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„Haben nichts mehr zu verlieren“

Unmittelbar nach der EM-Niederlage Österreichs gegen Weißrussland ist am späten Freitagabend in Porec die Neuauflage des WM-Finales von 2017 über die Bühne gegangen. Weltmeister Frankreich schlug Vizeweltmeister Norwegen in einem mitreißenden Match um Haaresbreite. Und spätestens nach diesem hochklassigen Handballfeuerwerk war klar, warum das 26:27 im Duell mit den Weißrussen die Chancen des ÖHB-Teams auf den Einzug in die Hauptrunde auf ein Minimum reduzierte.

Der Vormittag danach stand für Österreichs Cheftrainer Patrekur Johannesson im Zeichen der Aufarbeitung der bitteren, weil vermeidbaren Auftaktniederlage. Insgesamt elf Ballverluste und zu viele Fehlwürfe waren in einem zähen Ringen auf Augenhöhe fatal, wie der Isländer feststellen musste. „Das wird bei einer EM eiskalt bestraft. Jeder Fehler ist teuer“, sagte Johannesson, der Gegenüber Juri Schewzow zu einer taktisch und defensiv starken Leistung des weißrussischen Teams gratulierte. „Die bessere Mannschaft hat gewonnen“, so der ÖHB-Teamchef. „Bitter für uns, sehr schade.“

ÖHB-Coach Patrekur Johannesson

GEPA/Matic Klansek

Patrekur Johannesson erlebte in Porec einen unglücklichen EM-Auftaktabend

Außer ganz zu Beginn mit 1:0 war Österreich in der gesamten Partie nie in Führung gelegen. „Unser Problem war, dass wir nicht schnell genug vorne waren und uns deshalb zu wenige einfache Tore gelungen sind“, analysierte Johannesson am Samstag den Fehlstart. „Teilweise haben sie das gut verteidigt, waren top eingestellt“, zollte er Gegenüber Juri Schewzow Respekt. „Uns sind auch zu viele Passfehler passiert, dazu kamen ein, zwei dumme Zeitstrafen“, fügte Johannesson hinzu. „Herz, Körpersprache und Einsatz waren jedenfalls vorbildlich. Da mache ich den Spielern keinen Vorwurf.“

„Wir geben sicher nicht auf“

Was ihn dagegen störte: „In wichtigen Phasen hat ein bisschen die Disziplin gefehlt“, sprach Johannesson zwei missglückte Risikopässe in jener Phase an, nach der man schließlich drei Minuten vor Schluss 24:27 hinten lag. Auch dass der Start ins Match mit dem 38-jährigen „Comebacker“ Vitas Ziura nicht ganz glückte, blieb Johannesson nicht verborgen. „Da wollte er vielleicht zu viel zeigen. Aber dann hat er es gut gemacht.“ Sehr gut machte es Jungstar Nikola Bilyk, der mit acht Treffern glänzte und zum Mann des Spiels gewählt wurde. „Wir geben sicher nicht auf“, versicherte der Kiel-Legionär.

Der linke Rückraumspieler Alexander Hermann kann gegen Frankreich am Sonntag (18.15 Uhr, live in ORF Sport +) nicht dabei sein. Er verletzte sich gegen Weißrussland am Knie. Ein bitterer Ausfall, zumal Johannesson gegen Frankreichs „Maschinen“ jede Stammkraft dringend benötigt. „Das ist eine unglaublich kräftige Mannschaft. Schnell, hart, alle auf Champions-League-Niveau“, so der ÖHB-Coach über die Spieler des Weltmeisters, die an europäischen Handball-Topadressen wie Montpellier, Paris Saint-Germain, FC Barcelona oder Flensburg unter Vertrag stehen.

„Wir werden viel Mut brauchen, Selbstvertrauen und den Glauben an uns selbst“, betonte Johannesson. Natürlich weiß er um die fast schon aussichtslose Lage im Kampf um die Top-Drei-Plätze in Gruppe B. „Ich selbst bin positiv verrückt. Ich glaube immer und gegen jeden an den Sieg“, so der Isländer. „Aber wichtiger ist, dass die Spieler locker sind, sich wohlfühlen. Ich mache ihnen Mut.“ Was Robert Weber betrifft, sollte das gelingen. Denn der routinierte Rechtsaußen glaubt nach wie vor felsenfest an den Aufstieg.

„Die Franzosen sind auch nur Menschen“

„Sonst wäre ich nicht hier. Wenn man einen Tiefschlag bekommt, muss man wieder aufstehen“, stellte der Magdeburg-Torjäger klar. „Wir wussten, dass wir gegen Weißrussland gewinnen, aber auch verlieren können. Natürlich sitzt jetzt die Enttäuschung tief. Ich habe keine drei Stunden geschlafen nach dem Spiel“, so Weber. „Aber wir haben auch gegen Frankreich unsere Chancen, wenn wir zu unseren eigenen Stärken zurückfinden. Wir müssen wieder an uns glauben, unsere Qualitäten im Gegenstoß ausspielen. Die Franzosen sind auch nur Menschen, kochen auch nur mit Wasser.“

Robert Weber (AUT)

GEPA/Matic Klansek

Flügelspieler Robert Weber traf gegen Weißrussland viermal ins Tor

Weber sprach auch die Drucksituation vor dem Weißrussland-Match an, das seit der erfolgreichen Quali im Sommer und der Gruppenauslosung zum „Finale“ hochgepusht wurde. „Jetzt gibt uns niemand mehr eine Chance, vielleicht ist das unsere Chance“, hofft der 156-fache Internationale. „Am Ende entscheiden im Handball immer auch Mut und Wille“, betonte Weber seine ungebrochene Zuversicht. „Jetzt werden wir im Training den Frust rauspressen, und weiter geht’s. Wir haben nichts mehr zu verlieren.“

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