Themenüberblick

Kampfgeist wird belohnt

Nach Weltmeister Deutschland und seinem „Vize“ Argentinien hat auch Rekordchampion Brasilien zum Auftakt der Fußball-WM in Russland einen Dämpfer erlitten. Die Schweiz vermasselte der „Selecao“ am Sonntag in Rostow am Don mit einem 1:1 (0:1) den Turnierstart. Zwar dominierte Brasilien die Partie, wurde aber für seine Lässigkeit zu Beginn der zweiten Hälfte von den tapfer kämpfenden Schweizern bestraft.

Philippe Coutinho hatte den fünffachen Weltmeister in der 20. Minute mit einem Traumtor zwar programmgemäß in Führung geschossen, doch die Schweizer kamen vor 43.109 Zuschauern kurz nach Wiederbeginn zum Ausgleich. Steven Zuber sorgte in der 50. Minute per Kopf für Jubel beim Außenseiter. In der Folge drängten die Brasilianer vehement auf den Siegestreffer, das Schweizer Abwehrbollwerk hielt aber mit viel Glück. Denn Brasilien vergab im Finish einige hochkarätige Chancen auf drei Punkte.

Zuber sichert Schweiz Punkt

Steven Zuber köpfelt fünf Minuten nach der Pause nach einem Eckball zum 1:1 ein und sichert der Schweiz damit einen Zähler gegen den Rekordweltmeister.

Für die „Selecao“ ging mit dem Remis eine stolze Serie an Auftaktspielen zu Ende. Bei den vergangenen neun Weltmeisterschaften hatten die Brasilianer ihre erste Partie im Turnier immer gewonnen. Damit hat die Gruppe E nach dem ersten Spieltag einen überraschenden Tabellenführer: Serbien liegt nach dem 1:0 über Costa Rica an der Spitze, dahinter folgen Brasilien und die Schweiz mit jeweils einem Punkt.

Neymar wie erwartet in Startelf

Die wichtigste Frage vor dem ersten WM-Spiel in der Rostow Arena, ob der teuerste Spieler der Welt spielt oder nicht, war schnell beantwortet. Brasiliens Teamchef Tite - ausgesprochen „Tschitschi“ - bot wie erwartet den frisch frisierten Superstar Neymar auf. Auch die restliche Startelf des Rekordchampions hatte einen hohen Wiedererkennungswert. Es war die gleiche, die vor einer Woche Österreich in Wien mit 3:0 besiegt hatte. Auch die Schweiz verzichtete auf Überraschungen. Die Eidgenossen setzten auf volle Defensive. Haris Seferovic gab im Angriff die Solospitze.

Neymar (BRA) und Stephan Lichtsteiner (SUI)

AP/Themba Hadebe

Neymar (M.) zog mit neuer Frisur wie erwartet von Beginn an die Fäden im Spiel der „Selecao“

Auf die zweitwichtigste Frage, jene nach dem Favoriten, gab es ebenfalls eine einfache Antwort: Da der fünffache Weltmeister aus Brasilien, dort der vermeintliche „Underdog“ aus der Schweiz. Weil aber auch Österreichs westliche Nachbarn mittlerweile zu WM-Dauergästen gehören, war die Zuversicht im Schweizer Lager vor dem Spiel groß. „Gegen große Gegner sehen wir eigentlich immer gut aus“, sagte Ricardo Rodriguez. Immerhin hatten die Schweizer etwa bei der WM 2010 zum Auftakt den damals amtierenden Europameister Spanien in die Knie gezwungen.

Brasilien nimmt langsam Fahrt auf

Zumindest in den Anfangsminuten war von Schweizer „Angsthasen“ gegen den prominenten Gegner nichts zu sehen. Die „Nati“ versuchte die Brasilianer früh zu stören. Blerim Dzemaili durfte sich sogar den ersten Torschuss gutschreiben, doch der versuchte Scherenschlag des Bologna-Legionärs beförderte den Ball nur in den zweiten Rang (4.). Die Brasilianer waren von den „frechen“ Schweizern sichtlich überrascht und benötigten einige Zeit, um auf Touren zu kommen.

