Neymar (BRA)
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Jahresrückblick

Was von der WM in Russland blieb

Von der Fußball-WM 2018 in Russland ist einiges in Erinnerung geblieben: Positiv vor allem Frankreich als neuer Weltmeister und Jungstar Kylian Mbappe, der sich endgültig einen Superstar-Status erspielte. Weniger gut lief es dagegen für die afrikanischen Mannschaften, Brasiliens Superstar Neymar und natürlich für Deutschland.

Zudem werden die Titelkämpfe als die „Videobeweis-WM“ in der kollektiven Erinnerung bleiben. Doch auch die Gastgeber dürfen sich als große Gewinner dieser Titelkämpfe der großen sportlichen Überraschungen fühlen. „Es war die beste Weltmeisterschaft aller Zeiten“, urteilte FIFA-Präsident Gianni Infantino bereits wenige Tage vor dem Finale, das Frankreich 4:2 gegen Kroatien gewann.

Trotz aller Bedenken wegen Hooligans, Sicherheit und der Qualität der „Sbornaja“ vor dem Turnier hat Russland bewiesen, dass es auch das große Fußballfest mit mehr als einer Million ausländischer Fans ausrichten kann. „Wir sind froh, dass unsere Gäste alles mit eigenen Augen gesehen haben, dass ihre Mythen und Vorurteile zerbrochen sind“, schwärmte Russlands Präsident Wladimir Putin.

Dänemark gegen Frankreich
Reuters/Kai Pfaffenbach
Die Fußball-WM 2018 in Russland stand ganz im Zeichen der französischen Tricolore
Paul Pogba
Reuters/Andrew Couldridge
Nach unspektakulärer, aber makelloser Vorrunde kamen Paul Pogba und Co. immer mehr auf Touren
Kylian Mbappe
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Erstes Highlight war der Achtelfinal-Sieg über Argentinien, Kylian Mbappe steuerte zwei Treffer zum 4:3-Sieg bei
Benjamin Pavard
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Benjamin Pavard erzielte gegen die „Albiceleste“ zwar sein einziges WM-Tor, der Volleyschuss des Verteidigers war aber einer der schönsten Treffer des Turniers
Französische Fans
Reuters/Damir Sagolj
Auch im Viertelfinale gegen Uruguay waren „Les Bleus“ nicht zu stoppen – sehr zur Freude der mitgereisten Fans
Hugo Lloris
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Das Semifinale gegen Belgien entschied nicht nur Goldtorschütze Samuel Umtiti, sondern auch Goalie Hugo Lloris, der die besten Chancen der „Roten Teufel“ zunichte machte
Fanzone in Paris
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Beim Finale gegen Kroatien war nicht nur die Fanzone vor dem Eiffelturm gut gefüllt
Antoine Griezmann
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Antoine Griezmann brachte die Franzosen mit dem Elfmeter zum 2:1 endgültig auf die Siegerstraße
Französische Spieler jubeln
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Paul Pogba durfte sich ebenfalls als Finaltorschütze feiern lassen – das Tor zum 3:1 war die endgültige Vorentscheidung
Emmanuel Macron
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Selbst Frankreichs Präsidenten Emmanuel Macron hielt es angesichts der insgesamt sechs Treffer im Finale nicht auf seinem Sitz
Französische Mannschaft jubelt
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Vater des Erfolges: Trainer Didier Deschamps durfte sich, 20 Jahre nachdem er Frankreich als Kapitän zum Titel geführt hatte, von seinen Spielern feiern lassen
Französische Mannschaft jubelt
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Auch strömender Regen über Moskau konnte der französischen Party nach dem 4:2-Sieg nichts anhaben

Tops

Europa: Die Mannschaften aus Europa haben das Turnier in Russland dominiert. Zehn der 16 Achtelfinalisten kamen aus der UEFA, zum fünften Mal in der WM-Geschichte stellte Europa alle vier Halbfinalisten (Frankreich, Belgien, England, Kroatien). Frankreich sicherte sich den zweiten Stern, Kroatien hat mit dem Finaleinzug den größten Erfolg seiner Geschichte fixiert. Belgien schaffte erstmals seit 32 Jahren wieder den Einzug in ein WM-Halbfinale, England erstmals seit 28 Jahren.

Gastgeber: Sportlich überraschte die „Sbornaja“ von Teamchef Stanislaw Tschertschessow mit dem Viertelfinal-Einzug, die Organisation mit Spielen in elf Städten funktionierte nahezu reibungslos. Abgesehen von der Nachhaltigkeit und den immensen Kosten – Russland bot zwölf topmoderne, helle Stadien mit prächtiger Architektur und makellosem Rasen. Die Vorrundenspiele waren zu 97 Prozent ausverkauft.

Russlands Coach Stanislav Tschertschessow
APA/AFP/Adrian Dennis
Stanislaw Tschertschessow, der einst auch Wacker Innsbruck trainierte, dirigierte die Gastgeber bis ins Viertelfinale

Sicherheit: Die Schreckensbilder aus Marseille von der EM 2016, als sich russische Hooligans mit Engländern prügelten, wiederholten sich nicht. Wegen der wohl strengsten Einreisekontrollen und Sicherheitsmaßnahmen der WM-Historie gab es keine Ausschreitungen. Auch das Antidiskriminierungsnetzwerk FARE zog ein weitgehend positives Fazit.

Der Teenager: Mit nur 19 Jahren spielte sich Kylian Mbappe in die Riege der Superstars. Der Stürmer von Paris Saint-Germain, mit 180 Millionen Euro Ablöse von AS Monaco geholt und damit zweitteuerster Spieler der Geschichte, überzeugte mit seiner Geschwindigkeit, seiner Technik und dem Torriecher und schrieb sich gegen Argentinien als zweitjüngster Doppeltorschütze einer WM nach Brasiliens Pele 1958 in die WM-Geschichte ein.

Kylian Mbappe (FRA)
Reuters/Christian Hartmann
Kylian Mbappe verzückte alle und führte sein Team zum WM-Titel

Kollektiv: Teamgeist statt Einzelkönner lautete ein Trend, der Erfolg brachte. Statt der exzentrischen Superstars Cristiano Ronaldo, Lionel Messi und Neymar haben sich Spieler in den Vordergrund gespielt, die ihre individuelle Klasse ganz in den Dienst der Mannschaft stellen: Die Franzosen Mbappe und Antoine Griezmann, der Kroate Luka Modric, die Belgier Kevin De Bruyne und Eden Hazard, der Engländer Harry Kane glänzten in einem starken Kollektiv.

Video: Viel wurde über die Einführung der Videoassistenten (VAR) vor den Bildschirmen in Moskau diskutiert. Doch die Technik hat sich bewährt und sorgte für mehr Gerechtigkeit. Rund 30-mal wurde der Videobeweis sichtbar eingesetzt. Für Diskussionen sorgte das Hilfsmittel vor allem dann, wenn die Unparteiischen darauf verzichteten oder durch unterschiedliche Regelauslegungen erst recht keine richtige Entscheidung getroffen wurde. So war für den deutschen Schiedsrichter Felix Brych nach seinem nicht gegebenen Elfmeter für Serbien die WM ohne weiteren Auftritt beendet.

Auch die Handspielentscheidung von Finalschiedsrichter Nestor Pitana gegen den Kroaten Ivan Perisic war heftig umstritten. Unter dem Strich wussten die Spieler jedoch, dass sie sich zu benehmen hatten, denn das Videoauge war überall. Der Umgang mit dem Videobeweis mit all seinen Konsequenzen wie verlängerter Spielzeit war sicher der prägendste Aspekt dieser WM, der auch ein neues Zeitalter im Weltsport Fußball einleitete. Und der Sport hat trotz aller Technik ein wesentliches Element behalten: Es wird nach wie vor leidenschaftlich über richtig oder falsch diskutiert.

Flops

Weltmeisterfluch: Deutschland prolongierte mit dem erstmaligen Scheitern in der Gruppenphase den Fluch des Weltmeisters. Seit Frankreich 2002 als Titelverteidiger gescheitert ist, hat es den Weltmeister mit Ausnahme von Brasilien 2006 bei der Titelverteidigung stets schon nach den Gruppenspielen erwischt. Deutschland schied mit zwei Niederlagen (0:1 gegen Mexiko, 0:2 gegen Südkorea) und einem glücklichen 2:1-Erfolg gegen Schweden sogar als Tabellenletzter der Gruppe F aus. Teamchef Joachim Löw darf dennoch weitermachen.

