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„Grenze noch nicht erreicht“

In einer Zeit von acht Tagen, neun Stunden und 34 Minuten und mit dem Rekordvorsprung von mehr als 700 Kilometern hat Christoph Strasser am Donnerstag zum vierten Mal das Race Across America (RAAM) für sich entschieden. Im ORF.at-Interview sprach der 34-jährige Steirer über die Qualen auf dem rund 5.000 Kilometer langen Weg von Oceanside nach Annapolis, den kargen Lohn und sein Leben abseits des Extremsports.

ORF.at: Christoph Strasser, wie würden Sie Ihren Zustand nach dieser körperlichen Tortur beschreiben?

Christoph Strasser: Im Vergleich zu den letzten Jahren eigentlich gut, vielleicht sogar besser, weil wir diesmal sehr darauf bedacht waren, die Gesundheit zu erhalten. Was bei diesem Rennen am wichtigsten ist, weil schnell fahren kann man nur, wenn man bis zum Schluss gesund bleibt. Bei anderen Sportarten ist meistens der am schnellsten im Ziel, der am meisten gibt. Beim RAAM ist der Gesündeste am schnellsten im Ziel. Klar, mein Gesäß ist offen. Ich habe Knieschmerzen, die Stimme ist rau, die Haut verbrannt. Aber all das sind glimpfliche Dinge im Vergleich zu früher.

Christoph Strasser

Manuel Hausdorfer/limeART

Die Sonne hat in Strassers Gesicht tiefe Spuren hinterlassen

ORF.at: Muss man ein wenig verrückt sein, um sich so was anzutun?

Strasser: Ein bisserl schon. In Wahrheit gehört sehr viel Planung, sehr viel Realismus und sehr viel harte Arbeit dazu, um das auch wirklich umzusetzen. Aber es wäre sehr langweilig, ein Leben zu führen, wo gar nichts verrückt ist. Ich habe recht bald im Leben etwas gefunden, was meins ist. Viele Menschen setzen sich im Leben nie ein Ziel, weder privat noch sportlich."

ORF.at: Wie motivieren Sie sich zwischendurch?

Strasser: Die Kraft hole ich mir von den Anfeuerungsrufen der Fans am Straßenrand. Auch von Nachrichten via Soziale Netzwerke. Das ist ein wahnsinniger Antrieb. Die eigentliche Frage ist ja, wie ich mich zu Hause beim stundenlangen Training auf dem Rad oder auf dem Heimtrainer motiviere. Man muss wissen, warum man sich das antut. Für mich ist klar, ich habe nur einmal die Chance, meine Träume zu leben und mittlerweile auch meinen Unterhalt damit zu verdienen. Den Rest verdiene ich mit Vorträgen. Vor allem aber möchte ich ein Vorbild für andere sein. Das ist der eine Grund, warum ich mir all das antue.

Christoph Strasser

Manuel Hausdorfer/limeART

Im Langstreckenradsport hat der 34-jährige Steirer seine Erfüllung gefunden

Der andere ist der Spaß am Langstreckenradsport. Immer wieder neu zu erleben, was ein Mensch so alles schaffen kann. Noch wichtiger, obwohl ich mich in dieser Rolle gar nicht wohlfühle: Inzwischen habe ich den Bekanntheitsgrad erreicht, um andere Menschen motivieren zu können. Mit kleinen Gesten kann vielen Menschen große Freude bereitet werden. Ich bin für viele ein Vorbild, dem sie nacheifern. Das gibt mir immer wieder einen Schub, um weiterzumachen. Ich mache das also nicht nur für mich alleine, sondern auch für andere Menschen.

ORF.at: Denken Sie von Etappe zu Etappe oder visualisieren Sie das Ziel vor sich?

Strasser: Das Denken von Etappe zu Etappe ist sehr wichtig. Man braucht deshalb diese Time Stations, die nur zur Zeitmessung dienen, als Zwischenziele. Nur an das 5.000 Kilometer entfernte Ziel zu denken, ist vom Kopf her nicht zu schaffen.

ORF.at: Wie kämpfen Sie gegen den Schlaf? Haben Sie nicht Angst, einmal vom Rad zu fallen?

Strasser: Für die Leute draußen ist das, glaube ich, nur deshalb so faszinierend und erstaunlich, weil sie eine falsche Vorstellung davon haben: Sie glauben, der Radfahrer sitzt allein am Radl und kämpft allein gegen die Müdigkeit. Ich habe elf Betreuer dabei, mit denen ich reden kann, ein Funkgerät, mit dem ich kommuniziere.

