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Marokkos Sturmlauf bleibt unbelohnt

Nach drei Toren zum 3:3 gegen Spanien hat Cristiano Ronaldo das portugiesische Team am Mittwoch in Moskau auch zum ersten Sieg bei der WM 2018 geführt. Der Superstar des Europameisters köpfelte vor 78.000 Zuschauern im Luschniki-Stadion bereits in der vierten Minute das entscheidende 1:0 gegen Marokko. Der vierte Turniertreffer Ronaldos traf die über weite Strecken besseren Afrikaner genau ins Herz. Sie sind damit ausgeschieden.

In der Gruppe B hat sich Portugal nun in eine gute Position im Rennen um den Achtelfinal-Einzug gebracht. Für Marokko dagegen sind die ersten beiden Plätze nach zwei Niederlagen außer Reichweite. Woran der beherzte Außenseiter gegen Portugal scheiterte, war ganz klar die Schwäche im Abschluss. Nach Ronaldos frühem Tor startete Marokko einen Sturmlauf, der unbelohnt blieb, weil man unzählige Chancen vergab und Portugals Keeper Rui Patricio außerdem einen sehr starken Tag erwischte.

Christiano Ronaldo (POR)

AP/Victor Caivano

Einmal mehr wurde Cristiano Ronaldo mit einem entscheidenden Tor zum Mann des Spiels

Mit seinem zweiten großen Auftritt bei dieser WM hat Ronaldo wieder eine persönliche Bestmarke aufgestellt. Der 33-Jährige erzielte sein 85. Länderspieltor und ist damit im Nationaltrikot alleiniger europäischer Rekordhalter. Mit seinem Dreierpack gegen Spanien hatte er mit Ferenc Puskas gleichgezogen, der es in seiner Karriere auf 84 Treffer für Ungarn gebracht hatte. Ronaldos Treffer gegen Marokko war zudem sein siebentes Tor bei einer WM. 2006, 2010 und 2014 hatte er jeweils einmal getroffen.

Vorhang auf für zweite Ronaldo-Show

Die Bühne dafür war jedenfalls würdig. Das Luschniki-Stadion erstrahlte in der Nachmittagssonne ganz in Rot und Grün. Die Fans der favorisierten Portugiesen und nach der Auftaktniederlage schon unter Druck stehenden Marokkaner waren optisch kaum voneinander zu unterscheiden. Gemeinsam sorgten sie in der erneut ausverkauften WM-Finalarena für eine fantastische Atmosphäre.

Christiano Ronaldo (POR)

APA/AFP/Francisco Leong

Cristiano Ronaldo bekam von den Marokkanern eine Spezialbehandlung

Der fünfmalige Weltfußballer Ronaldo hatte den nordafrikanischen Anhängern nicht viel Respekt abgerungen. Schon beim Aufwärmen hatten sie versucht, „CR7“ mit Pfiffen und „Messi“-Rufen aus der Konzentration zu bringen. Das war ihnen nicht gelungen, so viel konnte sehr bald gesagt werden. Denn nicht einmal vier Minuten waren gespielt, als sich Ronaldo bereits zu vierten Mal bei dieser WM als Torschütze feiern lassen durfte.

Wuchtiger Kopfball ins Herz Marokkos

Ein kurz abgespielter Eckball auf der rechten Seite war der Ausgangspunkt, die Flanke kam von Joao Moutinho und in der Mitte köpfelte der beste Torjäger der Welt in typischer unwiderstehlicher Manier das frühe 1:0. Dabei hatte Marokko recht schwungvoll begonnen und spielte auch in der Folge beherzt nach vorne. Doch gegen Ronaldo war kein Kraut gewachsen. Als er sich in der neunten Minute im Strafraum gegen zwei Verteidiger freispielte und aus der Drehung mit rechts abzog, fehlte nicht viel auf das 2:0.

Ronaldo per Kopf zum 1:0 für Portugal (4. Minute)

Das vierte Tor des Superstars: Cristiano Ronaldo löst sich nach einem Eckball ideal von seinem Bewacher und köpfelt das Leder wuchtig unter die Latte.

Das war es dann aber für relativ lange Zeit mit gefährlichen Situationen im marokkanischen Strafraum. Denn es begann eine sehr starke Phase der Mannschaft von Cheftrainer Herve Renard. Immer wieder spielten sich die Marokkaner schnell und schnörkellos über die Flügel in Richtung Sechzehner, wo Manuel da Costa (12.) per Kopf und Hakim Ziyach mit zwei Schüssen (18. und 23.) am Ausgleich „anklopften“. Portugals souveräner Keeper Rui Patricio war reaktionsschnell und gut postiert.

Außenseiter drückt, aber trifft nicht

Wäre das auch der weniger souveräne russische Referee Anton Awerjanow gewesen, hätte er Mehdi Benatia in der 25. Minute für seinen Tritt gegen Ronaldos Unterschenkel von hinten die Gelbe Karte gezeigt. Gleich zweimal machte sich der Unparteiische dann bei den Marokkanern keine Freunde, als er bei einem von beiderseitigem Trikotziehen begleiteten Zweikampf zwischen Nordin Amrabat und Raphael Guerreiro (26.) und bei einem grenzwertigen Kopfballduell (32.) im Strafraum der nun arg bedrängten Portugiesen nicht auf Elfmeter entschied.

In beiden Fällen war das vertretbar - was auch der Videoreferee so sah, er meldete sich nicht. Dann war wieder „Ronaldo Time“: Einen Freistoß aus 18 Metern Entfernung schoss der Real-Legionär in die Mauer (32.). Dann glänzte der Torschütze vom Dienst als Vorbereiter, setzte Goncalo Guedes (39.) mit einem Traumpass perfekt in Szene. Doch dieser scheiterte an Marokkos Schlussmann Monir El Kajoui, dessen Kollegen bis zur Pause weiter Gas gaben. Die knappe Führung hatte der Europameister zur Pause noch hauptsächlich Ronaldo zu verdanken - und Torhüter Patricio.

Patricio rettet Portugals Sieg

Letzterer hielt den „Dreier“ auch in der zweiten Hälfte fest, in welcher Marokko weiterhin tonangebend war. Obwohl Ronaldo (51.) die erste Chance nach dem Seitenwechsel hatte, als er von der Strafraumgrenze weit über die Latte schoss, sah sich Portugal einem Sturmlauf des vermeintlichen Underdogs gegenüber. In der 57. Minute entschärfte Patricio einen guten Abschluss von Younes Belhanda. Zwei Minuten später ließ Portugals Goalie eine Riesentat folgen, als er bei einem Kopfball von Belhanda mit einem sensationellen Reflex auf der Linie den Ausgleich verhinderte.

Riesentat von Portugal-Goalie Patricio (57. Minute)

Rui Patricio im portugiesischen Tor zeigt, warum ihn Wolverhampton unbedingt haben wollte. Der Goalie kratzt einen Kopfball von Younes Belhanda von der Linie.

Sehr stark war auf dem rechten Flügel wie schon in der ersten Hälfte Nourredine Amrabat. Benatia (60.) vergab die nächste hochkarätige Gelegenheit, als er den Ball aus bester Position weit über die Latte jagte. Auch ein Freistoß von Hakim Iiyach (68.) strich - allerdings knapp - über das Tor. Marokkos Coach Renard raufte sich in der Coachingzone non-stop die Haare. Die schwache Chancenauswertung der Afrikaner war ihr größtes Manko. Ansonsten zeigten sie im „Luschniki“ eine mitreißende Darbietung.

Benatia schießt drüber (60. Minute)

Medhi Benatia bringt sich mit einem schönen Haken im Strafraum in ideale Schussposition, sein Abschluss kann mit der technischen Einlage davor aber nicht mithalten - drüber.

Kapitän Benatia (78.) ließ noch eine Kopfballchance aus. Mental und aufgrund der extrem lauffreudigen Spielweise auch körperlich näherte sich Marokko dem roten Bereich. Portugal kam nicht mehr aus der eigenen Hälfte. Der eingewechselte Gelson Martins war oft der Einzige, der an der Mittellinie auf eventuelle Konter lauerte. Noch einen potenziellen Elfer versagte der Schiedsrichter den unglücklichen Marokkanern, die hinten nur noch einen Freistoß von Ronaldo zu überstehen hatten. Die Schlussminuten schaukelte Portugal über die Ziellinie, hinter der die Marokkaner nach insgesamt 95 Minuten enttäuscht zu Boden gingen.

Spieler von Marokko

AP/Matthias Schrader

Nach zwei unglücklichen Spielen hat Marokko keine Chance mehr, den Aufstieg zu schaffen

Stimmen zum Spiel:

Fernando Santos (Teamchef Portugal): „Es war keine Intensität in unserem Spiel. Wir sind gut gestartet, aber sind dann unter Druck geraten, und es war schwer. Wir haben die Kontrolle über das Spiel verloren, viele Fehlpässe gespielt, das Selbstvertrauen verloren. Es stimmt, dass ich mit der Leistung meines Teams nicht zufrieden bin. Das ist unerklärlich. Wir haben noch nichts erreicht. Wir haben noch ein sehr schweres Spiel gegen den Iran, und wir wollen Gruppenerster werden.“

Herve Renard (Teamchef Marokko): „Wir haben uns zum ersten Mal seit 20 Jahren für eine WM qualifiziert und gezeigt, dass wir Fußball spielen können. Wir haben in diesem Moskauer Stadion gedacht, wir spielen in Casablanca. Ich bin nicht enttäuscht von der Leistung, sondern glücklich und sehr stolz auf meine Spieler.“

Fußball-WM, Gruppe B

Mittwoch:

Portugal - Marokko 1:0 (1:0)

Moskau, Luschniki-Stadion, 78.000 Zuschauer, SR Geiger (USA)

Tor: Ronaldo (4.)

Portugal: Rui Patricio - Soares, Pepe, Fonte, Guerreiro - B. Silva (59./Martins), Carvalho, Moutinho (89./Adrien Silva), Mario (70./B. Fernandes) - Guedes, Ronaldo

Marokko: Munir - Dirar, Benatia, da Costa, Hakimi - El Ahmadi (86./Fayr), Boussoufa - N. Amrabat, Belhanda (75./Carcela-Gonzalez), Ziyech - Boutaib (69./El Kaabi)

Gelbe Karten: Adrien Silva, Benatia

Beste Spieler: Ronaldo, Rui Patricio bzw. Amrabat, Belhanda

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