Joachim Loew (DFB-Coach)
Reuters/Lisi Niesner
Gegen den Weltmeisterfluch war selbst Erfolgscoach Joachim Löw machtlos

Tiqui-taca: Die Blütezeit des spanischen Kurzpassspiels ist wohl zu Ende. Nach den EM-Titeln 2008 und 2012 sowie dem WM-Triumph 2010 hat sich Spanien zum dritten Mal bei einem Großereignis vorzeitig verabschieden müssen. Schon vor Turnierbeginn gab es viel Wirbel: Teamchef Julen Lopetegui wurde wenige Tage vor dem Anpfiff entlassen, nachdem Real Madrid bekanntgegeben hatte, dass er nach der WM deren Trainer wird. Unter Interimsteamchef Fernando Hierro konnte Spanien nie an die Leistungen aus der Qualifikation anschließen und scheiterte im Achtelfinale an Gastgeber Russland im Elfmeterschießen.

Afrikas Nullnummer: Keine der fünf afrikanischen Mannschaften hat die Gruppenphase überstanden. Damit ging erstmals seit Wiedereinführung des Achtelfinales 1986 die erste K.-o.-Phase ohne Team des afrikanischen Fußballverbands (CAF) über die Bühne. Ägypten, Tunesien, Marokko, Nigeria und Senegal haben in zusammen 15 Spielen nur drei Siege und zwei Remis geholt und gleich zehnmal verloren. Vor vier Jahren standen noch zwei afrikanische Teams im Achtelfinale.

Der sterbende Schwan: Brasiliens Superstar Neymar fiel trotz zwei Toren und zwei Assists zu selten durch spielerische Glanzpunkte auf. Stattdessen werden sich die Fans noch lange an völlig übertriebene Schauspieleinlagen erinnern. Der 222-Millionen-Euro-Mann zählte zwar zu den meistgefoulten Spielern in Russland, doch seine Theatralik stand in keinem Verhältnis zu der Schwere der Fouls. Der Traum seines ersten Titels bei einem Großereignis mit der „Selecao“ muss zumindest weitere vier Jahre warten.

Schwalbe von Neymar (BRA)
Reuters/Toru Hanai
Superstar Neymar machte in Russland vor allem mit schauspielerischen Sondereinlagen von sich reden

Superstars im Abseits: Lionel Messi (31 Jahre) und Cristiano Ronaldo (33) bestritten voraussichtlich ihre letzte WM-Endrunde. Zugegeben: Die Beschreibung „Flop“ beim portugiesischen Superstar ist angesichts von vier Toren gewagt. Sein Hattrick im ersten Spiel gegen Spanien (3:3) war maßgeblich am wohl spektakulärsten Spiel in der Gruppenphase beteiligt. Danach tauchte Ronaldo aber ebenso ab wie Dauerrivale Messi. Dessen Genialität reichte diesmal nicht mehr aus, um das schwache Kollektiv Argentiniens aufzufangen. Für die beiden Topstars endete das Turnier nach dem Achtelfinale, für den dritten Superstar, den Brasilianer Neymar, war im Viertelfinale Endstation.

Wagenburg-Mentalität: Die FIFA verpflichtete die Teams zu mindestens einem öffentlichen Training, viel mehr bekamen die Fans aber von den Teams auch nicht zu sehen. Deshalb haben es die meisten auch aufgegeben, ihren Teams hinterherzureisen. Spanien etwa hatte keinen einzigen Anhänger beim Teamcamp in Krasnodar. FIFA-Präsident Gianni Infantino machte sich ebenfalls rar.

Der Tribünenkasperl: Argentiniens Legende Diego Maradona gab während des Spiels gegen Nigeria ein trauriges, ja fast tragisches Bild ab. Als der 57-Jährige, augenscheinlich nicht mehr ganz Herr seiner Sinne, dann auch noch obszöne Gesten zeigte, schwenkten die Fernsehkameras weg. Man solle nicht über ihn lachen, sondern ihm helfen, schrieb eine spanische Zeitung.