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Langer Weg zur richtigen Entscheidung

Der Videobeweis wird den Schiedsrichtern in Russland erstmals auch bei einer Weltmeisterschaft die Möglichkeit geben, klare Fehlentscheidungen nachträglich korrigieren zu können. Wie das Prozedere abläuft, ist aber vor allem den Zuschauern manchmal nicht ganz klar. Ein kleines Regelwerk verschafft Abhilfe.

Die Formel des Fußballweltverbandes (FIFA) für die nachträgliche Videoüberprüfung lautet „minimaler Eingriff, maximaler Nutzen“. Vor knapp zwei Jahren kam die umstrittene Technologie bei einem Spiel der dritten US-Liga erstmals in einem Liveevent zum Einsatz.

In vier Situationen anwendbar

Die FIFA hat den Einsatz auf vier Situationen beschränkt: Tore, Elfmeter, Rote Karten und Spielerverwechslungen bei Gelben und Roten Karten. Fällt ein Tor, gibt es den Verdacht auf Foul im Strafraum, hat der Schiedsrichter eine Tätlichkeit übersehen, wird das still und heimlich vom Videoassistenten kontrolliert („check“). Abseitsstellungen hingegen interessieren ihn nur im Zusammenhang mit den genannten Situationen. Und nur wenn der Verdacht auf eine klare Fehlentscheidung besteht, teilt er das dem Hauptschiedsrichter mit.

Für die Kommunikation zwischen Referee und Videoassistenten braucht es grundsätzlich eine Spielunterbrechung. Gibt es die nicht sowieso, müsste der Schiedsrichter das Spiel stoppen. Danach entscheidet er, ob er eine offizielle Überprüfung („review“) zulässt oder sich bei seiner Entscheidung sicher ist. Wenn er sie zulässt, zeigt er das an, indem er mit den Händen ein Rechteck signalisiert.

„Meinungen“ und „Tatsachen“

Der Videoassistent überprüft jetzt alle ihm zur Verfügung stehenden Aufnahmen und teilt dem Schiedsrichter seine Empfehlung mit. Der Schiedsrichter kann das befolgen oder nicht, sich die betreffende Szene aber auch selbst anschauen („on-field review“). Dazu gibt es klare Richtlinien: Wenn eine Entscheidung subjektiv ist, etwa ob ein Foul eine Rote Karte nach sich ziehen sollte, sollen die Schiedsrichter zum Monitor gehen. Bei „Tatsachen“ wie der Frage, ob ein Foul im Strafraum oder außerhalb war, sollen die Schiedsrichter dem Videoassistenten vertrauen.

Seine endgültige Entscheidung teilt der Schiedsrichter per Handzeichen mit. Er kann dabei dem Rat des Videoassistenten folgen oder nicht, er hat immer die Entscheidungskompetenz. Der Schiedsrichter kann den Review-Prozess auch selbst starten, wenn er sich bei einer Entscheidung unsicher ist, und den VAR informieren, dass er eine Überprüfung möchte. Dafür darf er das Spiel unterbrechen - allerdings nicht wenn sich eine Mannschaft in einer guten Angriffsposition befindet.

Vorgeschichte zählt mit

Bei Toren, Elfmeterverdacht und Roten Karten wegen Verhinderns einer klaren Torchance ist nicht nur das Ereignis selbst, sondern auch die Entstehungsgeschichte relevant. Laut Regelwerk muss die Angriffsphase („attacking phase of play“), und zwar ab dem Moment, in dem der entscheidende Vorstoß Richtung Strafraum initiiert wurde, überprüft werden. Bei heiklen Szenen kann jedweder Regelverstoß in der Entstehung entscheidend sein: ein anderes Foul, eine Abseitsstellung, ein Hands, ein sich kurz außerhalb des Spielfelds bewegender Ball.

Das führt manchmal zu harten Entscheidungen. So kann ein korrekt gegebener Elfmeter revidiert werden, weil einige Sekunden vorher an der Mittellinie ein Foul stattgefunden hat. Ein reguläres Tor kann zurückgenommen werden, wenn es einem Konter nach einem auf der Gegenseite nicht gepfiffenen Elfer entsprungen ist.

Ruhender Ball als Zäsur

Bei einem Vorfall nach einem ruhenden Ball ist dagegen klar geregelt, dass das Geschehen davor nicht mehr untersucht wird. Der inkorrekt gegebene Eckball im Europa-League-Semifinale Salzburg gegen Olympique Marseille, der zum entscheidenden Treffer für Marseille führte, wäre also auch mit Videobeweis nicht angreifbar gewesen.

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