Brasilien schrammt an Führung vorbei (11.)

Paulinho hatte nach elf Minuten die erste Riesenchance auf die brasilianische Führung.

Es dauerte gut zehn Minuten, bis die „Selecao“ in ihrem Fußballsamba den richtigen Takt fand. Schon brannte im Schweizer Strafraum der Hut: Paulinho durfte nach schöner Ballstafette - und weil Fabian Schär über die Kugel stolperte - im Fünfer zum Schuss, doch der Barcelona-Star verzog. Goalie Yann Sommer war sogar mit einem Fingerspitzerl dran (11.). Die bis dahin kompakt agierenden Schweizer durften durchatmen.

Traumtor bricht den Bann

Der Druck der Brasilianer wurde jetzt mit jeder Minute größer, das Spielfeld in Rostow schien sich Richtung Schweizer Tor zu neigen. Nach 20 Minuten riss es die Zuschauer in Gelb-Blau schließlich von den Sitzen. Ein Traumtor von Coutinho war schuld: Der 26-Jährige, der auf Vereinsebene ebenfalls beim FC Barcelona sein Geld verdient, schlenzte den Ball von der Strafraumgrenze via Innenstange ins Netz. Sommers Flugeinlage war für die Galerie.

Traumtor von Coutinho zum 1:0

Mit einem herrlichen Schlenzer bringt Philippe Coutinho Brasilien bereits in der 20. Minute auf Erfolgskurs.

Immerhin: Demoralisierend wirkte sich die Führung der Brasilianer auf die Schweizer nicht aus. Die Mannschaft von Teamchef Vladimir Petkovic versuchte ihrer Linie treu zu bleiben. Es war auch noch eindeutig zu früh, um gegen Brasilien blindlings nach vorne zu stürmen. Die „Selecao“ hatte das Geschehen aber dank ihrer Passsicherheit im Griff. Sogar Goalie Alisson durfte ein wenig mitkombinieren, damit ihm nicht zu fad wurde. Kurz vor dem Pausenpfiff hatte Thiago Silva noch das 2:0 am Kopf (45.+1).

Ausgleich kurz nach Wiederbeginn

Die Stimmung unter den brasilianischen Fans in Rostow war bei Wiederbeginn bestens. Fünf Minuten später war sie allerdings im Keller. Denn fast aus dem Nichts glichen die Schweizer aus. Zuber präsentierte der „Selecao“ für eine gewisse Lässigkeit im Spiel die Rechnung: Nach einem Eckball stieg der Mann von Hoffenheim am höchsten und köpfelte den Ball unter die Latte (50.). Dass der Schweizer vor seinem Tor Miranda leicht geschupft hatte, war Referee Cesar Ramos aus Mexiko und dem Videoassistenten trotz brasilianischer Proteste egal.

Tor von Steven Zuber (SUI)

AP/Felipe Dana

Zuber verschaffte sich den nötigen Platz für seinen Kopfball zum Ausgleich

Mit einem Schlag war die Partie wieder offen, speziell die Lebensgeister der Schweizer wieder geweckt. Die Brasilianer waren vom ersten Gegentreffer seit einer gefühlten Ewigkeit schockiert und wirkten nicht mehr so sicher. Der Ausgleich hatte seine Wirkung beim Starensemble aus Südamerika nicht verfehlt. Das sah auch Teamchef Tite, der seine Sorgenfalten nicht verbergen konnte. Der 57-Jährige brachte mit Fernandinho und Renato Augusto daher auch weitere Offensivkräfte.

Schweizer Bollwerk hält mit Glück

Es dauerte aber gut eine Viertelstunde, bis die „Selecao“ wieder Fahrt aufnahm und gefährlich wurde. Coutinho verzog allerdings aus guter Position (70.). Je näher man dem Schlusspfiff kam, umso mehr igelten sich die Schweizer in der eigenen Hälfte ein und lauerten auf schnelle Gegenstöße. Dzemaili hatte sogar die Chance zur Führung, doch der Schuss des 32-Jährigen aus 18 Metern fiel viel zu schwach aus, um Alisson ins Schwitzen zu bringen (73.).

