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Neuer Teamchef, unverändertes Ziel

Am Ende eines ereignisreichen Tages ist der Sportdirektor Spaniens als Interimstrainer auf dem Podium gesessen: „Das Ziel ist, um den Titel zu kämpfen. Wir haben keine Zeit, an etwas anderes zu denken.“ Fernando Hierro, ehemaliger Starverteidiger von Real Madrid, bisher Sportdirektor und nun zwischenzeitlich Teamchef, plant, den WM-Mitfavoriten zum Titel zu führen.

Hierro will die unrühmliche Ablöse von Julen Lopetegui rasch hinter sich lassen. „Die Vergangenheit ist Vergangenheit, wir müssen positiv denken. Der Tag war nicht einfach, aber die Jungs sind professionell und Sportler“, sagte der 50-jährige Ex-Nationalspieler vor seinem ersten Training bei einer Pressekonferenz im spanischen Teamcamp in Krasnodar. „Die Spieler sind gewohnt, dass Trainer kommen und gehen. Wir haben ein sehr schönes, spannendes Ziel.“

Teamchef Fernando Hierro (ESP)

APA/AFP/Pierre-Philippe Marcou

Fernando Hierro glaubt nicht, dass der plötzliche Trainerwechsel die Spieler entscheidend aus der Bahn wirft

„Alles, was passiert ist in den vergangenen Tagen, taugt nicht als Rechtfertigung für irgendwas“, sagte Hierro. Nach der Trennung von Lopetegui, den die Führung des spanischen Fußballverbandes (RFEF) nach dessen überraschender Vertragsunterzeichnung als künftiger Real-Trainer vor die Tür gesetzt hatte, muss Hierro den Weltmeister von 2010 auf die erste WM-Partie vorbereiten. Bereits am Freitag (20.00 Uhr) trifft die „Seleccion“ in Sotschi auf Portugal.

Sergio Ramos appelliert an Einigkeit

Kapitän Sergio Ramos rief einstweilen die zwischen Verdutztheit und Enttäuschung pendelnde Anhängerschaft mit pathetischen Worten zur Einigkeit auf. „Wir sind die Seleccion, wir repräsentieren das spanische Wappen, die Farben, die Fans, das Land. Die Verantwortung und die Verpflichtung sind mit euch und für euch. Gestern, heute und morgen, gemeinsam. #VamosEspana“, twitterte der 32-jährige Real-Abwehrchef.

Nach Medienberichten haben Kapitän Ramos, sein Stellvertreter Andres Iniesta und weitere Führungsspieler vergeblich versucht, RFEF-Chef Luis Rubiales davon abzuhalten, Lopetegui zu feuern. Die Spieler hätten die Entscheidung der sofortigen Trennung „akzeptiert“, sagte hingegen Rubiales. Unter dem früheren Torhüter Lopetegui hatte die „Seleccion“ seit seinem Amtsantritt 2016 als Nachfolger von Vicente del Bosque keines ihrer 20 Spiele verloren.

Der Zeitpunkt für die Entlassung scheint äußerst ungünstig, die Entscheidung selbst jedoch korrekt. Erst fünf Minuten vor der offiziellen Veröffentlichung durch Champions-League-Sieger Real Madrid soll Rubiales von Lopetegui über den feststehenden Jobwechsel informiert worden sein.

Xavi begrüßt Entlassung Lopeteguis

Xavi Hernandez, FC-Barcelona-Legende und mit Spanien Weltmeister (2010) und Europameister (2008 und 2012), lobte den Funktionär für dessen Vorgehen. „Rubiales hat sehr gut reagiert“, wurde Xavi in der Sportzeitung „Marca“ zitiert. Den baldigen Real-Trainer kritisierte er hingegen scharf: „Die Entscheidung von Lopetegui war meiner Meinung nach unpassend, unerwartet und voreilig“, erklärte der Ex-Internationale, der nun in Katar bei al-Sadd spielt.

Xavi Hernandez (ESP)

APA/AFP/Al-Watan Doha/Karim Jaafar

Ex-Weltklassespieler Xavi hat kein Verständnis für den nunmehrigen Ex-Teamchef Lopetegui

Dass Spanien durch das Chaos entscheidend geschwächt wird, glaubt Xavi nicht. „Für mich hat Spanien weiter sehr gute Aussichten, die WM zu gewinnen“, sagte der 38-Jährige. Hierro sei „sehr gut vorbereitet“. Der bisherige Sportdirektor habe 2010 bei der WM in Südafrika dem späteren Weltmeisterteam „viel geholfen, nachdem wir das Auftaktspiel gegen die Schweiz mit 0:1 verloren hatten“.

Miserables Krisenmanagement im Verband

„Wir haben uns dazu gezwungen gesehen, ihn seines Amtes zu entheben“, hatte Rubiales zuvor die Blitztrennung von Lopetegui erklärt. Real hatte am Dienstag bekanntgegeben, dass der 51-Jährige nach der WM als Nachfolger von Zinedine Zidane Chefcoach wird. Möglich machte das eine Ausstiegsklausel im Vertrag von Lopetegui, der erst im Mai für zwei weitere Jahre verlängert hatte. Der RFEF kassiert zwar zwei Millionen Euro Ablöse, offenbarte aber ein miserables Krisenmanagement zwei Tage vor dem so wichtigen WM-Auftaktmatch gegen Europameister Portugal.

Lopeteguis Abgang zu diesem Zeitpunkt ist selbst im schnelllebigen Profigeschäft ein einmaliger Vorgang. Der 40-jährige Rubiales war erst Mitte Mai zum neuen Verbandschef gewählt worden und wirkte gleich in seiner ersten Bewährungsprobe auf der Weltbühne des Fußballs von den Ereignissen überrollt. Laut Medienberichten hat er Lopetegui und Real-Präsident Florentino Perez darum gebeten, die Verpflichtung erst nach der WM bekanntzugeben.

Zwei Stunden nach der spektakulären Trennung von Lopetegui verkündete der RFEF dann via Twitter, dass Hierro einspringt. Die Vereinbarung gilt nur für die WM. Der frühere Abwehrspieler hat zwischen 1989 und 2002 für „La Roja“ 89 Länderspiele bestritten und hatte bisher nur den Zweitligisten Real Oviedo trainiert. 2014 war er für eine Spielzeit Assistent von Carlo Ancelotti bei Real.

Lopetegui „sehr traurig“

Lopetegui zeigte sich in einer ersten Stellungnahme nach seinem Rauswurf betroffen: „Ich bin sehr traurig“, räumte der 51-Jährige vor spanischen Journalisten mit ernster Miene auf dem Flughafen in Krasnodar ein, kurz bevor er eine Maschine nach Moskau bestieg.

Von der „Marca“ (Onlineausgabe) wurde Lopetegui zudem mit den Worten zitiert: „Ich hoffe, dass wir eine hervorragende Weltmeisterschaft spielen. Wir haben eine tolle Mannschaft und hoffentlich gewinnen wir diese WM.“ Lopetegui hatte Spanien seit Juli 2016 sehr erfolgreich betreut und die WM-Qualifikation in einer Gruppe mit Italien problemlos geschafft. Von 20 Partien in seiner Ära gewann die „Seleccion“ 14 und spielte sechsmal unentschieden.

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