Wir erzählen uns Witze, ich muss Kopfrechnen oder wir spielen „Millionenshow“. Es gibt auch Musik. Mir ist nie langweilig. Wichtig ist, dass es mir im Kopf so gut geht, dass ich nie in Monotonie verfalle und zu grübeln beginne. Dann wird der Kampf gegen den Schlaf aussichtslos und gefährlich, der Schlafentzug wäre nicht mehr zu bewältigen. Ich schlafe ein.

ORF.at: Wie geht es einem, wenn man von den Betreuern halb schlafend wieder aufs Rad gesetzt wird?

Strasser: Nicht gut und ich bin auch nicht glücklich, wenn ich fix und fertig auf dem Rad sitze. Aber darauf bereite ich mich elf Monate vor. Ich weiß, diese Momente kommen, und ich bin mental darauf eingestellt. Es passieren medizinische Dinge, meine Knie werden massiert, meine Lunge überprüft. Und ich weiß, ich werde nach 50 bis 60 Minuten aufgeweckt. Das ist keine negative Überraschung. Sonst würde es nicht funktionieren. Schlimmer wäre es, wenn man mich morgen einfach so früh aufweckt.

ORF.at: Wie ist der Rekordvorsprung von unglaublichen 700 Kilometern zu erklären?

Strasser: Kann man so nicht sagen, der Zweite fährt ja noch (lacht). Definitiv eine Erklärung ist, dass die Konkurrenz doch nicht so stark war wie erwartet. Ich wünschte, die Gegner würden mehr aufschließen. Sehr gute Fahrer waren diesmal nicht am Start. Umso größer war die Herausforderung, bis zum Schluss Gas zu geben.

Strasser gewinnt RAAM

Der Sieger des Race Across America heißt zum vierten Mal Christoph Strasser. Der Steirer erreichte nach einer Fahrtzeit von acht Tagen, neun Stunden und 34 Minuten das Ziel in Annapolis im US-Bundesstaat Maryland.

Meine Vorgabe: Ich möchte auf acht Tage zurückschauen, in denen ich alles gegeben habe. Ich möchte nicht nur einen Vorsprung verwalten und taktieren. Da wäre ich mit mir nicht zufrieden. Zu erklären wäre der enorme Vorsprung auch dadurch, dass sich das Wetter ändern kann, ich vorne Sonnenschein habe und Stunden hinter mir ein Unwetter tobt. Vor allem bei einem Vorsprung von über einem Tag.

ORF.at: Sie fuhren diesmal einen Schnitt von rund 25 km/h. Wo liegt die Grenze?

Strasser: Bisher am schnellsten war ich 2014 mit mehr als 26 km/h. Aber das kommt vor allem auf das Wetter an. Es ist schwierig darzustellen, aber ich bin heuer sicher besser gefahren, als man an der Zielzeit erkennen kann. Wir hatten zwar das Glück, dass die ersten beiden Tage nicht so extrem heiß waren, andererseits hatten wir bis auf insgesamt drei Stunden keinen Rückenwind. Deshalb war das Tempo in den ersten beiden Tagen im Schnitt sogar um 5 km/h niedriger als sonst. So gesehen ist die Grenze noch nicht erreicht.

ORF.at: Wie nah liegen Extremsport und Sucht beisammen?

Strasser: Das höre ich immer wieder. Meiner Meinung nach ist, was ich mache, kein Extremsport im herkömmlichen Sinn, weil es weder mit Adrenalin noch mit Risiko oder Kontrollverlust zu tun hat, also mit Suchtrisikofaktoren. Es ist normaler Sport, der den physikalischen Gesetzen unterliegt, die man durch Ausdauertraining Schritt für Schritt verbessern kann. Ich bin aber nicht süchtig danach, meine körperlichen Grenzen auszuloten.

Ich will auch nicht die Distanz immer mehr ausweiten und nonstop um den Kontinent fahren. Mein Ziel das RAAM, hier will ich noch schneller sein. Jeder Mensch weiß, dass es einem besser geht, wenn man aktiv ist. Wer regelmäßig etwas macht, dem geht es regelmäßig gut. Leute, die keine Hobbys haben, jammern zumeist darüber, wie schlecht es ihnen geht und wie schlecht das Leben ist, haben aber nicht die Kraft, ihren Arsch in die Höhe zu kriegen.

ORF.at: Kann ein so langes Rennen taktisch geplant werden? Wie viel Improvisation steckt dahinter?

Strasser: Planen geht schon. Was man nicht planen kann, ist das Verhalten der Konkurrenz. Wenn man hier zurückliegt, auch hinter den eigenen Erwartungen, kann das sehr viel Stress erzeugen. Aber man weiß genau, wie wird die Ernährung ablaufen, bei welcher Temperatur muss ich wie viel trinken, wie stelle ich mich auf die Höhenunterschiede ein, welche Bekleidung wähle ich. Es ist im Prinzip eine Puzzle mit 1.000 Teilen. Aber man kann die konkreten Bedingungen nie planen, deshalb muss man flexibel bleiben und dann vor Ort entscheiden, welches Szenario man anwendet.

