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„Interessen unserer Sportler verteidigen“

Die Entscheidung des Internationalen Olympischen Komitees (IOC), Russland offiziell von den Winterspielen in Pyeongchang im Februar 2018 auszuschließen, wurde bei russischen Funktionären mit Bestürzung und Empörung aufgenommen. Trotzdem gibt es keinen Boykott der Spiele. Die Hintertür, dass Sportler unter neutraler Flagge starten dürfen, will der Kreml nicht zuschlagen.

Putin machte klar, dass er seine Sportlerinnen und Sportler nicht an einer Teilnahme in Südkorea unter neutraler Flagge hindern wird. „Wir werden zweifellos keinen Boykott machen, wir werden unsere Sportler nicht daran hindern, teilzunehmen“, so Putin. Der Präsident erklärte, dass Russland zwar eine gewisse Verantwortung für die Sperre seiner Funktionärsriege akzeptiere, den Anschuldigen gegenüber den Sportlern dennoch jegliche Basis fehle.

Präsident Putin

Reuters/RIA Novosti/Kremlin/Alexei Nikolskiy

Putin, hier 2014 in Sotschi, verzichtet auf einen Boykott der Spiele

„Es schaut nach einer politisch motivierten Kollektivbestrafung aus. Wir sehen das so, für mich gibt es daran keine Zweifel“, betonte Putin gegenüber der Agentur Interfax. Die Vorwürfe kämen in erster Linie von Personen, deren moralische und ethische Prinzipien infrage zu stellen seien. Putin fragte sich, warum die Athleten nicht unter der russischen Fahne starten dürften und die Staatssymbole wie die Flagge oder die russische Hymne verboten seien. „Wenn es niemals ein staatlich unterstütztes Dopingsystem gab, bleibt noch immer diese Frage“, sagte der 65-Jährige.

„Erniedrigung für das Land“

Gegen einen Boykott entschied er sich aus einem bestimmten Grund. „Ich sorge mich sehr um die Leute, die von dem Ausschluss betroffen sind. Sie haben ihre ganze Karriere darauf ausgerichtet, deshalb ist eine Teilnahme sehr wichtig“, so Russlands Präsident, der am Mittwoch auch bekanntgab, 2018 bei den Wahlen neuerlich für das höchste Amt Russlands kandidieren zu wollen.

Vor der Entscheidung hatte Putin noch vor einer „ernsthaften Schädigung der olympischen Bewegung“ gewarnt. Es gebe „zwei Optionen“. „Entweder Russland zu zwingen, unter neutraler Flagge anzutreten, oder es überhaupt nicht zu den Olympischen Spielen zuzulassen“, erklärte Putin: „Jede ist eine Erniedrigung für das Land.“ Der Forderung einiger russischer Politiker nach einem Boykott der Spiele, gab der Kreml-Chef aber trotzdem nicht nach.

Putins Sprecher Dimitri Peskow hatte davor erklärt, dass Russland die Situation und Entscheidung erst einer gründlichen Analyse unterziehen müsse. „Die Situation ist ernst. Heute dürfen wir unseren Emotionen nicht nachgeben, sondern müssen mit Bedacht die Entscheidung des IOC analysieren“, sagte Peskow am Vormittag.

Sportler als wichtigstes Thema

Die Entscheidung am Dienstag sieht so wie schon vor einem Jahr bei den Sommerspielen in Rio de Janeiro keinen Komplettausschluss russischer Aktiver vor. Diesen hatten vor allem die Welt-Anti-Doping-Agentur (WADA) und andere Nationale Olympische Komitees gefordert, nachdem es aus ihrer Sicht als erwiesen gilt, dass in Russland Doping speziell bei den Winterspielen 2014 in Sotschi staatlich organisiert wurde.

Athletinnen und Athleten, die laut IOC nachweislich „sauber“ sind, dürfen in Pyeongchang an den Start gehen. Allerdings nicht unter russischer Flagge, sondern unter dem Emblem des IOC. Die russischen Teilnehmer sollen als „Olympischer Athlet aus Russland“ mit dem Kürzel OAR in den Ergebnislisten geführt werden. Im Fall eines Olympiasieges würde auch nicht die russische, sondern die olympische Hymne erklingen. Laut Kreml-Sprecher Peskow gelte es vor allem jene Sportlerinnen und Sportler zu schützen, die vom IOC als „sauber“ eingestuft werden.