Fast im Gegenzug glaubten die brasilianischen Fans schon, einen Elfmeter bejubeln zu dürfen, als Gabriel Jesus im Zweikampf im Strafraum zu Boden ging. Doch die Pfeife von Referee Ramos blieb stumm (74.). Die Angriffe der „Selecao“ nahmen wieder an Intensität zu. Bei einem Schuss von Neymar war Torhüter Sommer auf dem Posten (78.). Die Schweizer verteidigten ihren gewonnenen Punkt mit allen Mitteln - und mit Glück: Neymar (87.) und Firmino (88.) scheiterten per Kopf an Sommer, dann hämmerte zuerst Miranda in der Nachspielzeit den Ball an der falschen Seite der Stange vorbei, und schließlich wehrte Schär gegen Augusto vor der Linie ab.

Stimmen zum Spiel:

Tite (Teamchef Brasilien): „Ich will mich nicht auf die Schiedsrichter ausreden, ich will über die Leistung reden. Bis zum Tor war unsere Arbeit in der Offensive stark. Dann haben wir uns zurückgezogen, das war nicht normal. Dann haben wir in der Pause einige Positionen korrigiert, wir sind etwas weiter nach vorne gerückt. Wir waren wieder balanciert und haben ein hohes Level gehabt, aber es sind dann auch Nerven dazugekommen. Einige Chancen waren ziemlich klar, wir müssen ein bisschen cooler, ein bisschen schärfer spielen. Natürlich bin ich nicht glücklich mit dem Resultat. Wir wollten einen Sieg.“

Philippe Coutinho (Torschütze Brasilien): „So ist das bei einer WM, die Auftaktspiele sind immer ganz besonders schwierig. Wir hätten gerne gewonnen. Beim Gegentor war es für mich ein klares Foul des Schweizers, aber wir müssen jetzt an das nächste Spiel denken. Wir haben es verabsäumt, das zweite Tor zu schießen. Jetzt müssen wir die anderen Resultate liefern.“

Vladimir Petkovic (Teamchef Schweiz): „Das Wichtigste heute war, dass die Mannschaft stets an sich geglaubt hat. Wir sind ruhig geblieben, auch als es in der ersten Halbzeit noch nicht optimal gelaufen ist. Nach dem Ausgleich haben wir souverän gespielt, sind weiter ruhig geblieben und haben uns bemüht, weiter nach vorne zu spielen. Wir haben etwas Glück benötigt, und das haben wir am Ende gehabt. Und gerade weil auch der Gegner Brasilien gut gespielt hat, bin ich überzeugt, dass dies ein sehr wertvolles Resultat ist.“

Steven Zuber (Torschütze Schweiz): „Das Tor ist natürlich schön für mich, aber die ganze Mannschaft hat den Punkt geholt. Wer das Tor schießt, ist nicht so wichtig. Ich habe nicht verstanden, warum beim Tor so rumgemotzt wurde, das war ein ganz normaler Zweikampf. Im ersten Spiel weiß man nie so recht, was und wie es bedeutet. Der Punkt ist okay, aber wir wollten gewinnen.“

Fußball-WM, Gruppe E

Sonntag:

Brasilien – Schweiz 1:1 (1:0)

Rostow am Don, Rostow Arena, 43.109 Zuschauer, SR Palazuelos (MEX)

Torfolge:
1:0 Coutinho (20.)
1:1 Zuber (50.)

Brasilien: Alisson - Danilo, Thiago Silva, Miranda, Marcelo - Paulinho (67./Renato Augusto), Casemiro (60./Fernandinho), Philippe Coutinho - Willian, Gabriel Jesus (79./Firmino), Neymar

Schweiz: Sommer - Lichtsteiner (87./Lang), Schär, Akanji, Rodriguez - Behrami (71./Zakaria), Xhaka - Shaqiri, Dzemaili, Zuber - Seferovic (80./Embolo)

Gelbe Karten: Casemiro bzw. Lichtsteiner, Schär, Behrami

Links: