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Von Platz 55 noch zum Sieg

Bei der 85. Auflage des 24-Stunden-Rennens von Le Mans hat am Sonntag ein „Favoritensterben“ für viel Drama gesorgt, am Ende gewann dann aber doch wieder Porsche. Die deutschen Sportwagenhersteller holten sich mit der Besetzung Brendon Hartley, Earl Bamber (beide NZL) und Timo Bernhard (GER) den dritten Gesamtsieg in Serie.

Zweiter mit einer Runde Rückstand wurde das chinesische Team Jackie Chan Racing in der Besetzung Ho-Pin Tung (CHN), Thomas Laurent (FRA) und Oliver Jarvis (GBR). Bis eine Stunde vor Schluss lag das von Schauspielstar Jackie Chan mitfinanzierte Team überraschend in Front, wurde dann aber vom deutlich schnelleren Porsche mit der Nummer zwei überholt.

Jubel

APA/AP/David Vincent

Das zweite Porsche-Team hatte nicht mehr mit dem Sieg gerechnet

Hartley und Co. hatten einen Geschwindigkeitsvorteil von rund zehn Sekunden pro Runde, den sie am Ende erfolgreich ausnutzten. Dabei war der zweite Porsche-Wagen in der ersten Rennhälfte wegen eines Problems an der Vorderachse bereits weit abgeschlagen. Über eine Stunde büßte die Crew bei der notwendigen Reparatur ein, arbeitete sich danach aber vom 55. Platz mit 22 Runden Rückstand wieder ganz nach vorne.

„Es war unwirklich“

„Es ist ein Traum, der wahr wird“, sagte Bernhard, der im Moment des Triumphs aber auch an die frustrierte Konkurrenz dachte. „Es kann das coolste Rennen sein, aber auch das grausamste. Man kann es nie vorhersehen.“ Sein Kollege Hartley, der viel dazu beitrug, das Team wieder ins Rennen zu bringen, war den Tränen nahe. „Es war unwirklich. Dieses Rennen ist immer eine Achterbahnfahrt“, sagte der Neuseeländer. „Es war eine unglaubliche Teamleistung. Ich werde mich immer daran erinnern“, sagte Hartley.

Sein Landsmann Bamber hatte nicht mehr mit dem Comeback gerechnet. „Es war absolut verrückt“, meinte der 26-Jährige, der das Auto nach den Problemen an die Box steuerte. „Ich dachte, dass das Rennen vorüber war.“ Als man doch wieder auf die Strecke konnte, hatte man mit einem Top-Fünf-Platz gerechnet. „Aber dieses Rennen wählt dich wirklich aus, wenn es will, dass du gewinnst“, meinte Bamber.

Porsche Nummer eins geht der Saft aus

Das zweite Porsche-Team profitierte von einer Vielzahl an Zwischenfällen, die jeweils die Führenden betraf. So lag das Trio Neel Jani (SUI), Andre Lotterer (GER) und Nick Tandy (GBR) im Porsche 919 Hybrid mit der Nummer eins Sonntagmorgen bereits 14 Runden vor den Verfolgern Tung/Laurent/Jarvis im Oreca-Gibson.

Porsche

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Rund vier Stunden vor Rennende musste der führende Porsche aufgeben

Ehe dem Porsche zum Schrecken der deutschen Sportwagenhersteller kurz nach der Boxen der Saft ausging. Pilot Lotterer konnte den Boliden trotz verzweifelter Versuche nicht mehr in Gang bringen und musste von den Streckenposten von der Piste in Sicherheit geschoben werden.

Alptraum für Toyota

Für das lange führende Team von Toyota Racing setzte es bereits zuvor ein Debakel. Zwei der drei Autos schieden nach rund zehn Stunden Fahrtzeit in der Nacht innerhalb einer halben Stunde aus. Der dritte Toyota mit der Nummer 8 (Buemi/Davidson/Nakajima) hat nach einem langen Boxenstopp, bei dem der Motor und die Batterie getauscht werden mussten, mit großem Rückstand keine Siegeschancen mehr und wurde schließlich Neunter.

