Themenüberblick

Harte Sanktionen erwartet

Für Russlands Wintersportler wird der Dienstag zum Tag der Wahrheit. Im Rahmen der Sitzung des Executive Boards des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) soll in Lausanne die Entscheidung der obersten Olympier in der Causa Staatsdoping in Russland fallen. Alles deutet auf ein harte Sanktionen gegen die Sportgroßmacht bei den Winterspielen 2018 im Februar in Pyeongchang hin.

IOC-Präsident Thomas Bach soll am Dienstag die Entscheidung bekanntgeben. Nach Ermittlungen und ausführlichen Begründungen der vom Schweizer Denis Oswald geleiteten Kommission sprach das IOC in den vergangenen Wochen in den Sportarten Bob, Skeleton, Langlauf, Eisschnelllauf und Biathlon lebenslange Sperren aus, darunter waren die Sotschi-Olympiasieger Alexander Subkow (Viererbob und Zweierbob), Langläufer Alexander Legkow und Skeleton-Pilot Alexander Tretjakow. Die Resultate der Sotschi-Spiele 2014 wurden annulliert.

Statue vor dem IOC Hauptquartier

Reuters/Denis Balibouse

Geht am Dienstag in Lausanne die Sonne über Russlands Sportlern unter?

Keine Konsequenzen in Rio

Ob es wegen nachgewiesenen Staatsdopings zu einem Komplettausschluss Russlands für die Spiele in Südkorea kommen wird, ist fraglich. Schon für die Sommerspiele 2016 in Rio de Janeiro konnte sich das IOC dazu nicht durchringen. Russische Sportler durften unter besonderen Auflagen teilnehmen, die Entscheidung darüber fällten die internationalen Fachverbände. An die 270 Athleten wurden schließlich für „sauber“ erklärt.

Die Anspannung in Russland ist trotzdem groß. Daher soll auch die amtierende Eiskunstlauf-Königin Jewgenija Medwedewa beim IOC ein gutes Wort einlegen. Das teilte das Nationale Olympische Komitee (NOK) Russlands am Montag in Moskau mit. Die 18-jährige Medwedewa ist zweifache Weltmeisterin und Favoritin für Gold in Pyeongchang.

„Es gibt kaum noch Raum für Manöver“, sagte Vizeregierungschef Witali Mutko der Agentur TASS. Der ehemalige Sportminister rechnet entweder mit einem Ausschluss oder mit der Auflage, dass russische Athleten unter neutraler Flagge antreten müssen. Laut Kreml-Sprecher Dimitri Peskow werde ein möglicher Boykott der Spiele in Südkorea aber nicht diskutiert.

Evgenia Medvedeva (RUS)

APA/AFP/Daniel Mihailescu

Gold-Favoritin Medwedewa soll die IOC-Bosse milde stimmen

WADA-Entscheidung hat Gewicht

Anders als vor einem Jahr sind aber diesmal trotzdem weitreichende Konsequenzen zu erwarten. Mitte November entschied die Welt-Anti-Doping-Agentur (WADA), dass die russische Anti-Doping-Agentur (RUSADA) suspendiert bleibt. Den Ausschlag gab fehlendes Eingeständnis dafür, dass ein flächendeckendes Dopingsystem betrieben worden ist und die Ergebnisse der Kommission von Sonderermittler Richard McLaren nicht öffentlich anerkannt werden.

Dieser negative WADA-Beschluss sollte Einfluss auf mögliche Sanktionen des IOC haben. „Das IOC-Exekutivkomitee wird bei der Entscheidung über die Teilnahme von Sportlern aus Russland im Dezember alle Umstände berücksichtigen, einschließlich aller Maßnahmen zur Gewährleistung gleicher Bedingungen bei den Winterspielen 2018“, hieß es in einer Erklärung des IOC.

Brisante Testdaten

Von russischer Seite wurden und werden die Vorwürfe vehement bestritten. „Wir weisen die Existenz eines staatlichen Dopingsystems entschieden zurück“, betonte Alexander Schukow, der Chef des Nationalen Olympischen Komitees Russlands. Auch, dass die WADA erst am Sonntag die Echtheit von ihr zugespielten Testdaten aus einem Moskauer Kontrolllabor aus den Jahren 2012 bis 2015 bestätigte, änderte an der russischen Meinung nichts.

Russischer Bob mit Alexander Schubkow

AP/Michael Sohn

Bob-Olympiasieger Subkow ist seine Goldenen von Sotschi bereits los

„Wir haben die forensische Untersuchung abgeschlossen und können jetzt die Echtheit der Datenbank bestätigen. Der Inhalt scheint die Behauptungen von Whistleblower (Grigori, Anm.) Rodschenkow zu bestätigen, dass mehrere Jahre lang - von 2012 bis 2015 - Maßnahmen erfolgten, um mutmaßlich gedopte russische Athleten zu schützen“, sagte WADA-Ermittler Günter Younger im deutschen TV. Die neuen Indizien könnten zu weiteren Sanktionen gegen russische Athleten führen. „Das wird unsere Priorität sein. Sobald wir tatsächlich auch Athleten haben, die wir verfolgen können, wird natürlich der Wintersport oberste Priorität haben“, sagte Younger.

Chefermittler gegen Symbolstrafen

WADA-Chefermittler McLaren sprach sich in einem Interview mit dem „Spiegel“ (Onlineausgabe) am Sonntag wegen der, aus seiner Sicht, Uneinsichtigkeit der Russen auch gegen Symbolstrafen und für echte Sanktionen aus. Der mögliche Ausschluss der russischen Mannschaft von der Eröffnungs- oder Schlussfeier bei den Olympischen Winterspielen in Pyeongchang sei „keine adäquate Strafe für eine Tat, die in der Vergangenheit verübt wurde“, sagte der Kanadier.

Gleiches gelte, „falls man die russische Flagge oder die Nationalhymne in Südkorea verbietet“, meinte McLaren und forderte: „Man sollte die Verantwortlichen finden und sanktionieren.“ Die WADA beharre auf dem Standpunkt, „dass die Russen zugeben müssen, was in meinen Berichten steht“, betonte McLaren. Aussagen von russischer Seite, man wolle für Unruhe im anstehenden Präsidentschaftswahlkampf sorgen, würden der russischen Glaubwürdigkeit schaden: „Mit solchen Aktionen legen sie die Grundlage für immer größere, immer härtere Sanktionen - denn sie leugnen, leugnen, leugnen.“

Link: