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Die fünf Lehren der Weltmeisterschaft

Die Fußball-WM 2018 in Russland wird als die „Videobeweis-WM“ in der kollektiven Erinnerung bleiben. Doch auch die Gastgeber dürfen sich als großer Gewinner dieser Titelkämpfe der großen sportlichen Überraschungen fühlen. „Es war die beste Weltmeisterschaft aller Zeiten“, urteilte FIFA-Präsident Gianni Infantino bereits wenige Tage vor dem Finale, das Frankreich 4:2 gegen Kroatien gewann.

Trotz aller Bedenken gegen Hooligans, Sicherheit und der Qualität der „Sbornaja“ vor dem Turnier hat Russland bewiesen, dass es auch das große Fußballfest mit mehr als einer Million ausländischer Fans ausrichten kann. „Wir sind froh, dass unsere Gäste alles mit eigenen Augen gesehen haben, dass ihre Mythen und Vorurteile zerbrochen sind“, schwärmte Putin.

Rückblick auf die Fußball-WM 2018

Nach der Fußball-WM: Eine WM mit vielen Rekorden: Die meisten Eigentore, die meisten Elfmeter und die wenigsten Roten Karten - 64 Spiele mit 169 Toren liegen hinter uns.

Vor allem aus dem asiatischen Raum und Südamerika fanden viele Anhänger den Weg nach Russland. Europäer zögerten zu Beginn noch, das Reich von Wladimir Putin zu besuchen. Angesichts der Opfer des abgeschossenen Flugzeuges MH17, der Annexion der Schwarzmeer-Halbinsel Krim und vieler weiterer Krisen herrschte nur gedämpfte Lust auf die WM in Russland. An Ort und Stelle wurden dann viele Bedenken der Besucher widerlegt.

Gekommen, um zu bleiben

Auch sportlich wurde so manches „Fußballgesetz“ über den Haufen geworfen. Das sportliche Vermächtnis des Turniers, bei dem der Titelverteidiger Deutschland gnadenlos bereits in der Gruppenphase entthront wurde und viele weitere Titelanwärter früh scheiterten, ist aber: Der Videobeweis hat sich auf der größten Bühne bewährt und wird dauerhaft bleiben.

Auch die große Zeit der Megastars wie Lionel Messi, Cristiano Ronaldo und Neymar neigt sich dem Ende zu. Was im Clubfußball noch funktioniert, ist bei den Nationalteams kein Erfolgsrezept mehr: Der Teamgeist macht sich bezahlt. Eine neue Ära des Teamfußballs scheint angebrochen.

Erkenntnis Nummer eins:

Der Videobeweis verändert (fast) alles

Die WM machte vor, wie der Videobeweis eingesetzt werden sollte. In vielen, aber nicht allen Fällen sorgten die Assistenten vor den Bildschirmen in Moskau für mehr Gerechtigkeit, schritten meistens in den richtigen Situationen ein. Knapp 30-mal wurde der Videobeweis sichtbar eingesetzt. Für Diskussionen sorgt das Hilfsmittel vor allem dann, wenn die Unparteiischen darauf verzichteten - so war für den deutschen Schiedsrichter Felix Brych nach seinem nicht gegebenen Elfmeter für Serbien die WM ohne weiteren Auftritt beendet.

Hands des Kroaten Ivan Perisic

Reuters/Maxim Shemetov

Trotz Videobeweises war dieses Handspiel von Ivan Perisic im Finale und der dafür verhängte Strafstoß heiß umstritten

Auch die Handspielentscheidung von Finalschiedsrichter Nestor Pitana gegen den Kroaten Ivan Perisic war heftig umstritten. Unter dem Strich wussten die Spieler jedoch, dass sie sich zu benehmen hatten, denn das Videoauge war überall. Der Umgang mit dem Videobeweis mit all seinen Konsequenzen wie verlängerter Spielzeit durch Offizielle und Spieler war sicher der prägendste Aspekt dieser WM, der auch ein neues Zeitalter im Weltsport Fußball einleitete. Und der Sport hat trotz aller Technik ein wesentliches Element behalten: Es wird nach wie vor leidenschaftlich über richtig oder falsch diskutiert.

Erkenntnis Nummer zwei:

Teamgeist wird belohnt

Teamgeist statt Einzelkönner lautete ein WM-Trend. Die alte Riege der Weltstars ist in Russland früh abgetreten: Cristiano Ronaldo konnte auch mit vier Toren das Achtelfinal-Aus für Portugal nicht verhindern, Lionel Messi ging mit Argentinien im Chaos unter. Was aber viele Experten bereits erwartet hatten, sind doch die Leistungen Messis in der „Albiceleste“ nicht mit jenen von Barcelona vergleichbar.

Von Neymar bleiben trotz 27 Torschüssen in fünf Spielen nur seine Schauspieleinlagen aufgrund eines offenbar äußerst sensiblen Schmerzempfindens in Erinnerung. Stattdessen stießen Harry Kane, der 19-jährige Kylian Mbappe, Eden Hazard und Luka Modric in die höchste Starkategorie vor.

