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DFB-Elf geht im „Luschniki“ k. o.

78.000 Zuschauer im Luschniki-Stadion von Moskau sind am Sonntag Zeugen der bisher größten Überraschung bei der Fußball-WM 2018 geworden. Im Auftaktspiel der Gruppe F feierte Mexiko einen sensationellen 1:0-Sieg über den amtierenden Weltmeister Deutschland. In einer über weite Strecken mitreißenden Partie konterte Mexiko brandgefährlich und entwickelte der Titelverteidiger in den entscheidenden Phasen zu wenig Durchschlagskraft. Die WM hat somit ihre erste echte Sensation.

Stürmer Hirving Lozano avancierte im Hexenkessel „Luschniki“ in der 35. Minute zum Matchwinner. Zahlreiche andere Topchancen im Konter wurden von den Mexikanern allesamt vergeben. Aber auch die Deutschen hatten ihre guten Gelegenheiten, die oft auch vom starken Keeper Guillermo Ochoa vereitelt wurden. Toni Kroos hatte dazu mit einem Freistoß an die Latte Pech. So steht der vierfache Weltmeister am Samstag gegen Schweden bereits unter Druck.

Lozano trifft zum 1:0 für Mexiko

Hirving Lozano schließt einen perfekten Konter der Mexikaner zum „Goldtor“ ab.

Traumstimmung und atemberaubender Start

Die gewohnt lautstarke und zahlenmäßig den Deutschen überlegene Fanabordnung aus Mexiko hatte sich intensiv auf den ersten Auftritt von „El Tri“ vorbereitet. Viele hatten den sonnigen Sonntagnachmittag im berühmten Gorki-Park an der Moskwa verbracht. Auf dem Weg ins Luschniki-Stadion sah man dann ein „Meer“ von dunkelgrünen Trikots und Sombreros. Auf der anderen Seite dominierten das traditionelle Weiß des vierfachen Weltmeisters und schwarz-rot-goldene „Cowboyhüte“. In der größten WM-Arena lieferten die Fanlager einander ein stimmungsvolles Gesangsduell, bis der iranische Referee Aliresa Faghani anpfiff.

Den erkrankten Außenverteidiger Jonas Hector hatte der deutsche Bundestrainer Joachim Löw kurzfristig durch Marvin Plattenhardt ersetzen müssen. Sonst startete das Team des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) das Unternehmen Titelverteidigung mit seiner ersten Garde in 4-2-3-1-Formation. Mexiko begann mit drei nominellen Stürmern und hatte nach exakt 57 Sekunden die erste große Chance. Der deutsche Innenverteidiger Jerome Boateng konnte sich in höchster Not noch in den Schuss von Lozano werfen. Auf der anderen Seite dauerte es nicht einmal drei Minuten, ehe Solospitze Timo Werner am mexikanischen Fünfer aus spitzem Winkel um ein Haar zur Führung getroffen hätte.

Hirving Lozano (MEX) und Hector Moreno (MEX) in Aktion mit Jerome Boateng (GER) und Manuel Neuer (GER)

Reuters/Christian Hartmann

Die Mexikaner brachten Tormann Manuel Neuer und die deutsche Hintermannschaft früh ins Schwitzen

Es war ein grandioser Beginn, von beiden Seiten mit viel Tempo und auf direktem Wege in Richtung Tor vorgetragen. Die begeisterten Zuschauer riss es im Minutentakt von den Sitzen, der Lärmpegel war knapp an der Schmerzgrenze. Auch Manuel Neuer, der sein erstes Pflichtspiel nach seiner langen Verletzungspause bestritt, bekam gleich ein paar Bälle zu halten. Ein Kopfball von Hector Moreno (15.) nach einem Freistoß war Neuers erste große Bewährungsprobe. Doch so gut wie jeder Angriff auf beiden Seiten mündete in dieser Phase in einer konkreten Chance. Ein Tor lag längst in der Luft.

Lozano lässt das Dach wegfliegen

Werner (20.) ließ seine zweite hochkarätige Gelegenheit aus, wobei Guillermo Ochoa gut postiert war. Toni Kroos (22.) fand ebenfalls in Mexikos Keeper seinen Meister. Deutschland hatte um einen Hauch mehr Spielanteile, doch das machten die Mexikaner bei Ballgewinn mit unglaublich schnellen Kontern wett. Der letzte Pass oder eben der Abschluss fielen da wie dort um eine Nuance zu ungenau aus. Nur deshalb stand es nach einer äußerst abwechslungsreichen halben Stunde noch 0:0. Dann übernahm der Außenseiter das Kommando, war nun auch länger im Ballbesitz. Das umjubelte Führungstor der „Tri“ entsprang dann aber einem weiteren Konter.