ORF.at: Hätten Sie sich in manchen Situationen einen Motor im Rad gewünscht?

Strasser: Nein, sicher nicht. In den meisten Situationen hätte ich mir von meinen Betreuern einfach nur mehr Schlaf gewünscht. Aber zum Glück können sie mir den nicht geben, sonst wäre ich wahrscheinlich heute noch unterwegs.

ORF.at: Ab wann waren Sie sicher, dass Sie das Ziel erreichen würden?

Strasser: Sicher war ich mir in dem Moment, als wir über den Cucharas-Pass gefahren sind, das war der dritte 3.000-m-Pass in den Rockies. Dann war nur noch die Frage: Passiert ein Unfall? Erwischt dich ein Auto? Passiert etwas Unvorhergesehenes? Aber von der mentalen und körperlichen Seite war ich mir definitiv sicher, dass ich es jetzt schaffe.

Christoph Strasser

Manuel Hausdorfer/limeART

Bei eineinhalb Tagen Vorsprung auf den Zweiten konnte Strasser gegen Ende einen Gang zurückschalten

ORF.at: Was unterscheidet diesen vierten Sieg von Ihren drei Siegen davor?

Strasser: Kein Sieg ist wie der andere. Heuer war sicher der größte Unterschied, dass nur mehr zwei Leute aus meinem alten Betreuerteam dabei waren. Mit so einem frischen, jungen und teilweise auch unerfahrenen Team so eine Leistung abzurufen, war für mich das absolut Größte, was mir bisher gelungen ist.

ORF.at: Wie lange dauert es für gewöhnlich, bis Sie sich von den Strapazen erholt haben bzw. wann werden Sie wieder auf dem Rad sitzen wollen und können?

Strasser: Ich werde in zwei, drei Tage mit regenerativem Training beginnen, also einer halbstündigen Ausfahrt mit einem Eis dazwischen. In drei Wochen geht’s dann wieder mit kontrolliertem Training los, hängt auch davon ab, ob ich mir für heuer noch ein sportliches Ziel setze oder bereits für nächstes Jahr trainiere.

ORF.at: Gibt es Tage, an denen Sie keinen Sport treiben und dennoch zufrieden sind?

Strasser: Es gibt sogar sehr viele Tage, an denen ich sportlich nichts mache. Ich treffe genauso Freunde, sitze im Garten und trinke Kaffee, schaue der Wiese beim Wachsen zu oder lese ein Buch. Oder ich bin mit Arbeit eingedeckt, mit Onlineshop, Paketen oder Vorträgen, deren Organisation und Interviewterminen. Ich bin bei Weitem nicht nur auf dem Rad glücklich. Ich sehe das pragmatisch. Ich liebe den Radsport - und wenn ich dafür trainieren muss, mache ich es.

Gerne sitze ich schon lange nicht mehr sechs Stunden im Sattel. Mein Training ist rein zielgerichtet. Wenn ich kein Ziel vor Augen habe, genieße ich es in vollen Zügen, einfach faul zu sein. Ich kann auch wochenlang ohne Rad glücklich sein, weil es wichtig ist, den inneren Schweinehund am Leben zu lassen, er ist ja unser Schutzfaktor, damit wir den Motor nicht überdrehen.

ORF.at: Wie viel trainieren Sie an normalen Tagen?

Strasser: In den letzten drei Monaten vor dem Rennen trainiere ich sechsmal die Woche fünf bis sechs Stunden, mit einem Ruhetag. In der weiteren Vorbereitungszeit, also im Herbst, waren es fünf Tage mit fünf bis sechs Stunden mit zwei Ruhetagen. Das ist aber immer unterschiedlich und hängt von den Saisonhighlights ab.

ORF.at: Zahlt sich das RAAM finanziell mittlerweile aus? Was bleibt nach dem Erfolg für Sie unter dem Strich abzüglich aller Kosten über?

Strasser: Aufwand und Strapazen sind beim RAAM sehr hoch, auch finanziell. Auszahlen - das kommt auf die Definition an, finanziell oder idealistisch. Ich bin lieber schlechter bezahlt und glücklich als überbezahlt und frustriert. Mein Idealismus geht trotzdem nur bis zu einem gewissen Grad. Ich will ja auf Dauer davon leben. Wenn ich erfolgreich bin, bleibt mir natürlich etwas übrig, sonst hätte ich es nicht schon zum siebenten Mal gemacht. Von meinen Sponsoren bekomme ich Geld, wenn ich ins Ziel komme. Wenn nicht, dann ist es ein Nullsummenspiel.

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