Russland als Nation von Winterspielen ausgeschlossen

Russland darf an den Olympischen Winterspielen 2018 in Südkorea nicht teilnehmen. Grund für den Ausschluss ist das jahrelange, systematische und staatlich gedeckte Doping in Russland, das vor einiger Zeit aufgeflogen ist.

„Das wichtigste Thema ist jetzt, die Interessen unserer Sportler zu verteidigen“, so Peskow. Weniger wichtig sei die Situation der Funktionäre, die gesperrt sind. So wurde der ehemalige russische Sportminister Wladimir Mutko lebenslang von Olympia verbannt. Auch der aktuelle Chef des Russischen Olympischen Koimtees (ROC), Alexander Schukow, wurde von seinen Ämtern in den IOC-Gremien vorerst suspendiert. Ob die Funktionäre, die mit ihren Taten das IOC zu seiner Entscheidung veranlasst hätten, von russischer Seite bestraft werden, wollte Peskow nicht kommentieren.

Sportler ziehen vor CAS

Schon vor der Entscheidung am Dienstag hatte das IOC insgesamt 25 russische Sportlerinnen und Sportler wegen Dopingvergehens in Sotschi gesperrt. Der Großteil der bisher ausgeschlossenen Athleten hat am Mittwoch wie angekündigt beim Internationalen Sportgerichtshof (CAS) Einspruch gegen die Sperren eingelegt. Der CAS teilte am Mittwoch mit, dass bis dato 22 russische Athleten gegen die Urteile Berufung eingelegt haben.

Die Entscheidungen über die Einsprüche sollen nach Wunsch der Russen noch vor Beginn der Winterspiele 2018 im Februar in Südkorea fallen, hieß es weiters. Einige der gesperrten Athleten, wie etwa der Doppelolympiasieger von Sotschi im Bob Alexander Subkow, haben ihre aktive Karriere bereits beendet. Beim IOC sind noch weitere neun Fälle von mutmaßlichen russischen Dopingsündern anhängig.

Komplettsperre bei Paralympics?

Nach der Entscheidung des IOC steht noch jene des Internationalen Paralympischen Komitees aus. Das IPC will am 22. Dezember eine Entscheidung zu einem möglichen Ausschluss Russlands bei den Paralympics 2018 in Pyeongchang treffen. Das IPC habe die Entscheidung des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) im Zuge des russischen Dopingskandals zur Kenntnis genommen. Die IPC-Entscheidung werde unabhängig von den Maßnahmen des IOC getroffen, stellte der Verband klar.

„Mit Blick auf die paralympische Bewegung wird sich das IPC-Präsidium am 19. Dezember treffen und über die derzeitige Suspendierung des russischen paralympischen Komitees diskutieren“, teilte ein IPC-Sprecher auf Anfrage mit. Im Gegensatz zum IOC hatte das IPC Russland wegen des mutmaßlich staatlich orchestrierten Dopingsystems bereits bei den Sommerspielen 2016 in Rio de Janeiro ausgeschlossen. Seitdem ist der russische Verband suspendiert.

Genugtuung bei Konkurrenz

Die Sanktionen des IOC wurden außerhalb Russlands aber mit Genugtuung aufgenommen. Vor allem aus den USA gab es Gratulationen an die obersten Olympier. Die Entscheidung „ist ein willkommener Schritt, um die Regierung von Wladimir Putin für ihren Dopingplan zur Verantwortung zu ziehen“, sagte etwa der ehemalige Präsidentschaftskandidat John McCain. Die nationale Anti-Doping-Agentur der USA (USADA) begrüßte das Urteil als einen „bedeutenden Sieg“. Das IOC habe in seiner Entscheidung „auf die gehört, die am wichtigsten sind - und saubere Sportler haben einen wichtigen Sieg errungen“, hieß es in einem Statement von USADA-Chef Travis Tygart.

Der kanadische Rechtsprofessor Richard McLaren, der mit seinem Report das System des Staatsdopings in Russland aufgedeckt und so maßgeblich die Grundlage für die IOC-Entscheidung geliefert hatte, war ebenfalls zufrieden. „Ich gratuliere dem IOC zu der Entscheidung. Die Sportgemeinschaft zeigte ihre Engagement, um sicherzustellen, dass Sportler von einem dopingfreien Wettbewerb profitieren. Wir müssen die Kultur des Sports ändern, weg von einem Gewinnen um jeden Preis hin zu einem fairen Wettbewerb“, betonte McLaren.

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