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2:0-Satzführung aus der Hand gegeben

Roger Federer muss seinen Traum vom neunten Titel in Wimbledon zumindest vorerst begraben. Der Rekordsieger des Rasenklassikers in London musste sich in seinem Viertelfinale am Mittwoch Kevin Anderson trotz 2:0-Satzführung in einem Marathonkrimi geschlagen geben. Der Südafrikaner gewann nach mehr als vier Stunden mit 2:6 6:7 (5/7) 7:5 6:4 13:11 und fügte Federer die erste Niederlage in Wimbledon seit zwei Jahren zu.

Im dritten Satz hatte der 36-jährige Schweizer, der als Nummer eins gesetzt war, schon einen Matchball vorgefunden, der als Nummer acht eingestufte Anderson schaffte aber die Wende. Der 32-jährige US-Open-Finalist von 2017, der gegen Federer noch nie einen Satz gewonnen hatte, verwertete seinen ersten Matchball und ist der erste Südafrikaner im Wimbledon-Halbfinale seit Kevin Curren 1983.

Kevin Anderson

APA/AFP/Oli Scarff

Kevin Anderson gelang die wohl größte Überraschung seiner bisherigen Karriere

„Solche Matches sind sehr besonders. Hier Roger zu schlagen, daran werde ich mich sicher immer erinnern“, sagte Anderson. Sein Gegner im Halbfinale am Freitag ist der US-Amerikaner John Isner, der den Kanadier Milos Raonic mit 6:7 (5/7) 7:6 (9/7) 6:4 6:3 bezwang.

Ungewohnter Platz und vergebener Matchball

Federer spielte erstmals seit drei Jahren in Wimbledon nicht auf dem Centre Court. Auf dem ungewohnten Platz 1 erlaubte sich der 20-fache Grand-Slam-Sieger schon im zweiten Satz eine Schwäche, machte einen 0:3-Rückstand aber noch wett. Beim Stand von 5:4 im dritten Satz hatte der Baseler die Chance, das Match zu seinen Gunsten zu entscheiden, doch seine Rückhand flog ins Out. Erstmals seit seinem Halbfinal-Aus 2016 gegen Raonic gab Federer bei seinem Lieblingsturnier anschließend wieder einen Satz ab.

Im fünften Set wird in Wimbledon kein Tiebreak gespielt, also mussten die beiden Kontrahenten in die Verlängerung. Federer lag stets vorne, doch Anderson zog auch dank seiner insgesamt 28 Asse immer wieder nach. Bei 11:11 war es dann Federer, der als Erster patzte. Mit einem Doppelfehler und einer Vorhand ins Netz ermöglichte er Anderson, zum Matchgewinn aufzuschlagen. Nach 4:14 Stunden blieb dem Titelverteidiger nichts anderes übrig, als seinem Gegner zum Sieg zu gratulieren.

Roger Federer

APA/AFP/Oli Scarff

Roger Federer musste heuer auf dem „heiligen Rasen“ seine Sachen schon vorzeitig packen

Wimbledon hatte der zweifache Zwillingsvater heuer alles untergeordnet. Die Sandplatzsaison inklusive der French Open ließ der Weltranglistenzweite für die optimale Vorbereitung aus. Überzeugend hatte er sich seinen Weg bis ins Viertelfinale gebahnt, war aber in den ersten Runden auch kaum gefordert worden.

Viele Gründe für die Niederlage

Federer legte sich in seiner Analyse nicht unbedingt auf einen Grund für die Niederlage fest. „Es gab viele kleine Punkte. Als ich den Matchball nicht nutzte? Oder kurz darauf bei 5:5 gebreakt wurde? Ich bin nicht sicher. Ich glaube, man kann es nicht an einem Punkt festmachen, außer natürlich am Matchball.“ Müdigkeit habe jedenfalls keine Rolle gespielt. „Ich fühlte mich gut.“

Es gebe nichts Schlimmeres für einen Tennisspieler, als eine Niederlage erklären zu müssen. Der Tag, die Form sei für ihn nicht schlecht, aber durchschnittlich gewesen. „Die meisten Tage sind durchschnittlich. Gut genug, um dennoch eine Chance haben, zu gewinnen. Ich fühlte mich von der Grundlinie nicht so gut. Ich startete gut, aber ab dem zweiten Satz gelang es mir nicht mehr, ihn in Bedrängnis zu bringen. Anderson spielte sehr gut, aber ich hätte mir gewünscht, ihn noch mehr pushen zu können.“

Federer hat immerhin einen eigenen Rekord eingestellt, nämlich den von 34 in Wimbledon in Folge gewonnen Sätzen. Das war ihm auch schon zwischen der dritten Runde 2005 und dem Finale 2006 gelungen. Rekordhalter vor Federer war der Schwede Björn Borg mit 24 gewonnenen Sätzen en suite 1976/77 gewesen.

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