Der kroatische Teamchef Zlatko Dalic steht mit Spielern im Regen

APA/AFP/Kirill Kudryavtsev

Kroatiens Team trat als Gemeinschaft auf, sicher auch ein Verdienst von Trainer Zlatko Dalic

„Vielleicht war das eine der seltsamsten Weltmeisterschaften“, sagte der kroatische Trainer Zlatko Dalic als Resümee. „Der Fußball hat sich so sehr weiterentwickelt, dass jedes Team die richtige Defensivorganisation hat. Einzelne können nicht mehr alles lösen. Die WM war gerecht zu Teams, die als Gemeinschaft aufgetreten sind.“

Erkenntnis Nummer drei:

Wer umschaltet, gewinnt

Nach Frankreich (2002), Italien (2010) und Spanien (2014) erwischte es auch Deutschland. Zum vierten Mal bei den fünf vergangenen Weltmeisterschaften war das Turnier für den amtierenden Champion schon nach der Vorrunde zu Ende. Ein Beweis dafür, dass sich im Fußball bewährte Systeme nicht über einen so langen Zeitraum halten. Das einst so erfolgreiche Tiki-taka der Spanier ist abgelöst. Jene Teams, die es vermögen, schnell von der Defensive in die Offensive und auch umgekehrt umzuschalten, haben Erfolg.

Bilanz der WM 2018

ORF-Sportreporter Bernhard Stöhr zieht im Studio eine Bilanz der Fußball-WM und versucht zu analysieren, welche Erkenntnisse das FIFA-Großereignis in Russland gebracht hat.

Das beste Beispiel war Frankreichs Spielweise im Finale. Auch Belgien ist so ein Team. Zu abgeklärt verteidigen inzwischen fast alle Mannschaften, Pragmatismus und Leidenschaft haben fußballerische Hochkultur abgelöst. Ball verschieben bringt keine Lösung - dafür werden andere Wege zum Tor immer wichtiger. Die meisten Elfmeter der WM-Geschichte und ein Rekord von Standardtoren sind Beweis dieses Trends. Die englische „Gassenbildung“ bei Eckbällen, ähnlich der Aufstellung im Rugby bei Einwürfen, wird bereits eifrig nachgeahmt.

Erkenntnis Nummer vier:

Die Welt entdeckt Russland und umgekehrt

Trotz aller politischen Spannungen lobte selbst Englands Coach Gareth Southgate die WM in Russland in höchsten Tönen. „Die Organisation ist erstklassig“, sagt Gareth Southgate. „Es gab viele Storys vor dem Turnier, von denen ich schon vorher wusste, dass sie falsch sind - und das hat sich bewiesen.“ Die Welt entdeckt Russland auch abseits von Moskau und St. Petersburg. Viele Fans aus dem asiatischen Raum und Lateinamerika reisten in Städte wie Nischni Nowgorod, Samara und Saransk.

Die Russen freuten sich so über viele Besucher, die das Stadtbild in den sonst eher ruhigen Metropolen Russlands belebten. Die WM-Touristen ihrerseits waren angetan von der Gastfreundschaft. „Die Wahrnehmung von Russland im Ausland hat sich geändert“, sagte WM-Cheforganisator Alexej Sorokin. „Wir können Fußball spielen, wir können Events gut organisieren.“

Erkenntnis Nummer fünf:

Es geht auch ohne Gewalt

Die Schreckensbilder aus Marseille von der EM 2016, als sich russische Hooligans mit Engländern prügelten, wiederholten sich nicht. „Gefährderansprachen“ im Vorfeld durch russische Sicherheitsbehörden trugen ebenso zum ruhigen Verlauf der WM bei, wie die rigorose Registrierung mittels Fan-ID und dem Respekt ausländischer Ruhestörer vor russischen Gefängnissen.

Totale des Luschniki-Stadions in Moskau vor dem Beginn des WM-Finales

Reuters/Christian Hartmann

Die Inszenierung von Fußball als Entertainment hat bei der WM ein neues Niveau erreicht

Stattdessen setzte die FIFA noch mehr auf eine Inszenierung des Fußballs als perfekte Familienunterhaltung und des Stadions als Ort der Freude. Lautstarke Musikbeschallung in den Arenen über Stunden hinweg erinnerten an Verhältnisse wie die perfektionierte Unterhaltungsmaschinerie der National Football League (NFL) in den USA.

Für die Menge an über drei Millionen Stadionbesuchern verliefen die Spiele friedlich. Das Antidiskriminierungsnetzwerk FARE zog ein weitgehend positives Fazit: Rassistische Vorfälle gab es bis zu den letzten Spielen keine, vereinzelt trübten sexistische Übergriffe das Bild.

Alltag nach WM-Spektakel

Die Anstrengungen des Gastgebers für ein makelloses Bild waren jedenfalls groß: Nach Schätzungen investierte Russland rund 12 Milliarden Euro in die WM. Fast 100 Trainingsplätze wurden angelegt, sieben der zwölf Stadien wurden neu gebaut, die übrigen aufwendig renoviert. Doch ob viele der Glitzerarenen auch nach der WM noch ausverkauft sein werden, bleibt fraglich. Fast die Hälfte der Stadien sind die Heimat von Zweitligisten, in Sotschi wurde extra ein Club geschaffen, der im Fischt-Stadion spielt.

Der Experte Andrej Kolesnikow vom Carnegie-Zentrum in Moskau glaubt, dass die WM keinen langfristigen politischen Effekt haben wird. „Das ist nur Fußball, es bringt kein demokratisches Denken“, sagte er der dpa. Die Russen würden durch die WM nicht freier, Polizisten nicht freundlicher. Am Ende finde sich jeder in der Realität wieder, „inmitten einer weiteren Putin-Amtszeit“.

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