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„Das Rad dreht sich weiter“

Rund einen Monat nach dem Ende seiner Rekordsaison mit dem sechsten Weltcup-Gesamtsieg und zwei WM-Goldmedaillen heißt es für Marcel Hirscher wieder umzudenken. Neue Ziele müssen geplant und die anstehende Olympiasaison organisiert werden. Bei einem Besuch in der ORF.at-Redaktion gab der 28-Jährige am Donnerstag Einblick in seine Gedanken.

ORF.at: Marcel Hirscher, Sie sind nach einer verdienten Auszeit mit dem Winter im Gepäck nach Österreich zurückgekehrt. Wie war der Urlaub?

Marcel Hirscher: Ich habe das - unter Anführungszeichen - normale Leben sehr genossen. Es war diesmal wirklich so, wie man sich einen Urlaub eben vorstellt, dass man erholt und mit Freude zurückkommt.

ORF.at: Verspüren Sie schon wieder Lust aufs Skifahren?

Hirscher: Nein, nein, nein, nein, nein, nein und noch einmal nein. Definitiv nein.

Marcel Hirscher beim ORF.at-Interview

ORF.at/Roland Winkler

ORF.at: Hatten Sie als Spitzensportler einen Trainingsplan im Reisegepäck?

Hirscher: Auch nein. Manch ein anderer hätte wohl einen dabei. Ich sicher nicht. Das kommt für mich nicht infrage. Urlaub ist Urlaub. Da mache ich, was ich will, aber sicher nicht mehr. Urlaub ist dazu da, um sich zu erholen. Körperlich und mental. Abwechslung ist da für jeden von uns wichtig. Von daher wäre monotones Training in dem Moment für mich kein Grund, einen Urlaub zu buchen. Sonst wäre es ja eine Trainingswoche.

ORF.at: Wie darf man sich Skistar Hirscher beim Strandurlaub vorstellen? Was machen Sie da?

Hirscher (lacht): Von bis, da ist von allem was dabei. Auf Details will ich aber nicht unbedingt eingehen, weil das eine Seite von mir ist, die sehr privat ist, die nichts mit dem Sportler Marcel Hirscher zu tun hat. Aber nur fad herumzusitzen, so viel sei verraten, wäre mir echt zu wenig. Ja, für ein paar Tage ist das Am-Strand-Herumliegen und Baden super, dann muss ich was unternehmen.

Marcel Hirscher beim ORF.at-Interview

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ORF.at: Die Saison war lang und aufwühlend, konnten Sie die Gedanken und Emotionen so einfach auf Knopfdruck abstellen?

Hirscher: Nein, absolut nicht, das ist ein Prozess, der noch immer andauert. Und ich merke auch, dass dieser Prozess des Verarbeitens im Lauf der Jahre immer länger wird. Das Feuer in mir wieder zu spüren, dafür braucht es mehr und mehr Zeit. Ich glaube, derzeit bin ich längst noch nicht so weit, sagen zu können, dass ich mich aufs Training freue. Als 18-jähriger, hungriger Sportler, der jeden Tag alles zerreißen will, war das anders.

ORF.at: Welche Gedanken beschäftigen Sie noch in Hinblick auf die vergangene Saison?

Hirscher: Was richtig Spezielles ist es nicht. Wenn man sich nach einer turbulenten Zeit eine Auszeit gönnt, denkt man über alles Mögliche nach. Das kommt unweigerlich. Die Saison war lang, begann mit der Vorbereitung im Mai und endete Mitte März. Da passierte viel, worüber ich jetzt nachdenken kann. Gleichzeitig beginnt man auch schon, in die Zukunft zu schauen und die nächste Saison zu planen.

ORF.at: Sind Sie mit dem Kopf derzeit mehr in der alten oder schon in der neuen?

Hirscher: Genau jetzt ist die Phase, in der sich alles vermischt. Das ist fast am anstrengendsten für mich. Denn was war, gilt es nun abzuschließen, und was auf mich zukommt, muss vorbereitet und organisiert werden. Einfacher wäre es, würde alles ein bisschen mehr in der Mitte bleiben.

Marcel Hirscher beim ORF.at-Interview

ORF.at/Roland Winkler

ORF.at: In Wien sperrt am Wochenende trotz winterlicher Temperaturen das erste Freibad auf. Man könnte ja auch den Weltcup-Kalender auflockern und in unserem Sommer in Neuseeland Rennfahren, würden Sie das befürworten?

