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Angst vor chaotischen Spielen

Am 14. Juni wird mit der Partie zwischen Gastgeber Russland und Saudi-Arabien in Moskau die erste von 64 Partien der Fußball-Weltmeisterschaft 2018 angepfiffen. Bieten Partien auf der größten Bühne des Fußball sowieso schon genügend Grund für hitzige Diskussionen, so kommt heuer ein neuer hinzu: Der umstrittene Videobeweis erlebt in Russland seine WM-Premiere.

Der Videobeweis ist gekommen, um zu bleiben - so richtig angekommen scheint er in allen Köpfen aber noch nicht zu sein. Beim erstmaligen Einsatz des umstrittenen Tools bei einer WM befürchten nicht wenige ein richtiges Chaos. Beim Fußballweltverband (FIFA) zeigt man sich hingegen zuversichtlich. „Es war gut, dass wir den Videobeweis eingeführt haben“, sagte Schiedsrichterchef Massimo Busacca, selbst als Referee bei zwei Weltmeisterschaften und einer Europameisterschaft im Einsatz.

Durchwachsener Testlauf

Die deutsche Bundesliga, die italienische Serie A, die portugiesische Primeira Liga, die amerikanische Major League Soccer, die K League 1 in Südkorea und die A-League in Australien setzen den Video Assistant Referee (VAR) bereits in jedem Match ein. In den Niederlanden, England, Frankreich, Belgien, Polen, Qatar und Südamerika stand die Innovation für gewisse Spiele bzw. Wettbewerbe zur Verfügung. Die spanische Primera Division bereitet die Einführung zur kommenden Spielzeit vor.

Schiedsrichter Gianluca Rocchi schaut in ein VAR-System

APA/AFP/Marco Bertorello

In der italienischen Serie A gehört der Blick auf den Monitor mittlerweile zum Alltag

Auf Länderspielebene wurde der Videoreferee im Vorjahr beim Confederations Cup ebenfalls in Russland getestet - und sorgte gleich am ersten Spieltag für Verwirrung und Aufregung. Gleich viermal in zwei Spielen wurde die Unterstützung von außen zur Beantwortung der Frage „Tor oder nicht Tor“ bemüht. Damals dauerte es lange, bis eine endgültige Entscheidung fiel. Mangels Information waren Spieler und Fans zum ahnungslosen Zuschauen verdonnert. „Es war ein bisschen verwirrend“, sagte damals der portugiesische Teamchef Fernando Santos.

Ziel: „Skandal verhindern“

Nun rückt der Videobeweis neuerlich in Russland ins Rampenlicht. Bei jedem Spiel werden ein Videoreferee und drei Assistenten die Partie auf mehreren Bildschirmen in der Videozentrale in Moskau verfolgen. Sie können auf Aufnahmen von mehr als 30 Kameras zurückgreifen. Ermöglicht hat das das International Football Association Board (IFAB), das Anfang März in der Schweizer Finanzmetropole Zürich die Aufnahme des Hilfsmittels ins offizielle Regelwerk beschloss.

„Die Chance, eine richtige Entscheidung ohne Videoassistenten zu treffen, liegt bei 93 Prozent. Mit dem Videoassistenten liegt sie bei 99 Prozent“, behauptete FIFA-Präsident Gianni Infantino. Die Technik soll nur dazu verwendet werden, eklatante Fehlentscheidungen korrigieren zu können, die Tore, Elfmeter, Rote Karten und Verwechslungen zu bestrafender Spieler betreffen. Es werde zudem kein Tor ohne stille Videokontrolle auf mögliches Abseits geben, betonte Busacca. Zahlreiche strittige Szenen bleiben daher unberührt. „Das Ziel ist nicht, dass wir zu 100 Prozent richtige Entscheidungen erreichen, sondern dass wir einen Skandal verhindern“, erklärte der Schweizer Busacca.

Vor der ersten Härteprobe beim Eröffnungsspiel zwischen dem Gastgeber und Saudi-Arabien gab sich Infantino äußerst zuversichtlich. „Ich bin überhaupt nicht nervös wegen des Videoschiedsrichters, weil es keine negativen Effekte haben kann“, beteuerte der FIFA-Präsident in der russischen Hauptstadt. „Das Schlimmste, das passieren kann, ist, dass eine falsche Entscheidung nicht korrigiert wird. Mit dem Videoschiedsrichter haben wir aber die große Chance, dass falsche Entscheidungen korrigiert werden.“

Schiedsrichter noch mehr im Fokus

Dass es noch Entwicklungspotenzial in der Umsetzung gibt, ist den Verantwortlichen aber klar. Denn der Videobeweis hat die Debatten über Schiedsrichter keineswegs beendet, sondern sogar intensiviert. Allein in Deutschland gab es nahezu jedes Wochenende in der Bundesliga hitzige Diskussionen und Kopfschütteln. Regeltechnische Wissenslücken, was der VAR tun soll und explizit nicht darf, wurden häufig weder von Schiedsrichtern noch den medialen Berichterstattern aufgeklärt.

Schiedsrichter Milorad Mazic mit Spielern

Reuters/Maxim Shemetov

Nachträgliche Verwarnungen, wie hier beim Confed-Cup-Finale 2017 sorgen immer wieder für Verwirrung

Ein Kritikpunkt am Videobeweis ist auch die Unterbrechung des Spielflusses und die Verlängerung der Spieldauer. Für den deutschen Teamspieler Sami Khedira, der mit Juventus Turin in der Serie A bei jedem Spiel mit dem Videobeweis konfrontiert wird, geht etwa bei der Rücknahme eines Treffers mit der technischen Hilfe „viel Emotion und Leidenschaft verloren.“ Auch auf die Atmospähre im Stadion hätten die Entscheidungen des Videoreferees in so einem Fall negativen Einfluss.

Nur Quartett VAR-geeicht

Bei einer Weltmeisterschaft ist das Publikum noch größer. Die Regeln sind zweifellos komplex und viele WM-Schiedsrichter mit dem System bisher kaum in Berührung gekommen. Die große Frage, die sich die Kritiker stellen: Können die zuständigen Referees die Vorgaben unter enorm stressigen Livebedingungen, wie sie bei einer WM-Endrunde - vor allem in den K.-o.-Runden und erst recht im Finale richtig anwenden?

Fakt ist, dass von den 35 für die WM 2018 nominierten Referees nur vier regelmäßig in Ligen pfeifen, in denen der Videobeweis in jedem Match zum Einsatz kommt: der Deutsche Felix Brych, die US-Amerikaner Mark Geiger und Jair Marrufo sowie Gianluca Rocchi aus Italien. Eine Handvoll andere kann man als routiniert bezeichnen, den Großteil als relativ unerfahren. „Das Level an Erfahrung ist so hoch wie er sein kann für etwas, das erst seit rund eineinhalb Jahren eingesetzt wird“, sagt Geiger, der normalerweise in der Major League Soccer (MLS) für Ordnung auf dem Feld sorgt.

Information wird verbessert

Einen Kritikpunkt aus der bisherigen Praxis hat die FIFA aufgegriffen. So soll bei der Weltmeisterschaft der Ablauf einer Videoüberprüfung im Stadion kommuniziert werden. Sebastian Runge, der bei der FIFA für Innovationen zuständig ist, kündigte an: „Wir werden Grafiken und Wiederholungen auf den riesigen Bildschirmen haben, und wir werden die Fans über den Ausgang eines Videobeweises und die Überprüfung informieren.“ Die Erklärungen sollen auch auf der Website des Weltverbandes, einer speziellen App und bei den TV-Übertragungen zu sehen sein.

Den Videobeweis wieder abzuschaffen ist für die FIFA kein gangbarer Weg. „Es ist offensichtlich, dass der Fußball vor der modernen Welt nicht die Augen verschließen kann“, glaubt Carlos Queiroz, der portugiesische Coach der iranischen Nationalmannschaft. Die UEFA will dagegen in ihren Wettbewerben, allen voran der Champions League, vorerst weiter auf die Entscheidungshilfe verzichten. Die österreichische Bundesliga denkt über einen Start frühestens zur Saison 2019/2020 nach.

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