Torjubel von Hirving Lozano (MEX)

AP/Antonio Calanni

Lozano sorgte mit dem 1:0 für Ausnahmezustand bei den mexikanischen Fans

Blitzschnell über zwei bis drei Stationen gelangte der Ball zu Javier Hernandez alias Chicharito. Der schickte Lozano mit einem scharfen Diagonalpass in die linke Gefahrenzone, wo der Eindhoven-Stürmer den mitgeeilten Mesut Özil aussteigen ließ und Neuer mit rechts flach in die kurze Ecke bezwang. Das 1:0 in der 35. Minute verwandelte das Stadion in ein Tollhaus, wie einen WM-Titel feierten die mexikanischen Fans und Spieler ihren ersten Turniertreffer. In den Minuten danach ließ die Konzentration leicht nach, was beinahe zum Ausgleich der Deutschen geführt hätte. Doch ein herrlicher Freistoß von Kroos (39.) wurde von Ochoa an die Latte gelenkt.

Kroos-Freistoß an die Latte (39.)

Mexikos Goalie Guillermo Ochoa fälscht einen Freistoß von Toni Kroos gerade noch an die Latte ab.

Keine zündenden Ideen im deutschen Offensivspiel

Eine sensationelle erste Spielhälfte ging zu Ende, und nach der Pause sollte das Duell ungemein spannend weiterlaufen. Deutschland zog nun wieder ein druckvolles Positionsspiel auf, verlor den Ball zu Beginn der zweiten Hälfte so gut wie nie. Doch es fehlten hier die zündenden Ideen von Thomas Müller und Özil und auch Julian Draxler. So bekam Werner an vorderster Front zu wenige Bälle und hielt die mexikanische Abwehrkette der Belagerung stand. Einen Konter im Drei-gegen-einen ließen Chicharito und Co. leichtsinnig aus. Im Gegenzug folgte fast die Bestrafung, doch der starke Ochoa parierte einen Schuss von Müller in bravouröser Manier.

Fallrückzieher von Joshua Kimmich (GER)

Reuters/Carl Recine

Kimmich verpasste mit seiner sehenswerten Flugeinlage den Ausgleich für den Weltmeister nur knapp

Nach einer Stunde brachte Löw statt des blass gebliebenen Sami Khedira den ersten „Joker“ Marco Reus. Mexiko agierte bereits viel zu passiv, doch die DFB-Elf wartete weiter auf geniale Eingebungen in der Offensive. Das Tempo war nun draußen, doch Außenverteidiger Joshua Kimmich (65.) hatte einen Fallrückzieher knapp über die Latte zu bieten. Torschütze Lozano wurde unter tobendem Applaus verabschiedet (67.), für ihn brachte Teamchef Juan Carlos Osorio mit Raul Jimenez einen neuen Stürmer. Werner (68.) hatte dann wieder den Ausgleich auf dem rechten Fuß, schoss aber über das Tor. Wie lange würde Mexikos Führung noch halten?

Mexikaner retten sich über die Zeit

Elferreklamationen nach einem Zweikampf im deutschen Strafraum wurden vom Referee nicht erhört, wohl zu Recht, Chicharito im Duell mit Hummels zu leicht gefallen war. Als Kroos (76.) nach einer schönen Kombination der Deutschen von der Strafraumgrenze abzog, fehlten nur Zentimeter. Mittlerweile mit den Kräften im roten Bereich warfen sich die Mexikaner ein ums andere Mal in die Versuche des Weltmeisters, dem Match doch noch eine Wende zu geben. Die Konter der Mittelamerikaner wurden immer seltener, beim gefährlichsten schoss Miguel Layun (78.) knapp drüber.

Brandt vergibt letzte Chance

In den Schlussminuten will die DFB-Elf den Ausgleich erzwingen: Julian Brandt setzt den Ball aus der Distanz jedoch nur an die Außenstange.

Für die letzten zehn Minuten warf Löw noch Mario Gomez in die „Schlacht“. Es wurde hektisch, die Zweikämpfe immer verbissener. Mexiko war ganz nah dran am großen Coup. Layun ließ noch einen Konter aus, der entnervte Müller und Hummels sahen die Gelbe Karte. Ochoa musste noch das eine oder andere Mal zupacken, aber mit viel Herz und Leidenschaft retteten sich die Mexikaner über die Zeit. Der eingewechselte Julian Brandt kam dem Ausgleich in einem dramatischen Finish am nächsten. Als der Schlusspfiff ertönte, war im „Luschniki“ die Hölle los. Mexiko feierte die Sensation.

WM 2018, Gruppe F, 1. Spieltag

Sonntag:

Deutschland - Mexiko 0:1 (0:1)

Moskau, Luschniki-Stadion, 78.011, SR Aliresa Faghani (IRI)

Tor: 0:1 Lozano (35.)

Deutschland: Neuer - Kimmich, Boateng, Hummels, Plattenhardt (79./Gomez) - Khedira (60./Reus), Kroos - Müller, Özil, Draxler - Werner (86./Brandt)

Mexiko: Ochoa - Salcedo, Ayala, Moreno, Gallardo - Herrera, Guardado (73./Marquez) - Layun, Vela (58./Alvarez), Lozano (66./Jimenez) – Chicharito

Gelbe Karten: Müller, Hummels bzw. Moreno, Herrera

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