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Kroatien jubelt wieder nach Verlängerung

Das Finale der Weltmeisterschaft 2018 in Russland lautet Frankreich gegen Kroatien. Die Kroaten gewannen am Mittwoch im Moskauer Luschniki-Stadion, wo am Sonntag auch das Endspiel steigen wird, ein hochdramatisches Semifinale gegen England mit 2:1 nach Verlängerung. Die reguläre Spielzeit hatte mit 1:1 geendet. Für Kroatien ist es der erste Finaleinzug in der Geschichte, das bisher beste Abschneiden war Rang drei bei der WM 1998. Die „Three Lions“ dagegen müssen weiter warten.

Verteidiger Kieran Trippier von Tottenham hatte England mit seinem ersten Tor im Nationalteam, einem herrlichen Freistoß, in Führung gebracht (5.). Stürmer Ivan Perisic (68.) von Inter Mailand glich aus und sorgte für die bereits dritte Verlängerung für Kroatien bei dieser WM. In dieser avancierte Juventus-Stürmer Mario Mandzukic (109.) zum Matchwinner. Englands großer Traum vom zweiten WM-Titel nach 1966 ist im Finish geplatzt wie eine Seifenblase.

Kroatisches Tream jubelt über Finaleinzug

Reuters/Carl Recine

Mario Mandzukic und seine kroatischen Teamkollegen bejubelten den Finaleinzug im Duell mit England

Traumstart durch Traumtor

Mit Ante Rebic als neuem Mann war Kroatien ins Match gegangen. Der Stürmer von Eintracht Frankfurt stand in der Startformation von Headcoach Zlatko Dalic. Andrej Kramaric musste im Vergleich zum Viertelfinal-Sieg über Russland auf die Ersatzbank weichen. Für ihn rückte Marcelo Brozovic als zusätzliche Absicherung ins Mittelfeld. In der Schaltzentrale spielten wie gewohnt Luka Modric und Ivan Rakitic. Englands Teamchef Gareth Southgate stellte wieder dieselbe Anfangself auf wie zuletzt beim 2:0 gegen Schweden.

„Never change a winning team“, diese alte Sportweisheit hatte Southgate also vor rund 10.000 nach Moskau gereisten englischen Fans beherzigt. Auch die Kroaten hatten eine beeindruckende Abordnung von Anhängern im Stadion, was sie allerdings nicht vor einer bitterkalten Dusche in der fünften Minute bewahrte. Ausgerechnet Kapitän Modric hatte das Unheil mit einem Foul an Dele Alli heraufbeschworen. In etwa 20 Metern Entfernung trat der rechte Außenverteidiger Trippier zum direkten Freistoß an. Mit dem rechten Fuß zirkelte er den Ball wunderschön in die rechte Kreuzecke, und es stand 1:0. Goalie Danijel Subasic war chancenlos.

Trippier mit Bilderbuch-Freistoß zum 1:0 (5.)

Mit einem herrlichen Freistoß bringt Kieran Trippier England in Führung.

Die „Three Lions“ bejubelten ihren Traumstart. Für Trippier war es im zwölften Länderspiel das erste Tor für England - was für ein Zeitpunkt für die Premiere. Und die Führung stellte sich sehr bald als verdient heraus, denn die von Southgate erneut hervorragend eingestellte Mannschaft agierte wie schon gegen Schweden äußerst kompakt. Nach vorne im 3-5-2-, nach hinten im 5-3-2-System hatte man die Kroaten total im Griff. Keeper Jordan Pickford strahlte wieder größtes Selbstvertrauen aus, war bei den wenigen Flanken auf dem Posten. Vorne lauerten Harry Kane und Raheem Sterling.

Kane und Lingard lassen „Sitzer“ aus

Ersterer vergab in der 30. Minute eine Riesenchance auf das 2:0. Aus gleicher Höhe gestartet schob Kane den Ball alleine vor Subasic dem kroatischen Keeper genau in die Hände. Den Nachschuss setzte der englische Torjäger dann noch an die Stange - auch das war ein echter „Sitzer“. Jesse Lingard tat es ihm in der 36. Minute gleich, als er knapp innerhalb der Strafraumgrenze unbedrängt rechts am Tor vorbeischoss. Alli hatte ihm den Ball mustergültig serviert. Aus Sicht der Engländer war schon da zu hoffen gewesen, dass sich diese vergebenen Großchancen nicht noch rächen würden.

Von Kroatien kam bis dahin so gut wie nichts. Ein Weitschuss von Ivan Persisic (19.) war die einzige gefährliche Offensivaktion - zumindest bis zur Nachspielzeit der ersten Hälfte, denn dann gab es Elfmeteralarm in Strafraum der Engländer. Bei einem Freistoß von Modric wurde Dejan Lovren im Sechzehner von Harry Maguire gehalten und damit zu Fall gebracht. Doch Schiedsrichter Cuneyt Cakir aus der Türkei gab keinen Elfmeter - eine umstrittene Entscheidung, die den Kroaten verständlicherweise sauer aufstieß.

Lovren von Maguire elferreif gehalten (45.+1)

Dejan Lovren wird im Strafraum von Harry Maguire zurückgehalten - Schiedsrichter Cüneyt Cakir pfeift statt Elfmeter zur Pause.

