Themenüberblick

Torspektakel im Spitzenspiel

Der erste Schlager der Fußball-WM in Russland hat am Freitagabend im Fischt-Stadion der Olympiastadt Sotschi die hohen Erwartungen noch einmal übertroffen. Im iberischen Duell trennten sich Spanien und Europameister Portugal in einem hochklassigen und torreichen Spektakel vor 48.000 Zuschauern mit 3:3 (1:2).

Bei Portugal schrieb Superstar Cristiano Ronaldo mit drei Treffern (4. Minute/Elfer, 44., 88./Freistoß) die Geschichte des Spiels. Für die Spanier glich Diego Costa (24., 55.) zweimal aus, und Nacho erzielte mit einem Traumtor (58.) die Führung. Doch es war wieder einmal Ronaldo vorbehalten, für das unterm Strich wohl gerechte Remis zu sorgen.

Ronaldo trifft ins Kreuzeck zum 3:3 (88. Minute)

Ronaldo trifft einen Freistoß aus rund 22 Metern genau ins Kreuzeck und gleicht auf 3:3 aus.

So blieb Europameister auch seit neun WM- und EM-Partien ungeschlagen, und Spanien hat seit 21 Spielen nicht mehr verloren. In Gruppe B führt allerdings nach dem ersten Spieltag überraschend der Iran, der Marokko bereits am Nachmittag durch ein spätes Eigentor der Nordafrikaner mit 1:0 besiegt hatte.

Spanier starten verhalten

Die große Frage vor dem Anpfiff war: Wie würde Spaniens Nationalmannschaft auf den überraschenden Rauswurf von Trainer Julen Lopetegui zwei Tage vor der WM durch Verbandspräsident Luis Rubiales reagieren? Lopetegui war als neuer Real-Madrid-Trainer präsentiert worden, ohne dass der Verband davon gewusst hatte. Rubiales war erbost und zog die Konsequenz aus diesem Handeln. Der bisherige Sportdirektor und ehemalige Real-Madrid-Star Fernando Hierro übernahm daraufhin das Teamchefamt.

Und die ersten Minuten wirkten tatsächlich so, als hätten die Spanier die Turbulenzen der letzten Tage noch nicht weggesteckt. Europameister Portugal drückte aufs Tempo, und das erste Tor ließ nicht lange auf sich warten. Ronaldo zog mit einem Drübersteiger in den Strafraum, Nacho attackierte ungeschickt und ohne zwingenden Grund, Ronaldo stürzte über das Bein seines Real-Clubkollegen.

Ronaldo schreibt Geschichte

Schiedsrichter Gianluca Rocchi (ITA) zeigte sofort auf den Elferpunkt. Ronaldo trat selbst an, ließ sich auch nicht von David de Gea einschüchtern und jagte den Ball von sich aus rechts halbhoch zur raschen 1:0-Führung ins Netz (4. Minute).

Cristiano Ronaldo (Portugal) schießt ein Elfmetertor gegen Spanien

Reuters/Lucy Nicholson

Der dreifache Weltfußballer wurde durch seinen Treffer zum 1:0 zum erst vierten Spieler, der bei nun vier Fußball-Weltmeisterschaften getroffen hat. Bisher waren nur WM-Rekordtorschütze Miroslav Klose, Uwe Seeler (beide GER) und Brasiliens Legende Pele Tore bei vier verschiedenen WM-Endrunden gelungen.

Vor dem Anpfiff war noch die Meldung über die Agenturen gekommen, dass der 33-jährige Superstar von Real Madrid seine Steuerschuld gegenüber der spanischen Finanz mit einer Strafzahlung von 18,8 Millionen Euro beglichen hatte und auch eine Haftstrafe von zwei Jahren nicht schlagend wird. Ein perfekter Tag für den Mann aus Funchal bis dahin.

Costa mit Gewalt zum 1:1

So ging es vorerst weiter. Bei einem Konter in der 22. Minute erhielt Goncalo Guedes den Ball ideal von Ronaldo serviert, verstolperte jedoch die gute Chance auf das 2:0. Fast im Gegenzug erzielte Diego Costa dann aber den Ausgleich für Spanien (24.). Kurz mussten die spanischen Fans bangen, ob der Treffer auch zählt, den der gebürtige Brasilianer hatte vor der Ballannahme Pepe mit dem Ellbogen aus dem Weg geräumt. Danach ließ er allerdings sehenswert die portugiesischen Verteidiger aussteigen.

Jubel von Spaniens Diego Costa nach dem 1:1 gegen Portugal

APA/AFP/Nelson Almeida

Costa wirbelte bei seinem Tor zum 1:1 (24.) die Hintermannschaft Portugals ordentlich durcheinander

Doch zur Überraschung aller Beobachter sahen die Videoschiedsrichter in Moskau kein Vergehen. Die „Furia Roja“ war erwacht, nur kurz nach dem 1:1 jagte Isco den Ball von der Strafraumgrenze an die Latte, von wo der Ball genau auf der Linie aufsprang. Spanien blieb weiter am Drücker, hatte mehr Zugriff aufs Spiel. Nach einer guten Stunde hatte die Elf von Neo-Teamchef Hierro bereits 300 Pässe gespielt, im Vergleich zu 136 der Portugiesen. Andres Iniesta zog in der 35. Minute einen Schuss nur knapp am Tor vorbei.

De Gea schenkt Ronaldo das 2:1

Portugal konnte mittlerweile froh sein, das es nur 1:1 stand. Doch es wäre nicht der Fußball, würde er auf seiner größten Bühne nicht auch die besten Geschichten erzählen. Als die Teams sich scheinbar mit einem 1:1 zur Pause abgefunden hatten, schloss Ronaldo einen Konter mit dem Tor zum 2:1 (44.) ab. Bei seinem fünften WM-Treffer durfte er sich jedenfalls bei Spaniens Goalie David de Gea bedanken.

Ronaldo erhöht auf 2:1 für Portugal (44. Minute)

David De Gea patzt nach einem haltbaren Schuss von Ronaldo, der so das 2:1 für Portugal erzielt.

Der Tormann von Manchester United konnte den durchaus haltbaren Schuss von Ronaldo nicht parieren. Von seinem Bein sprang der Ball ins Tor. Erinnerungen an die Patzer von Liverpool-Goalie Loris Karius bei der 1:3-Niederlage der „Reds“ im Champions-League-Finale gegen Real Madrid wurden wach. Doch bei den Spaniern hinterließ dieser Patzer keinen bleibenden Schaden - im Gegenteil.

Die „Furia Roja“ wird wild

Costa drückte einen Kopfball-Stanglpass von Sergio Busquets im Rutschen zum 2:2 über die Linie (55.). Doch damit nicht genug. In der 58. Minute machte Nacho seinen Schnitzer vom Elferfoul wieder gut. Mit einem Schuss wie aus dem Fußballlehrbuch hämmerte der Real-Verteidiger aus 17 Metern den Ball halbvolley via Innenstange zum 3:2 ins Netz (58.) - ein Prachttreffer.

Nacho mit Traumtor zum 3:2 für Spanien (58. Minute)

Ein satter Volleyschuss durch Nacho von der Strafraumgrenze, der den Ball von der Innenstange ins Tor befördert, bringt Spanien mit 3:2 in Führung.

In der Folge beruhigten sich die Spanier etwas. Ihr offensichtliches Ziel, sich keinesfalls vom iberischen Rivalen besiegen zu lassen, war erreicht. Doch die Portugiesen machten nicht den Eindruck, als hätten sie die Partie schon aufgegeben. Vor allem ein Spieler mit dem Ego Ronaldos lässt sich so nicht abfertigen. Und prompt setzte der Superstar in der 88. Minute einen Freistoß perfekt über die Mauer zum 3:3 ins Tor. Damit verdoppelte Ronaldo auch die Anzahl seiner bisherigen WM-Tore, die er vor diesem denkwürdigen Spiel erzielt hatte.

Stimmen zum Spiel

Cristiano Ronaldo (Portugal-Kapitän), der mit drei Toren seine bisherige WM-Trefferzahl verdoppelt hat: „Unglaublich, auf das habe ich lange hingearbeitet. Auch wenn viele nicht an mich geglaubt haben, ich habe immer an mich geglaubt. Aber die gesamte Mannschaft hat das heute gut gemacht. Wir haben auch nicht aufgegeben, als wir in Rückstand geraten sind. Wir sind sehr gut als Team zusammengewachsen und glauben alle daran, dass wir unser großes Ziel hier erreichen können.“

Diego Costa (Spanien-Stürmer): „Ich bin überglücklich über meine zwei Tore. Es war kein leichtes Spiel, leider haben wir am Ende den Ausgleich bekommen. Es war ein sehr schönes Spiel, das wir leider aus den Händen gegeben haben. Wir hätten uns den Sieg verdient, denn wir hatten viel mehr Chancen und mehr Ballbesitz.“

Auf die Frage, ob der Trainerwechsel ein Thema in der Mannschaft gewesen sei, antwortete der 29-Jährige: „Solche Dinge geschehen nun einmal, was soll’s, mit so was muss man immer rechnen. Die Hauptsache ist, dass uns unsere Familien und Fans unterstützen.“

Fußball-WM, Gruppe B

Freitag:

Portugal - Spanien 3:3 (2:1)

Sotschi, Fischt-Stadion, 48.000 Zuschauer, SR Rocchi (ITA)

Torfolge:
1:0 ( 4.) Ronaldo (Foulelfer)
1:1 (24.) Diego Costa
2:1 (44.) Ronaldo
2:2 (55.) Diego Costa
2:3 (58.) Nacho
3:3 (88.) Ronaldo (Freistoß)

Portugal: Rui Patricio - Cedric, Pepe, Fonte, Guerreiro - William Carvalho, Moutinho - B. Silva (69. Quaresma), Guedes (80. A. Silva), B. Fernandes (68. Joao Mario) - Ronaldo

Spanien: De Gea - Nacho, Pique, Sergio Ramos, Alba - Busquets, Koke - Silva (86. Vazquez), Isco, Iniesta (70. Thiago) - Diego Costa (77. Aspas)

Gelbe Karten: Fernandes bzw. Busquets

Die Besten: Ronaldo bzw. Diego Costa

Links: