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Rojo erlöst „Albiceleste“ kurz vor Schluss

Argentinien hat am Dienstag in einer dramatischen Partie doch noch den Aufstieg ins WM-Achtelfinale geschafft. Der zweifache Weltmeister setzte sich in St. Petersburg zum Abschluss der Gruppe D gegen Nigeria mit 2:1 (1:0) durch und sicherte sich mit vier Punkten hinter Kroatien noch Platz zwei. Damit kommt es am Samstag zum Schlager gegen Frankreich. Nigeria schied indes ebenso wie Island, das im Parallelspiel Kroatien 1:2 unterlag, aus.

Bis es so weit war, musste die „Albiceleste“ vor 64.468 Zuschauern bis kurz vor Schluss zittern. Superstar Lionel Messi brachte Argentinien mit seinem ersten und sehenwerten Turniertor in Führung (14.). Nach der Pause gelang Viktor Moses per Elfmeter der Ausgleich (51.), der für den Aufstieg gereicht hätte. Wenige Minuten vor Schluss sorgte aber schließlich Marcos Rojos für den Siegestreffer (86.). Argentinien verhinderte damit auf den letzten Drücker das erstmalige Ausscheiden in einer WM-Gruppenphase seit 2002.

Das Siegestor durch Rojo (86.)

Innenverteidiger Marcos Rojo macht knapp vor dem Ende das entscheidende Tor zum 2:1 und schießt Argentinien damit ins Achtelfinale.

Nervöser Start von Argentinien

Argentinien-Coach Jorge Sampaoli zog nach der 0:3-Blamage gegen Kroatien erneut personelle Konsequenzen. Goalie Willy Caballero wurde nach seinem folgenschweren Fehler auf die Bank verbannt. Für ihn gab der 31-jährige Franco Armani sein Teamdebüt. Im Sturm agierte in einem 4-4-3-Sytem neben Messi Gonzalo Higuain, der Sergio Agüero ersetzte, und Rückkehrer Angel di Maria. Nigeria-Teamchef Gernot Rohr vertraute rund um Doppeltorschützen Ahmed Musa auf die gleiche Startelf wie beim Sieg gegen Island.

Den argentinischen Spielern war der Druck vor dem Spiel anzusehen. Während die Fans auf den Tribünen trotz der prekären Lage feierten, setzten Messi und Kollegen bei der Hymne versteinerte Mienen auf. Die ersten Minuten waren dann auch geprägt von Nervosität. Die „Albiceleste“ versuchte zwar, Druck aufzubauen, lieferte aber eine Vielzahl an unnötigen Fehlpässen. Vor allem Routinier Javier Mascherano wirkte alles andere als sattelfest in seinen Aktionen.

Messi wird gebraucht und enttäuscht nicht

Ein besondere Aktion führt dann zur frühen Führung der Argentinier. Ever Benega schlug einen Traumpass in den Strafraum. Messi löste sich von seinen Gegenspielern, nahm sich den Ball mit Oberschenkel und Fuß perfekt mit und traf unhaltbar für Nigeria-Goalie Francis Uzoho ins lange Eck (14.). Der Superstar erzielte den 100. Treffer bei dieser WM, den die Südamerikaner - allen voran der natürlich im Stadion anwesende Diego Maradona - euphorisch feierten.

Messi macht das 1:0

Lionel Messi erlöst mit einem frühen Tor sein Team. Der Superstar lässt seine Klasse aufblitzen und trifft (14.). Auch Diego Maradona feiert den Treffer.

Das 1:0 brachte Ruhe ins Spiel der Argentinier, die mehr Ballbesitz hatten und Nigerias Offensive nicht zur Geltungen kamen ließen. Ihrerseits lancierten sie immer wieder gefährliche Angriffe. Nach Vorarbeit von Messi scheiterte Higuain an Uzoho (27.). Nach Steilpass von Banega konnte Di Maria von Leon Balogun auf dem Weg zum Tor nur per Foul gestoppt werden. Schiedsrichter Cüneyt Cakir beließ es bei einer Gelben Karte. Den Freistoß aus halblinker Position führte natürlich Messi aus, sein Versuch ging aber an die Stange (34.).