Perisic bringt Kroaten wieder ins Spiel

Personell unverändert setzten beide Teams das Halbfinale nach der Pause fort. Viele Fouls und hart geführte Zweikämpfe prägten in den ersten Minuten der zweiten Hälfte das Geschehen. Die Kroaten vermittelten nun einen zielorientierteren Eindruck, übten mehr Druck auf das englische Tor aus. Ante Rebic, Mario Mandzukic und Co. bewegten sich vorne ungemein viel, attackierten früh und aggressiv. England blieb im Konter und über die Flügel mit Flanken auf Kane gefährlich. Was auf beiden Seiten fehlte, war die Präzision bei den letzten Pässen und bei den seltenen Schüssen auf das Tor.

In der 65. Minute blockte Kyle Walker einen Schuss von Persic am Fünfer ab und bezahlte das mit Schmerzen im Unterleib. Einiges einstecken musste auch Kane bei harten Attacken von Lovren und auch Sime Vrsaljko. Letzterer war es auch, der in der 68. Minute den Ausgleichstreffer der Kroaten mit einer weiten Flanke von rechts vorbereitete. In der Mitte sprintete sich Italien-Legionär Perisic am Fünfer frei und netzte aus kurzer Distanz volley zum 1:1 ein. Sein hohes Bein war an der Grenze zum gefährlichen Spiel, allerdings war Gegenspieler Walker mit dem Kopf auch weit nach unten getaucht.

Perisic gleicht zum 1:1 aus (68.)

Ivan Perisic trifft für Kroatien nach Flanke von Sime Vrsaljko.

Nur vier Minuten später hätte Perisic das Spiel beinahe völlig gedreht. Mit einem schönen Haken hatte er sich im Strafraum etwas Platz verschafft. Sein Abschluss mit dem linken Fuß landete an der rechten Stange. Pickford, den beim Ausgleich keine Schuld getroffen hatte, wäre um ein Haar erneut geschlagen gewesen. Kroatien blieb am Drücker, die Engländer waren nun völlig von der Rolle. Mandzukic (83.) scheiterte an Pickford, Perisic (84.) schoss aus guter Position über das Tor. Und das waren nur die zwei besten von vielen guten Gelegenheiten der Kroaten, die dem Siegestor näher waren.

Mandzukic schießt Kroaten ins Glück

Als die dritte Verlängerung für Kroatien bei dieser WM, die zweite Overtime für die Engländer, schließlich Gewissheit war, wirkten die „Three Lions“ einigermaßen durchgebeutelt. Zumindest hatte Kane (92.) per Kopf die letzte Torchance in der regulären Spielzeit gehabt. Auch die kurze Pause schien der Mannschaft von Southgate gutgetan zu haben. Und so ließ sich die Verlängerung wieder recht geordnet und ausgeglichen an. Viel gewechselt wurde in dieser Phase auch, sodass die Partie einiges an Zug und Tempo verlor.

In der 99. Minute riss es die englischen Fans wieder einmal von den Sitzen, als John Stones scharf auf das Tor köpfelte und Vrsaljko per Kopf auf der Linie als Retter einsprang. Mandzukic (105.+2) hatte unmittelbar vor dem neuerlichen Seitenwechsel eine hochkarätige Chance, krachte dabei nach einem scharfen Querpass mit dem herauseilenden Pickford zusammen. Der englische Keeper lenkte den Ball gerade noch ab, sodass es weiter in Richtung Elferschießen ging. Marcelo Brozovic (108.) jagte den Ball nach einem schnell abgespielten Eckball weit über das Tor. England wurde zu passiv.

Mandzukic schießt das Goldtor (109.)

In der 109. Minute entwischt Mario Mandzukic der englischen Verteidigung und schießt zum entscheidenden 2:1 für Kroatien ein.

Und das sollte sich rächen, denn Mandzukic avancierte schließlich mit seinem Tor zum entscheidenden 2:1 (109.) zum Helden einer fußballverrückten Nation. Genau vom linken Fünfereck traf der Juventus-Stürmer flach in die lange Ecke, nachdem der Ball von Perisic per Kopf hoch in den Strafraum gekommen war. Englands Verteidigung hatte dabei denkbar schlecht ausgesehen, Pickford machte sich vor Mandzukic vergeblich groß. Die letzten Minuten brachten die Kroaten dann mit all ihrer Routine drüber. Im Konter hatten sie sogar noch ein paar gute Szenen. Dann war es vorbei, Kroatien im Freudentaumel und die Engländer am Boden zerstört.

Fußball-WM, Semifinale

Mittwoch:

Kroatien - England 2:1 n. V. (1:1, 0:1)

Moskau, Luschniki-Stadion, 78.011 Zuschauer, SR Cakir (TUR)

Torfolge:
0:1 Trippier (5./Freistoß)
1:1 Perisic (68.)
2:1 Mandzukic (109.)

Kroatien: Subasic - Vrsaljko, Lovren, Vida, Strinic (95./Pivaric) - Brozovic, Rakitic - Rebic (101./Kramaric), Modric (119./Badelj), Perisic - Mandzukic (115./Corluka)

England: Pickford - Walker (112./Vardy), Stones, Maguire - Trippier, Lingard, Henderson (97./Dier), Alli, Young (90./Rose) - Sterling (74./Rashford), Kane

Gelbe Karten: Mandzukic, Rebic bzw. Walker

Die Besten: Modric, Perisic, Rakitic bzw. Trippier, Lingard, Pickford

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