Stephanie Venier (AUT)
GEPA/Mario Kneisl
Ski-WM

Venier lässt ihrem Ärger freien Lauf

Mit fünf Weltcup-Siegen im Gepäck sind Österreichs Abfahrerinnen nach Aare gekommen. Nach dem WM-Sprint-Rennen standen sie am Sonntag trotzdem mit leeren Händen da. Ausgerechnet bei der WM blieb ihnen erstmals in dieser Saison das Podest verwehrt. Die wetterbedingt kurze Abfahrt war laut Venier einer WM nicht würdig. Dass das ÖSV-Damen-Team nach drei Bewerben noch immer auf die erste Medaille hoffen muss, hob die Stimmung auch nicht.

Erstmals seit Schladming 2013 also blieben die ÖSV-Speed-Damen bei einer WM trotz davor dominanter Weltcup-Saison ohne Medaillen, womit Damen-Cheftrainer Jürgen Kriechbaum nicht gerechnet hatte. „Das ist für mich enttäuschend“, sagte Kriechbaum nach der Abfahrt. Die Erwartungshaltung habe eine gewisse Rolle gespielt, als Ausrede ließ er sie nicht gelten. Kriechbaum: „Wenn man sich über die Weltcup-Ergebnisse in die Favoritenrolle manövriert, muss man cool bleiben und seine Leistung dann auch bei der WM entsprechend abrufen. Das ist nicht geglückt.“

Dabei war Stephanie Venier als Vierte und beste Österreicherin an Bronze haarscharf dran. Vier Hundertstelsekunden trennten die 25-jährige Tirolerin in der Abfahrt von ihrer zweiten WM-Medaille nach Silber in St. Moritz vor zwei Jahren. 0,04 Sekunden? Exakt mit dem Rückstand war schon Ramona Siebenhofer in der Kombination nur WM-Vierte geworden. In der Abfahrt wurde sie Siebente – zwei Plätze vor der ebenfalls zweifachen Abfahrtssaisonsiegerin Nicole Schmidhofer, die ex aequo mit Tamara Tippler hinter den allgemeinen und eigenen Erwartungen geblieben war.

Stephanie Venier (AUT)
GEPA/Wolfgang Grebien
Stephanie Venier war mit ihrer Fahrt zufrieden, mit dem vierten Platz aber gar nicht

Am größten war der Ärger letztlich bei Venier – noch nicht ganz so groß bei der Zielankunft, als sie 0,04 Sekunden hinter der US-Amerikanerin Lindsey Vonn bei deren WM-Abschied Zweite gewesen und später von der nun Doppelweltmeisterin Ilka Stuhec auf Platz drei zurückgereiht worden war. Als jedoch die Schweizerin Corinne Suter mit Startnummer 19 auf Platz zwei gefahren und Veniers Pech damit besiegelt war, wuchs der Ärger rasant, wie sie später erzählte.

Wieder keine Medaille in Aare

Bei der Ski-WM in Aare läuft es für die ÖSV-Damen nach wie vor nicht nach Wunsch. Bei der Abfahrt ging sich wieder knapp kein Stockerlplatz aus.

„Das ist der blödeste Platz“

„Der vierte Platz ist halt der blödeste Platz, den es bei einem Großereignis gibt. Da wäre ich lieber Achte oder Neunte geworden. So ist es besonders bitter gerade“, sagte die Tirolerin rund zwei Wochen nach ihrem Weltcup-Debütsieg in der Garmisch-Abfahrt. „Mit der Fahrt war ich zufrieden, nur wäre mir jetzt lieber, ich liege drei Zehntel hinter der Medaille und nicht vier Hundertstel“, so Venier. Zu ihren Ungunsten schlug das Pendel übrigens erst im unteren Abschnitt aus, wo sie wie im WM-Training Probleme hatte, im Rennen das Risiko deshalb drosselte und die wertvollen Hundertstel so verlor.

Dass es im Gegensatz zu St. Moritz, wo sie als Debütantin völlig unerwartet zu Silber gefahren war, an der Mitfavoritenrolle und damit einhergehendem Druck gelegen haben könnte, ließ Venier nicht gelten. „Ich stehe ja nicht am Start und denke daran, dass ich Favoritin bin. Ich machte wie immer das, was ich am besten kann, bin locker drauflosgefahren. Unter dem Strich war es halt um die vier Hundertstel zu langsam“, so Venier, die im Ziel zunächst von Vater und Schwester getröstet wurde, die ihr mit dem Verweis auf ihre Jugend und weitere WM-Chancen in der Zukunft Mut zusprachen, was sie in dem Moment nicht aufzumuntern vermochte.

Suter beendet Hoffnungen

Immerhin hatte Venier bei ihrer Abfahrt mit Startnummer sieben noch bessere Bedingungen als später ihre Teamkolleginnen, bei denen sich die Sonne hinter eine dicken Wolke verbarg, das Licht gerade im unteren Teil der Piste diffus und die Sicht damit schlechter wurde. Weltmeisterin Stuhec war die letzte, die bei Sonnenschein das Ziel erreichte. Bei Tippler, die direkt hinter Stuhec ins Rennen ging, und den weiteren Österreicherinnen waren die Lichtverhältnisse bereits anders, schlechter. Umso überraschender traf Venier später die zweitbeste Zeit der Schweizerin Suter, die als Erste und Einzige ohne Sonnenschein in die Spitzenränge vordrang.

Corinne Suter (SUI)
APA/EXPA/Dominik Angerer
Corinne Suter durfte sich trotz schlechterer Sicht noch über Silber freuen

Wie Venier darauf reagierte? Zuerst einmal gar nicht – sie habe ihre Emotionen bändigen müssen, ihrem Ärger zunächst also nicht freien Lauf gelassen, weil der Blick zu vieler Menschen auf sie gerichtet war. „Aber am liebsten hätte ich in dem Moment meine Sachen hingeschmissen, wäre am liebsten sofort irgendwo unten durch und nur ja nicht an Leuten vorbei fort“, sagte sie und verdeutlichte, wie eng Niederlage und Erfolg im Sport beieinanderliegen: „Wäre ich fünf Hundertstel schneller gewesen, würde ich jetzt alles und jeden loben.“

Einer WM-Abfahrt nicht würdig

Genauso ärgerlich und einer WM nicht würdig war laut Venier die wegen der oben schlechten Witterungsbedingungen drastisch verkürzte Abfahrt mit einer Siegerzeit von knapp mehr als einer Minute. Das wechselnde Wetter forderte erneut seinen Tribut. „Wenn aber jeder weiß, dass Aare so ein Wetterloch ist, finde ich es blöd, dass sie die WM trotzdem hierher vergeben“, so Venier. „Sollen sie die WM doch anderswo machen, wo das Wetter berechenbarer ist. Ich bin jetzt zum zweiten Mal hier und bisher nur im Training zweimal von ganz oben gefahren. Extrem schade. Wofür trainieren wir seit Sommer auf die WM?"

Letztlich durfte Venier auch als WM-Abfahrtsvierte wie in St. Moritz als Silbermedaillengewinnerin zur Siegerehrung. Ihre Freude darüber war überschaubar. „Einen vierten Platz bei einem Weltcup-Rennen würde ich nehmen, bei einer WM bitte nicht“, sagte Venier. Der Tirolerin Trost: „Die Weltmeisterschaft ist nicht alles im Leben. Das Leben geht weiter, die Erde dreht sich weiter. Was wir in dieser Saison schon erreicht haben, nimmt uns niemand mehr weg. Das hat gepasst.“