Hirscher: Auch gut möglich. Das sind genau die Sachen. Das müsste man gut abwiegen, was wären die Vor- und Nachteile? Das sind schon Entscheidungen, über die man, salopp gesagt, hier am Tisch leicht redet, die aber große Tragweite haben. Da muss man mit Bedacht und Verantwortung herangehen - im Rahmen unserer kleinen Sportlerwelt, die für uns persönlich sehr, sehr wichtig ist, aber nicht weltbewegend. Wir reden über Skifahren, über Sport. Trotzdem ist es für mich von sehr großer Bedeutung, ob wir nach Neuseeland gehen oder nicht.

ORF.at: Wäre für Sie eine zeitlich begrenzte Auszeit vom Sport, also ein Sabbatical, denkbar?

Hirscher: Darüber habe ich schon nachgedacht, auf jeden Fall. Bisher war ich nur zu feig dafür. Das hat noch kein Skifahrer gemacht, außer er konnte wegen einer Verletzung nicht anders. In diesen Fällen hat die Rückkehr meistens funktioniert. Von daher müsste es gehen. Trauen muss man sich halt. Die Gefahr ist, dass du zurückkommst und nur mehr Platzfahrer bist, weil du ein Jahr Renntraining versäumt hast. So ein Schritt wäre eine sehr mutige Aktion. Denn das Rad dreht sich weiter.

ORF.at: Gibt es Momente, in denen Sie stolz auf sich und Ihre bisherigen Erfolge sind?

Hirscher: Stolz in seiner Definition wäre das falsche Wort dafür. Erfüllung und eine gewisse Ruhe, die sich durch die Erfolge breitmacht, verspüre ich schon. Andere würden diese Erfolge vielleicht als Stolz bezeichnen.

Marcel Hirscher beim ORF.at-Interview

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ORF.at Hinter Ihren Erfolgen steht auch ein großes Team. Inwieweit sind Erfolge für Sie dadurch planbarer?

Hirscher: Gar nichts ist planbar. Absolut gar nichts. Was in den letzten sechs Jahren passierte, ist fantastisch und ein Geschenk. Ich konnte kein einziges Rennen nicht fahren, das ich fahren wollte. Das ist unglaublich, da muss ich Danke sagen. Das gibt es normal nicht. Irgendwann hat man Fieber, ist krank und verpasst deshalb ein Rennen. War bei mir nie so. Das ist ein Privileg, so definiere ich Glück. Die Chance, jedes Rennen fahren zu dürfen und zu können, und noch dazu das Beste daraus zu machen, ist reines Glück.

ORF.at: Glück hat man oder eben nicht.

Hirscher: Wenn ich nur an Adelboden heuer denke, wo die ersten drei, vier strahlenden Sonnenschein hatten, und ich dann in die Nebelwand fuhr und nur dachte: „Das kann jetzt nicht euer Ernst sein.“ Bei Nummer zehn mischten sie dann zur besseren Sicht blaue Farbe rein. Was ist da planbar, wenn ich auf einmal zwei Sekunden verliere, obwohl ich in Spitzenform bin? Da kann ich noch so gut sein, wenn nicht alle Räder ineinandergreifen, bin auch ich chancenlos.

ORF.at: Verletzt waren Sie in Ihrer Weltcup-Karriere nur im WM-Jahr 2011, danach begann Ihr Triumphzug. Was war der entscheidende Moment?

Hirscher: Ich selbst finde gar nicht, dass es erst danach steil bergauf gegangen ist. Ich musste die Saison damals Mitte Februar beenden und war zu Saisonende immer noch Sechster im Gesamtweltcup. Obwohl ich zehn Rennen verpasste. Aber es stimmt schon, auf dem Papier ist es danach so richtig losgegangen. Die Angst, nicht mehr dorthin zukommen, wo ich im Moment der Verletzung war - ich flog damals mit absoluter Bestzeit aus dem Rennen, war Geheimfavorit für den WM-Riesentorlauf -, war offenbar groß genug.

Marcel Hirscher beim ORF.at-Interview

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In der Heilung des Fußes hatten wir uns für einen konservativen Weg entschieden, wobei wir ein großes Risiko eingegangen sind. Aber dieses Gefühl, die Sorge um die weitere Karriere erleben zu dürfen und zu müssen, brachte mich einen entscheidenden Schritt weiter. Weil mir bewusst geworden war, wie schnell alles von heute auf morgen vorbei sein könnte. Deshalb gab es für mich während der Verletzung nur „Training, Training, Training“ und in den Rennen nur mehr „Gas geben, Gas geben, Gas geben“. Die Verletzung war der Impuls und Anstoß dafür, noch mehr in die Professionalität zu gehen.

ORF.at: In der Zwischenzeit haben Sie sechs große Kristallkugeln geholt. Ist der Weltcup für Sie überhaupt noch ein Ziel? Weckt er noch Emotionen?

Hirscher: In jedem Fall. Aber so habe ich nie meine Ziele definiert. Ich wollte immer zu den Besten gehören, also Podestfahrer sein. Um dorthin zu kommen, muss man ohnehin das Beste aus einem rausholen. Wenn das gelingt, bist du auch bei den anderen Zielen dabei. Mögen sie aus Kristall oder Edelmetall sein.

ORF.at: Können Sie mit medialer Kritik umgehen und gut leben?

Hirscher: Schon, wenn sie konstruktiv ist und wenn derjenige weiß, wovon er spricht. Wenn er nicht weiß, wovon er eigentlich spricht, dann nicht. Etwas zu beurteilen, ohne die Fakten richtig einordnen zu können, geht gar nicht. Damit meine ich schwachsinnige Kritik, die nur dazu dient, Schlagzeilen zu generieren, um Verkaufszahlen zu stärken. Da habe ich kein Amüsement dabei. Das kann ich dann nicht so stehen lassen und einfach hinnehmen.

Marcel Hirscher beim ORF.at-Interview

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ORF.at: Sie beobachten also genau, was über Sie geschrieben wird.

Hirscher: Ja. Wurscht ist das keinem. Meinungsbildende Medien haben eben eine gewisse Macht, deren sie sich manchmal offenbar gar nicht so bewusst sind. Der Skisport ist meiner Meinung nach schwer zu verstehen und auch schwer nach außen zu transportieren. Dafür brauchen wir die Medien. Wenn die dann einen Blödsinn verzapfen und die Leute den Blödsinn für bare Münze nehmen, tut das doppelt weh. Das ärgert mich dann.

ORF.at: Ärgert Sie auch die durch unzählige Erfolge errungene Popularität manchmal?

Hirscher: Ärgerlich kann es schon werden. Hin und wieder wäre es wünschenswert, nicht bei jedem Schritt beobachtet zu werden. Irgendwer sieht mich immer. Das lässt sich nicht vermeiden. Durch Smartphone und Soziale Netzwerke hat sich alles noch einmal dramatisch verschlimmert. Jetzt heißt es nicht mehr nur „Ich hab den Hirscher gesehen“, sondern „Ich hab drei Fotos mit ihm gemacht“. Das führt zu Kompromissen, weil ich ja auch Erledigungen zu machen oder einmal nicht den besten Tag habe und meine Ruhe haben will. Smartphones bedeuten für mich ein Plus an Arbeit.

Marcel Hirscher beim ORF.at-Interview

ORF.at/Roland Winkler

ORF.at: Sehnsucht nach der früheren Anonymität?

Hirscher: Definitiv, aber ich verurteile den Zustand nicht. Es ist ja nicht alles so scheiße oder wahnsinnig mühsam, sonst hätte ich längst den Hut draufgehaut. Ich habe es für mich so verstanden, dass es ein Nehmen und ein Geben ist. Die Zusammenarbeit mit den Fans genauso wie mit den Medien. Es soll ein Miteinander sein, und nicht ein Gegeneinander.

ORF.at: Dietrich Mateschitz sagte in einem Interview: Das größte Verbrechen, das man in Österreich begehen könne, sei es, Erfolg zu haben.

Hirscher: Wirtschaftlicher Erfolg ist für andere, glaube ich, noch schwerer zu ertragen als sportlicher. Auch für mich ist nicht alles nur super, was ich über mich höre. Keine Frage. Aber mit genügend Abstand überwiegt das Positive. Neider wird man immer haben. Aber ich habe gelernt, damit umzugehen. Denn den Weg, den ich beschritten habe, bin nur ich allein gegangen. Niemand außer mir kann zu hundert Prozent nachvollziehen, was es heißt, dorthin gekommen zu sein, wo ich jetzt bin. Es kann jedem wurscht sein.

Marcel Hirscher beim ORF.at-Interview

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ORF.at: Wären Sie angesichts ihrer großen Erfolge beleidigt, wenn trotzdem nicht Sie, sondern Skispringer Stefan Kraft zum Sportler des Jahres gewählt werden würde?

Hirscher (lacht): Wie er die 253 Meter gesprungen ist, bin ich selbst im Wohnzimmer aufgesprungen und dachte: „Wahnsinn“. Und als erster Salzburger (Skispringer) bei einer Weltmeisterschaft das Double zu holen, sensationell. Welch große Leistung dahintersteckt, kann sich jeder ausmalen. Noch dazu ist er ein super netter Typ, wortgewandt und hat einen tollen Schmäh. Stefan ist sicher der neue Superadler.

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