Toyota TS050 Hybrid N°9 von Nicolas Lapierre wird abgeschleppt

APA/AFP/Jean-Francois Monier

Der Toyota (Nr. 9) musste nach einer Kollision abgeschleppt werden

Toyota, wo Alexander Wurz als Berater tätig ist, belegte bisher fünfmal den zweiten Platz bei dem französischen Langstreckenklassiker und möchte als zweiter japanischer Hersteller Le Mans gewinnen. 2016 verpasste Toyota in einem wahren Drama nur fünf Minuten vor Rennende durch einen Defekt den Sieg.

„Es ist so enttäuschend“

Für die Japaner gab es auch 2017 kein Tageslicht zu sehen. Nach der Poleposition mit der schnellsten Runde, die jemals Le Mans gefahren wurde, durch Kamui Kobayashi (3:14,791 Minuten, 251,9 km/h Durchschnitt) schien auch im Rennen alles perfekt zu laufen. Dann erwischte den Toyota Nummer sieben mit dem ehemaligen Formel-1-Piloten Kobayashi am Steuer ein Kupplungsdefekt, und er rollte nur noch langsam über die Piste.

„Es ist so enttäuschend. Das Auto lief sehr gut, und wir konnten unseren Vorsprung ständig vergrößern“, meinte Kobayashi, der mit Mike Conway (GBR) und Stephane Sarrazin (FRA) ein Fahrertrio bildete, „bis ich plötzlich nach einer Safety-Car-Phase keine Power mehr hatte.“ Er musste seine Boliden neben der Strecke abstellen. „Ich konnte nicht einmal mehr an die Box fahren. Es tut mir leid für das gesamte Team, das so hart an dem Auto gearbeitet hat.“

Kollision nimmt zweiten Toyota raus

Der zweite große Rückschlag traf die Japaner nur 15 Minuten nach dem Aus von Kobayashi. Der Wagen mit der Nummer neun mit den Fahrern Nicolas Lapierre (FRA), Yuji Kunimoto (JPN) und Jose Maria Lopez (ARG) wurde vom Wagen des Schweizers Simon Trummer gerammt. Der Oreca war vom langsamer werdenden Toyota, der in den „Segelmodus“ gegangen war, um Sprit zu sparen, überrascht worden.

Trummer konnte nur leicht verletzt sein zerstörtes Auto verlassen, Lapierre versuchte noch sein brennendes Auto zu den Boxen zu schleppen, schaffte es jedoch nicht mehr. „Ich kann es nicht glauben“, meinte Lapierre. „Das LMP2-Auto war direkt hinter mir, als ich den üblichen Cut bei der Benzinversorgung hatte. Scheinbar wurde er davon überrascht. Er fuhr mir hinten drauf, und das war’s. Es ist so frustrierend für alle im Team“, wurde der Franzose auf der Website Motorsport-total.com zitiert.

Lietz mischt in LMGT-Pro-Klasse mit

Die Österreicher im Bewerb schlugen sich unterschiedlich: Der Enso des privaten ByKolles-Teams (LMP1) hatte mit einem Partner von Dominik Kraihammer am Steuer bei hohem Tempo bereits nach sieben Runden einen Reifenschaden erlitten und schied aus, ohne dass der Salzburger selbst gefahren wäre.

Richard Lietz kämpfte mit den Franzosen Patrick Pilet und Frederic Makowiecki in der ausgeglichenen LMGT-Pro-Klasse mit seinem Porsche 911 um den Sieg mit, verpasste allerdings als Vierter das Podest knapp. In der Gesamtwertung ergab das für den 33-jährigen Niederösterreicher mit 28 Runden Rückstand den 21. Rang.

In der LMGT-Amateur-Wertung fuhr Mathias Lauda im Aston Martin Vantage nach zwischenzeitlicher Führung auf Rang acht. Gemeinsam mit Pedro Lamy (POR) und Paul Dalla Lana (CAN) wurde er mit 38 Runden Rückstand auf Platz eins Gesamt-37. Klaus Bachler musste im Porsche 911 in der 18. Runde nach einer unverschuldeten Kollision aufgeben.

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24 Stunden von Le Mans