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Traum von „Hexa“ geplatzt

Brasiliens Traum vom sechsten WM-Titel ist bei der Endrunde in Russland im Viertelfinale geplatzt. Der große Favorit auf die Krone musste sich am Freitag in Kasan im Viertelfinale Belgien mit 1:2 (0:2) geschlagen geben. Die „Roten Teufel“ zogen mit dem Sieg zum zweiten Mal nach 1986 wieder in ein WM-Semifinale ein.

Fernandinho (13.) mit dem insgesamt elften Eigentor im Turnier und Kevin de Bruyne (31.) sorgten vor 42.873 Zuschauern in Kasan bereits in der ersten Hälfte für die Vorentscheidung zugunsten der Belgier. Renato Augusto gelang zu spät der Anschlusstreffer (76.) für den fünffachen Weltmeister, der einmal mehr vorzeitig seine Hoffnungen auf die ersehnte „Hexa“ - den sechsten Titel - begraben musste.

Fernandinho-Eigentor zum 1:0 (13. Minute)

Fernandinho fälscht den Ball nach einem Corner von Nacer Chadli mit der Schulter zum 1:0 ins eigene Tor ab.

Mit dem Semifinal-Einzug der Belgier, die in der Runde der besten vier auf Frankreich treffen, steht auch fest, dass der neue Weltmeister aus Europa kommt. Mit Uruguay und Brasilien verabschiedeten sich in der Runde der besten acht die letzten nicht europäischen Vertreter aus dem Turnier. Belgien stand bisher erst einmal, vor 32 Jahren in Mexiko, in einem Semifinale. Ob es die „Roten Teufel“ erstmals ins Endspiel schaffen, entscheidet sich am Dienstag (20.00 Uhr, live in ORF eins) in St. Petersburg.

Veränderungen auf beiden Seiten

Das letzte Spiel der WM 2018 in der Kasan Arena war im Vorfeld als vorgezogenes Finale bezeichnet worden. Immerhin spielte die laut FIFA-Weltrangliste Nummer zwei Brasilien gegen die Nummer drei Belgien. Ein direktes Duell bei einer WM hatte es davor überhaupt erst einmal gegeben: 2002 behielten die Brasilianer auf dem Weg zu ihrem fünften Titel im Achtelfinale 2:1 die Oberhand. Überhaupt sprach die Statistik klar für die Südamerikaner: Von bisher vier Vergleichen hatte Brasilien die jüngsten drei für sich entschieden. Nur das erste 1963 gewann Belgien dafür mit Stil. Ergebnis: 5:1.

Die Fans in Kasan sahen im Vergleich zu davor ein paar neue Gesichter auf beiden Seiten. Brasiliens Teamchef Tite musste etwa den gelbgesperrten Casemiro im defensiven Mittelfeld ersetzen. Die Lösung des Problems hieß wie erwartet Fernandinho. Auch Marcelo kehrte nach seinem Hexenschuss zurück. Bei den Belgiern wurden Nacer Chadli und Marouane Fellaini für ihre „Joker“-Tore beim 3:2 gegen Japan mit einem Platz in der Startelf belohnt. Yannick Carrasco und Dries Mertens schauten dafür zu.

Doppeltes Glück für Belgien

Apropos Zuschauer: Die sahen eine wie angekündigt mutige belgische Mannschaft, die die Brasilianer bereits früh attackierte. De Bruyne gab nach zwei Minuten den ersten Warnschuss ab. Brasilien ging es besonnener an, man wollte in keinen der gefährlichen belgischen Konter laufen. Es war aber kein schneller Gegenstoß, sondern wie so oft bei dieser WM eine Standardsituation, die beinahe frühen Torjubel auslöste - und zwar bei den Brasilianern. Nach einem Eckball ging der Ball vom Knie von Thiago Silva aber nur an die Stange (8.).

Silva trifft die Stange

Die Stange verhindert nach einem Eckball die frühe brasilianische Führung durch Thiago Silva.

Die Topchance war ein erstes Indiz, dass Belgiens Abwehr nicht das Prunkstück der Mannschaft ist. Doch just in der Drangphase der Brasilianer hatten die „Roten Teufel“ auch vorne Glück: Denn Fernandinho bescherte ihnen die Führung. Nach einem Eckball verlängerte der Mann von Manchester City den Ball mit der Schulter ins eigene Tor (13.). Goalie Alisson war chancenlos. Damit hatte auch Brasilien einen Spieler in der unrühmlichen Liste der Eigentorschützen. Zehn weitere Spieler standen vor der Partie bereits darauf.

Eigentor von Brasiliens Fernandinho im Match gegen Belgien

Reuters/Murad Sezer

Glückliche belgische Führung: Fernandinho (Nr. 12) verlängert den Ball beim Abwehrversuch ins eigene Tor

De Bruyne baut Führung aus

Mit dem brasilianischen Plan, aus der gesicherten Abwehr heraus abzuwarten, war es damit schon früh vorbei. Die „Selecao“ orientierte sich nun deutlich mehr nach vorne, allzu lange wollte man nicht in Rückstand sein. Bei einem Distanzschuss von Marcelo war Thibaut Courtois auf dem Posten (25.). Den Belgiern boten sich aber nun die erhofften Räume. Und den nutzten die „Roten Teufel“ in Form von De Bruyne aus. Der 27-jährige versenkte nach einem schnellen Gegenstoß den Ball mit einem platzierten Hammer im Eck (31.) - 2:0 für Belgien.

De Bruynes Traumtor zum 2:0

Kevin De Bruyne legt mit einem perfekten Schuss ins lange Eck den zweiten belgischen Treffer nach.

Vier Jahre nach dem 1:7-Debakel im Semifinale der Heim-WM gegen Deutschland waren die Brasilianer wieder von einer äußerst effizienten Mannschaft eiskalt erwischt worden. Zwar versuchten Neymar und Co. nun, noch einen Gang zuzulegen, aber das Selbstvertrauen der Führung hatte auch die Konzentration in der belgischen Defensive geschärft. Philippe Coutinho probierte es aus der Distanz, doch Courtois war erneut zur Stelle (38.). Auf der Gegenseite prüfte De Bruyne Alisson mit einem Freistoß (41.). Es blieb beim 2:0 aus belgischer Sicht.

Elferalarm im belgischen Strafraum

Dass Tite zur Pause reagierte, war nicht überraschend. Robert Firmino sollte anstelle von Willian den brasilianischen Angriff beflügeln. Der gelbe Schwung nahm auch zu. Bei einem Stanglpass von Marcelo fehlte nur der Abnehmer (51.). Nur kurz darauf wurde es im belgischen Strafraum hektisch. Brasilien forderte zweimal vergeblich Elfmeter. Bei einer Schwalbe von Neymar hatte Schiedsrichter Milorad Mazic noch recht, nicht auf den Punkt zu zeigen (53.). Wenig später lag der Serbe jedoch daneben, als Gabriel Jesus von Vincent Kompany von den Beinen geholt wurde (56.).

Elfmeteralarm bei einem Zweikampf von Belgiens Vincent Kompany und Brasiliens Gabriel Jesus

APA/AP/Francisco Seco

Kompany (l.) hatte Glück, dass sein Tackling gegen Gabriel Jesus im Strafraum ohne Folgen blieb

Belgien blieb damit weiter klar auf Kurs Semifinale. Die Partie, schon in der ersten Hälfte eine der besseren dieser WM, wurde nun immer mehr zum offenen Schlagabtausch. Eden Hazard fehlten nach einem Konter bei seinem Schuss nur wenige Zentimeter auf das 3:0 (62.), dann zwang der für Jesus eingewechselte Douglas Costa praktisch im Gegenzug den belgischen Goalie zur nächsten Glanzparade (63.). Die Anspannung bei den Brasilianern wurde mit jeder Minute größer.

Renato Augusto lässt „Selecao“ hoffen

Eine Viertelstunde vor Schluss wurden die Angriffsbemühungen der „Selecao“ dann doch belohnt. Bei einem Kopfball des drei Minuten zuvor eingewechselten Renato Augusto nach Maßflanke von Coutinho war der bis dahin überragende Courtois erstmals an diesem Abend chancenlos (76.). Der Anschlusstreffer mobilisierte wieder frische Kräfte bei der „Selecao“, jetzt fehlte nur noch das nötige Glück beim Abschluss. Firmino hämmerte den Ball aus kurzer Distanz drüber (78.), Renato Augusto schoss mit freier Sicht aufs Tor vorbei (81.).

Augusto verkürzt auf 2:1

„Joker“ Renato Augusto bringt die Brasilianer eine Viertelstunde vor Schluss mit einem Kopfballtor wieder heran.

Jetzt konnten die Spielsekunden für die Belgier nicht schnell genug runterticken. Brasilien warf mit dem Mut der Verzweiflung alles Verfügbare Richtung gegnerischen Strafraum. Entlastungsangriffe der „Roten Teufel“ wurden seltener. Mit dem Schlusspfiff von Schiedsrichter Mazic waren zwei Dinge aber klar: Belgien steht zum zweiten Mal nach 1986 im Semfinale einer WM, Brasilien muss seinen Traum von der „Hexa“ um zumindest vier weitere Jahre verschieben. Auch weil Courtois kurz davor in der Nachspielzeit noch einen Schuss von Neymar aus dem Kreuzeck gekratzt hatte (94.).

Fußball-WM, Viertelfinale

Freitag:

Brasilien - Belgien 1:2 (0:2)

Kasan, 42.873 Zuschauer, SR Masic (SRB)

Torfolge:
0:1 Fernandinho (13./Eigentor)
0:2 De Bruyne (31.)
1:2 Renato Augusto (76.)

Brasilien: Alisson - Fagner, Thiago Silva, Miranda, Marcelo - Paulinho (73./Renato Augusto), Fernandinho - Willian (46./Firmino), Coutinho, Neymar - Gabriel Jesus (58./Douglas Costa)

Belgien: Courtois - Alderweireld, Kompany, Vertonghen - Meunier, Fellaini, Witsel, Chadli (82./Vermaelen) - De Bruyne, Lukaku (87./Tielemans), Hazard

Gelbe Karten: Fernandinho, Fagner bzw. Alderweireld, Meunier (im Halbfinale gesperrt)

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