Trainer Adi Huetter
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Fußball

Frankfurt für Hütter „richtige Entscheidung“

Adi Hütter hat sich seinen großen Traum erfüllt. Als Spieler wagte der heute 48-Jährige den Sprung nach Deutschland nicht, als Trainer erarbeitete sich der Vorarlberger einen Platz in der deutschen Bundesliga und heuerte im Sommer bei Eintracht Frankfurt an. „Es war wieder die richtige Entscheidung“, sagte Hütter, dessen Team neun Spiele ungeschlagen ist, im Gespräch mit ORF.at.

Nach seinen erfolgreichen Stationen in Salzburg und Bern, wo Hütter jeweils die Meisterschaft beziehungsweise in Österreich das Double holte, unterschrieb er im Sommer einen Dreijahresvertrag und führte die Eintracht nach holprigem Start in die Top Vier der Bundesliga – aktuell liegen die Frankfurter sogar vor Bayern München.

„Aber das Schwierige ist, dort zu bleiben“, unterstrich Hütter, der über den sportlichen Turnaround nach herben Niederlagen zum Start (0:5 gegen Bayern im Supercup und 1:2 im DFB-Pokal in Ulm, Anm.) sprach. Zudem erklärte er, wie er sich als Trainer vom Spieler Adi Hütter unterscheidet und warum er nicht so viel Freizeit braucht.

ORF.at: Vom „Rauswurfkandidaten Nummer eins“ zum „heimlichen Star in Hessen“. Wie bewerten Sie die diversen Situationen in Ihren ersten Monaten bei Eintracht Frankfurt?

Adi Hütter: Es zeigt einfach, wie schnelllebig alles ist. Das eine ist vielleicht ein wenig unangenehm zu lesen, auf der anderen Seite habe ich mittlerweile sehr viel Vertrauen in mich als Person und Trainer. So gesehen war es ein noch größerer Anreiz, das zu verändern. Der Gegenwind hat aber mehr von außen reingeblasen als von innen. Wir haben daraus Rückenwind gemacht. Jetzt wird geschrieben, dass alles super ist. Auch da muss man einfach ganz kühlen Kopf bewahren und es richtig einordnen.

ORF.at: War es für Sie nur eine Frage der Zeit, bis sich der Erfolg einstellt?

Hütter: Uns war immer bewusst, dass wir einen Zwischenschritt einlegen müssen, um das zu spielen, was wir wollen. Das haben wir aus zwei Gründen machen müssen: Wir haben Schlüsselspieler verloren, und es war ein erfolgreicher Trainer da, der aber eine andere Art von Fußball spielen hat lassen. Es kamen auch viele Nationalspieler erst relativ spät dazu, die Vorbereitung war nicht einfach, weil wir auch Spieler hatten, bei denen offen war, ob sie den Verein eventuell verlassen. Bis wir alles einheitlich auf den Platz gebracht haben, hat es gedauert. Die Niederlagen gegen die Bayern und in Ulm haben natürlich nicht dazu beigetragen, das Selbstvertrauen der Spieler zu fördern. Aber wir haben uns nach anfänglich berechtigter Kritik gesammelt, gut trainiert und immer mehr an unsere Spielidee geglaubt. Durch das Vertrauen kamen die Siege, und jetzt steht eine Mannschaft auf dem Platz, die richtig Freude macht. Das ist auch schon die Art und Weise von Fußball, wie ich ihn mir vorstelle.

ORF.at: War Überzeugungsarbeit also der Schlüssel zur positiven Veränderung?

Hütter: Wir haben uns einfach in den Videoanalysen Schritt für Schritt herangetastet, die Einheiten im Training waren hoch intensiv, und auf dem Platz wurde es in den Spielen umgesetzt. Die Spieler sind lernfähig und wollen sich ständig verbessern. Wenn wir jetzt beobachtet werden, sagt man, dass Frankfurt Power und Wucht hat. Die Spieler können sich damit identifizieren, die Fans auch, und der Trainer hat eine Freude. Aber man muss immer auf der Hut sein, Woche für Woche ist die Prüfung.

ORF.at: Sie haben zunächst sowohl Dreier- als auch Viererkette spielen lassen, sich dann in den letzten Wochen auf Dreierkette festgelegt. Zudem wurden Sie gelobt, weil Sie die Offensivkräfte Ante Rebic, Sebastien Haller und Luka Jovic gemeinsam spielen lassen. Mussten Sie etwas ausprobieren?

Hütter: Ich habe in den Jahren gelernt, mir den Status quo eines Teams ganz genau anzuschauen. Zu Beginn haben wir in einem 4-2-3-1-System gespielt, aber Makoto Hasebe als letztjähriger Schlüssel in der Dreierkette tut uns nach seinen anfänglichen, auch verletzungsbedingten Problemen in der aktuellen Verfassung irrsinnig gut, und deswegen spielen wir auch Dreierkette. Das war eine der besten Entscheidungen. Ich bin aber auch jemand, der gerne mit zwei Spitzen spielen lässt. In Stuttgart hatten wir erstmals die Idee, Rebic, Haller und Jovic spielen zu lassen. Da haben wir mit 3:0 gewonnen, in Limassol (3:2) haben wir es anders gemacht, gegen Schalke dann wieder so, und wir gewannen wieder mit 3:0. Wir haben verschiedene Optionen, und die Spieler passen gut dazu.

Adi Huetter und Luka Jovic (Frankfurt)
GEPA/Thorsten Wagner
Frankfurt-Trainer Adi Hütter im Bild mit Luka Jovic, der mit neun Treffern die Torschützenliste der Bundesliga anführt

ORF.at: In der Schweiz haben Sie haben einmal gesagt: „Zehn oder 15 Spiele nicht zu verlieren, das ist Mentalität.“ Ist es Ihnen wie in Bern wichtig, im Verein eine Siegermentalität zu implementieren?

Hütter: Da muss man ein wenig differenzieren. Frankfurt hat im Mai nach 30 Jahren den DFB-Pokal gewonnen, da ist also schon eine Siegermentalität da. Wichtig ist, dass eine Mannschaft ständig hungrig bleibt. Die aktuelle Serie ist imponierend, auch der Aufstieg in der Europa League nach vier Spielen in einer sehr starken Gruppe war beeindruckend, aber wir wollen hungrig bleiben. In Bern war der Verein ein schlafender Riese, der aber nie daran geglaubt hat, den großen FC Basel schlagen zu können. Diese Mentalität hat mir nicht gefallen, das haben wir sukzessive zu verändern versucht. Als wir dann nach 32 Jahren die Meisterschaft geholt haben, war das sicherlich für mich einer der schönsten Momente. Hier hatte Niko Kovac eine erfolgreiche Ära, deswegen spüre ich auch punkto Mentalität nicht das, was ich in Bern gespürt habe. Es war im Sommer auch alles neu, und dennoch haben wir es nach einem holprigen Start geschafft, eine hungrige Mannschaft auf dem Platz zu haben. Warum soll man aber nicht auch 13 oder 14 Spiele in Folge ungeschlagen bleiben? Jetzt sind wir unter den Top Vier, das fühlt sich super an, aber das Schwierige ist, dort zu bleiben.

ORF.at: Im Sommer haben Sie sich ihren großen Traum Bundesliga erfüllt. Wie lebt er sich?

Hütter: Natürlich ist ein Traum in Erfüllung gegangen, als österreichischer Trainer schaut man einfach nach Deutschland, die Chance habe ich am Schopf gepackt und mit Frankfurt einen tollen Verein gefunden, der unglaublich viel Tradition hat. Es war wieder die richtige Entscheidung. Den Traum habe ich mir erfüllt, aber ich lebe ihn nicht. Ich muss tagtäglich hart arbeiten, damit ich hier bleiben kann. Ich fühle mich sehr wohl, es ist natürlich alles viel größer, vor allem medial. In Deutschland ist Fußball eine Kultur. Bei unseren Spielen sind 50.000 Zuschauer im Stadion, in der Europa League gab es bei jedem Spiel eine unglaubliche Choreografie. Wenn man das sieht, ist das unfassbar. Die Leute kommen wegen uns ins Stadion und nicht weil der Gegner Schalke oder sonst wie heißt. Hier wird Fußball gelebt, und das kann man nicht mit Österreich oder der Schweiz vergleichen. Aber auf der anderen Seite ist es nur am Anfang eine Umstellung. Am Ende geht es immer und überall um das Gleiche.

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ORF.at: Eines Ihrer zahlreichen Interviews haben Sie dem Radiosender FFH gegeben. In diesem ging es auch um Ihren Vornamen (Adolf, Anm.). Stimmt der Eindruck, dass Sie das gerne erzählen wollten?

Hütter: Ja. Man muss natürlich dazu sagen, wenn man mit diesem Namen nach Deutschland kommt, gibt es welche, die falsche Rückschlüsse über dessen Ursprung ziehen. Bei diesem Interview, das fast eine Million Zuhörer hatte, ergab sich die Gelegenheit, die Wahrheit ans Tageslicht kommen zu lassen. Weil es auch einfach mit meinem Onkel, der Adolf hieß und tödlich verunglückte, zu tun hatte und meine Oma unbedingt wollte, dass meine Eltern ihr Kind Adolf nennen. Wenn man das einmal hört, denkt man vielleicht anders darüber. Ich habe aber kein Problem damit, sonst hätte ich ihn geändert.

ORF.at: Sie sind seit zehn Jahren Trainer. Wie unterscheiden Sie sich mittlerweile vom Spieler Hütter?

Hütter: Der Trainer ist erfolgreicher, wenngleich der Spieler Meister und Cupsieger wurde, sowie in der Champions League und in einem Europacup-Finale gespielt hat. Als Trainer habe ich auch schon Titel geholt, bin jetzt – anders denn als Spieler – in der deutschen Bundesliga. Ich war unglaublich gerne Spieler, aber ich bin noch lieber – weil mit 100 Prozent Leidenschaft – Trainer. Du denkst nicht nur individuell, siehst nicht nur deine persönliche Leistung im Vordergrund, sondern du hast das Gesamte im Blick. Es macht mir wahnsinnig Spaß, eine Mannschaft zu formen, sich mit ihr auseinanderzusetzen, sie zu beeinflussen. Auch das Drumherum macht mir Spaß. Das ist eine riesige Herausforderung, aber es macht mir auch deswegen so viel Spaß, weil ich das Gefühl habe, dass mir dieser Beruf liegt.

ORF.at: Ist Frankfurt wie Bern der genau richtige Verein zur richtigen Zeit für Sie?

Hütter: Das kann man über den gesamten Weg sagen, denke ich. Nach Altach zu gehen war gut, zu einem Verein mit großen Ambitionen, auch wenn mir der Bundesliga-Aufstieg nicht gelungen ist. Grödig war zum damaligen Zeitpunkt für viele überraschend, aber sicherlich eine der wichtigsten Stationen in meiner Karriere. Das hat mir den Weg zu Salzburg geebnet. Den Club dort wiederum nach einem Jahr zu verlassen, kam für viele überraschend, war aber für mich richtig, weil ich dabei auch in den Spiegel sehen konnte. Trotz eines laufenden Vertrags gab es eine saubere Lösung. Ich hatte dann drei Monate keinen Job, habe mich erholt, mich neu ausgerichtet und ein Engagement im Ausland angenommen. In Bern konnte ich etwas bewegen und habe zugeschlagen, das war meine bis dahin beste Entscheidung. Nach Frankfurt zu gehen, fühlte sich auch richtig an.

Adi Huetter feiert mit den Fans bei der Meisterfeier der Berner Young Boys
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In Bern wurde 2018 dank Hütter nach 32 Jahren wieder eine Meisterschaft gefeiert

ORF.at: Sie betonten in der Vergangenheit oft, das Wichtigste sei, Visionen zu haben. Wie sieht Ihre Vision mit Eintracht Frankfurt aus sowie als Trainer in den nächsten zehn Jahren?

Hütter: Das ist schwierig zu beantworten. Meine Vision hier ist, dass die Mannschaft ein klares Gesicht hat, wie sie Fußball spielt. Da sind wir auf einem sehr guten Weg. Mir geht es immer darum, das Beste aus einer Mannschaft herauszuholen. Das reizt mich extrem. Wohin der Weg einmal gehen wird, das kann ich nicht sagen, aber mir ist einfach die Spielidee wichtig und jeden Fußballer besser zu machen. Ich bin jetzt das erste Jahr in der Bundesliga, wohin die Reise mit Frankfurt geht, wird man sehen. Wichtig ist auch, dass man Spaß hat. Und mir macht es richtig Spaß, egal wo ich bin.

ORF.at: Was machen Sie eigentlich in Frankfurt, wenn Sie einmal nicht an Fußball denken?

Hütter: An Fußball denken (lacht). Nein, ich gehe gerne mal am Abend gut essen, da gibt es in Frankfurt viele gute Restaurants. Aber ich bin sonst ganz wenig in der Stadt, weil ich mich auch hauptsächlich auf dem Vereinsgelände aufhalte oder daheim. Frankfurt ist eine interessante Stadt, aber ich muss sie nicht in- und auswendig kennen, weil es darum geht, zu arbeiten, und das erfolgreich. Ich genieße auch, nach Österreich zu kommen, freie Tage mit der Familie zu verbringen und dabei Energie zu tanken. Ich brauche aber nicht so viel Freizeit, schaue mir auch gerne Fußball außerhalb von Frankfurt an, um mich weiterzuentwickeln.