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Radikale Personalauswahl spaltet Fans

Deutschlands Teamchef Joachim Löw macht beim Confederations Cup einfach mal alles anders - auch vor dem ersten Ernstfall für sein großes Experiment mit vielen unerfahrenen WM-Probanden gegen Australien. Der Coach tritt in Russland lieber mit einer hungrigen „Boygroup“ um den 23-jährigen Kapitän Julian Draxler an als mit müden Weltmeistern wie Toni Kroos und Sami Khedira.

Kurz vor dem richtungsweisenden Turnierauftakt am Montag (17.00 Uhr, live in ORF eins und im Livestream) spendierte er den 21 Akteuren seines „Perspektiventeams“ sogar noch einen freien Nachmittag am Schwarzen Meer, den einige in Sotschi zur Erkundung der Strandpromenade nutzten. Das Abschlusstraining verlegte Löw kurzfristig aus dem Olympiastadion auf den Platz nebenan, um am Sonntagabend zur Anstoßzeit trainieren zu können und nicht zu dem vom Weltfußballverband (FIFA) vorgegebenen späteren Termin in der WM-Arena.

Löw will „wichtige Erfahrungen sammeln“

Dabei weiß der 57-Jährige, dass Deutschland als regierender Weltmeister mit dem Anpfiff gegen Außenseiter Australien im Fokus steht. „Es ist die Weltbühne des Fußballs jetzt in diesem Sommer. Die ganzen Kontinente gucken auch auf dieses Turnier“, sagte Löw im ARD-Interview. Der Teamchef stellt dennoch Erkenntnisse über Ergebnisse. „Ich glaube schon, dass wir wichtige Erfahrungen sammeln“, sagte Löw.

Joachin Löw

APA/AFP/Patrik Stollarz

Löw will mit seinem „Perspektiventeam“ Erfahrungen sammeln

Seine radikale Personalauswahl ärgert aber nicht nur die russischen Gastgeber und die FIFA, auch in der Heimat sind die Fans gespalten. In einer repräsentativen Umfrage des Meinungsforschungsinstituts YouGov heißen 42 Prozent der an Fußball interessierten Deutschen Löws Confed-Cup-Kurs nicht gut. Nur 19 Prozent unterstützen diesen voll und ganz. Geringe 13 Prozent der 2.050 Befragten schätzen die Chancen auf den Titelgewinn als sehr gut ein. 48 Prozent sehen nur geringe bis sehr geringe Siegesaussichten.

Nur zwei Wochen Vorbereitung auf Confed-Cup

Ungewissheit herrscht auch im Tross des Deutschen Fußball-Bundes (DFB), obwohl sich in den zwei Wochen des Zusammenseins eine gewisse Euphorie aufgebaut hat und der Teamgeist ausgeprägt ist, wie alle betonen. „Wir haben eine gute Harmonie und freuen uns, dass es endlich losgeht“, sagte der Mönchengladbach-Spieler Lars Stindl. Die Vorrunde gegen Australien, Chile und Kamerun bewertet aber niemand als Selbstläufer. „Unsere Gruppe wird nicht einfach“, sagte Abwehrspieler Antonio Rüdiger.

Der AS-Roma-Legionär spüre, dass der Weltmeister ohne seine erste Besetzung nicht als großer Favorit angesehen wird. „Ich denke, dass uns einige unterschätzen werden, das kann ein Vorteil für uns sein“, sagte der 24-jährige Rüdiger. Gleich zum Start erwartet der 21-jährige Leipzig-Stürmer Timo Werner „ein ekliges Spiel“. Die Australier mit Stuttgart-Goalie Mitch Langerak und Neo-Hertha-Berlin-Spieler Mathew Leckie werden versuchen, „uns mit großer Physis und Härte zu bekämpfen“, glaubt Werner, der im März beim 1:0 gegen England sein Länderspieldebüt gab.

Angriffsspiel auf Wagner zugeschnitten

Löw hat versucht, mit seinem Team in der Kürze der Vorbereitungszeit einige Automatismen zu erarbeiten. Im Training übte er oft mit einer Dreierkette. Das Angriffsspiel wurde auch auf den 29-jährigen Mittelstürmer Sandro Wagner, den ältesten Spieler in Deutschlands Confed-Cup-Mannschaft, zugeschnitten. „Jetzt kann man natürlich auch wieder mehr mit Flanken in den Sechzehner agieren. Das hatten wir vorher nicht immer so. Wir haben vieles über Kombinationen am Boden gemacht“, sagte Löw.

Sandro Wagner

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Sandro Wagner ist mit 29 Jahren der „Oldie“ in Deutschlands Nationalteam

Wagner, der bisher zwei Länderspiele bestritt, aber auch Talente wie den 22-jährigen Leon Goretzka und die 21-jährigen Werner und Niklas Süle will Löw in Russland als Druckmacher für die pausierenden Topnationalspieler entwickeln. „Man spürt, dass die Spieler an ihre Chance glauben“, sagte DFB-Teammanager Oliver Bierhoff. Im Tor darf sich zum Auftakt Bernd Leno beweisen. In Russland geht es auch um die Nummer zwei hinter dem fehlenden Stammkeeper Manuel Neuer.

Australien „schwer zu bespielen“

Der für einen Halbfinal-Einzug fest eingeplante Sieg gegen den Weltranglisten-48. Australien sollte aber machbar sein. „Klar“, antwortete auch Löw im ZDF. Er erinnerte aber an die spielerischen Fortschritte des Kontrahenten. „Australien ist eine eingespielte Mannschaft. Ihr Fußball kommt ein bisschen aus dem Rugby, aus dem Australian Football. Sie lieben es, ganz körperbetont zu spielen.“ Löw warnte: Australien sei ein Gegner, der „schwer zu bespielen“ sei.

Der Gewinner der Asienmeisterschaft wird den „Weltmeister light“ aber kaum unterschätzen. Denn die besseren Erfahrungen bei Turnieren hat Deutschalnd gemacht. 2005 gab es zum Auftakt des Heim-Confed-Cups einen 4:3-Sieg, 2010 zum WM-Start in Südafkrika siegte die deutsche Mannschaft mit 4:0 gegen die Australier.

Es waren wichtige Initialzündungen in den Karrieren späterer Weltmeister wie Bastian Schweinsteiger, Lukas Podolski und Per Mertesacker 2005 und Thomas Müller, Kroos, Khedira und Mesut Özil fünf Jahre später. Löw erinnerte seine Confed-Cup-Kicker in Sotschi noch einmal explizit an die Anfänge dieser Akteure, die zu „Weltstars geworden“ seien. Nachmachen lautet die Botschaft an Goretzka, Werner und Co.

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