Gefährlicher Zwischenstand

Auf der Gegenseite konnte Armani in seinem ersten Länderspiel sein Können nicht unter Beweis stellen. Erstens machten seine Vorderleute einen guten Job, und zweitens waren die Nigerianer bei ihren wenigen Chancen harmlos. Bezeichnend war ein Schuss von Oghenekaro Etebo, der statt aufs Tor über die Seitenlinie ging (42.). Vor der Pause gab es noch einmal Aufregung im Strafraum. Marcos Rojo klärte in Kopfhöhe und traf dabei Kelechi Iheanacho im Gesicht. Der Pfiff für gefährliches Spiel blieb aber aus (44.). Es ging in die Kabinen.

Marcos Rojo (Argentinien)

Reuters/Jorge Silva

Marcos Rojo klärte kurz vor der Pause einen nigerianischen Angriff in Kung-Fu-Manier

Die knappe 1:0-Führung war für Argentinien aber ein gefährlicher Zwischenstand. Im Parallelspiel brauchte Island zu diesem Zeitpunkt ebenfalls nur einen 1:0-Sieg, um dank der besseren Tordifferenz ins Achtelfinale aufzusteigen. Weitere Tore der „Albiceleste“ waren notwendig, um auf Nummer sicher zu gehen. Andererseits hätte Nigeria mit dem Ausgleich die Situation in Gruppe D wieder auf den Kopf gestellt. Es galt also, auch defensiv konzentriert zu bleiben.

Elfmeter bringt Nigeria Ausgleich

Und genau das gelang Mascherano nicht. Trotz der Erfahrung von 146 Länderspielen ließ sich der 34-jährige Rekordteamspieler nach einem Eckball auf eine Rangelei im Strafraum mit Balogun ein. Der Nigerianer ließ sich nicht lange bitten und ging zu Boden. Referee Cakir zeigte auf den Elfmeterpunkt. Wilde Diskussionen waren die Folge, aber auch der Videoassistent revidierte die Entscheidung nicht. Moses übernahm die Verantwortung und traf zum 1:1 (51.).

Moses trifft per Elfmeter zum 1:1

Nach einem Foul von Javier Mascherano im Strafraum tritt Victor Moses zum Elfmeter an und verwandelt souverän (51.).

Da Kroatien in Rostow am Don gegen Island in Führung ging, wurde das Spiel in St. Petersburg endgültig zum direkten Aufstiegsduell. Für Argentinien führte der Ausgleich zu einer Schocksituation. Der Spielaufbau klappte minutenlang nicht mehr nach Wunsch. Sampaoli reagierte und brachte mit Cristian Pavon für Enzo Perez einen frischen Offensivspieler (61.). Von Minute zu Minute wuchs aber der Druck auf Argentinien, das verzweifelt dem Führungstor nachlief.

Die Verantwortung sollte einmal mehr Messi übernehmen, der in fast jeder Offensivaktion gesucht wurde. Aber auch der Superstar blieb nicht selten an einem Nigerianer hängen. Ohne Mithilfe seiner Kollegen ging es nicht. Die Afrikaner beschränkten sich nahezu ausschließlich auf die Defensivarbeit und setzten nach vorne Nadelstiche. Ein Schuss von Wilfred Ndidi ging dabei über das Tor (71.). In Rostow gelang Island das 1:1, womit wieder alles offen war.

Argentinien jubelt in dramatischer Schlussphase

Die Dramatik nahm immer mehr zu. Nach einem Konter köpfelte sich Rojo bei einem Klärungsversuch selbst an die Hand. Wieder kam der Videoassistent zum Einsatz. Referee Cakir überprüfte die Situation am Bildschirm und befand, dass die Aktion nicht elferwürdig war. Argentinien brauchte bedingungslose Offensive. Zu diesem Zweck brachte Sampaoli mit Agüero in der 80. Minute einen weiteren Stürmer. Sekunden danach ging ein Higuain-Schuss über das Tor.

Nigeria boten sich Räume für Gegenstöße. Der eingewechselte Odion Ighalo scheiterte in aussichtsreicher Position an Armani (83.). Ein Freistoß von Etebo ging ins Außennetz (85.). Und kurz darauf war es auf der Gegenseite so weit. Gabriel Mercado brachte eine Maßflanke zur Mitte. Der aufgerückte Innenverteidiger Rojo übernahm den Ball direkt und verwandelte im Stile eines Vollblutstürmers ins lange Eck zur 2:1-Führung (86.).

Marcos Rojo trifft

Reuters/Sergio Perez

Marcos Rojo machte kurz vor Schluss das wohl bisher wichtigste Tor seiner Karriere

Das Stadion in St. Petersburg glich einem Tollhaus, doch noch waren einige bange Minuten zu überstehen. Vier zusätzliche gab es in der Nachspielzeit. Selbst Messi scheute keinen Zweikampf mehr, um ja den Vorsprung über die Zeit zu bringen. Und dann war es so weit. Schiedsrichter Cakir beendete die Partie, und das führte auf dem Rasen zu argentinischen Jubelszenen, als wäre gerade der dritte WM-Titel eingefahren worden.

Stimmen zum Spiel:

Jorge Sampaoli (Teamchef Argentinien): „Wir hatten einen guten Plan. Wir sind besser als Nigeria und haben das in der ersten Hälfte auch gezeigt. Wir sind sehr glücklich, dass wir das bessere Ende für uns hatten. Ich denke, dass der Sieg heute über den Kampf zustande gekommen ist. Meine Spieler haben gegen einen sehr starken Gegner gezeigt, was sie können. Wir haben bis zum Schluss gekämpft und alles gegeben. Das Wichtigste war, dass die Spieler bis zum Schluss mutig gespielt und an die Chance geglaubt haben.“

Gernot Rohr (Teamchef Nigeria): „Ich bin mit der zweiten Halbzeit zufrieden. Da hat meine Mannschaft gut reagiert, toll gekämpft und zum Teil auch gut gespielt. Es lag an ein paar Zentimetern, dann wäre der Freistoß von Etebo reingegangen. Es hat nicht sollen sein. Meine junge Mannschaft hat bei dieser WM viel dazugelernt. Ich denke, in vier Jahren werden wir noch stärker sein. Aber natürlich ist jetzt die Enttäuschung groß.“

Marcos Rojo (Siegestorschütze Argentinien): „Dieses Tor ist unglaublich viel wert. Wir haben das gebraucht. Als der Ball im Tor war, ist mir sehr viel durch den Kopf gegangen. Ich habe den Jungs gesagt, dass ich ein Tor schießen werden. Es war wunderbar, ich bin sehr glücklich. Jetzt beginnt für uns die WM.“

Lionel Messi (Kapitän Argentinien): „Wir waren zuversichtlich, dass wir dieses Spiel gewinnen würden. Es ist wunderbar, es auf diese Weise gewonnen zu haben. Es ist eine wohlverdiente Freude.“

Leon Balogun (Verteidiger Nigeria): „Das tut unglaublich weh. Der Gegentreffer in der 86. Minute ist sehr bitter. Wir haben extrem viel investiert. Vielleicht haben wir uns hinten zu weit reindrücken lassen und zu wenig getan, um uns zu entlasten. Unter dem Dauerbeschuss war das irgendwann nicht mehr möglich. Da werden die Beine schwer. Das ist Fußball. Das ist brutal.“

Fußball-WM, Gruppe D

Dienstag:

Nigeria - Argentinien 1:2 (0:1)

St. Petersburg, 64.468 Zuschauer, SR Cakir (TUR)

Tore:
0:1 Messi (14.)
1:1 Moses (51./Elfmeter)
1:2 Rojo (86.)

Nigeria: Uzoho - Balogun, Ekong, Omeruo (90./Iwobi) - Moses, Etebo, Mikel, Ndidi, Idowu - Musa (92./Nwankwo), Iheanacho (46./Ighalo)

Argentinien: Armani - Mercado, Otamendi, Rojo, Tagliafico (80./Agüero) - Perez (61./Pavon), Mascherano, Banega - Messi, Higuain, Di Maria (72./Meza)

Gelbe Karten: Balogun, Mikel bzw. Mascherano, Banega, Messi

Die Besten: Ndidi, Uzoho, Moses bzw. Messi, Banega, Rojo

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