt so hintasten, dass man für die Weltmeisterschaft ein Thema ist“, sagte der Sprungstar.

Auf Form- folgte Sinnkrise

Es ist das zweite große Comeback eines heimischen Sportsuperstars nach Anna Veith. „Anna hat (im Knie, Anm.) alles kaputt gehabt, was kaputt werden kann. Aber wenn es eine schafft, ist es die Anna“, sagte Schlierenzauer, der in dem ORF-Gespräch auch bestätigte, dass er sich eine Zeit lang in einer Sinnkrise befunden habe. „Da ist es mir teilweise wirklich nicht gut gegangen.“ Dennoch müsse man es auch relativieren, meinte er auch mit Blick auf tragische Unfälle wie jene von Stabhochspringerin Kira Grünberg, Synchronschwimmerin Vanessa Sahinovic und seinem Sprungkollegen Lukas Müller.

„Aber aus meiner Sicht bin ich vor einer schwarzen Wand gesessen und habe nimmer gewusst, was ich tun soll. Wer bin ich, was will ich, was kann ich, was gibt mir am Ende des Tages Energie?“, gestand Schlierenzauer. Das Reden mit Menschen und Persönlichkeiten habe ihm da sehr geholfen und auch, sich Ruhe und Zeit zu geben. „Das Durchschnaufen hat gut getan.“ Die Auszeit hat ihn auch reflektieren lassen über seine steile Karriere, die ihn schon mit 16, 17 Jahren ins Rampenlicht gebracht hatte. „Teilweise habe ich mich verloren, manchmal habe ich mir zu viel angemaßt, aber das gehört zum Erwachsenwerden.“

Phelps als Maßstab

Unter Druck setzen möchte sich Schlierenzauer nicht. „Dass es nicht von heute auf morgen geht, ist klar. Michael Phelps hat auch über eineinhalb Jahre gebraucht, bis er wieder ganz oben war“, verglich sich der einstige Überflieger mit dem erfolgreichsten Sportler aller Zeiten, dem 23-fachen Olympiasieger im Schwimmen aus den USA. „Ich bin auch keine Maschine, sondern nur ein Mensch.“

Aber natürlich strebt er in Zukunft wieder nach Podestplätzen, Siegen und Medaillen. „Man kennt mich und weiß, dass ich schon eher ein positiv Getriebener bin. Das habe ich auch nicht verloren und von dem her ist es schon das Ziel, irgendwann wieder ganz oben zu stehen“, sagte Schlierenzauer. In Wisla, wo seine Erfolgsbilanz bisher mager ist, setzt er den ersten Schritt. Dass der Bakken in Polen nicht zu seinen Lieblingen gehört, ist dem Tiroler nur recht: „Gott sei Dank ist es so eine Schanze, wo ich noch nichts gewonnen habe.“

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