Barnsley Manager Gerhard Struber
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Fußball

Struber blickt besorgt nach England

Der europäische Fußball steht aufgrund der Coronavirus-Pandemie still. Auch Trainer Gerhard Struber und der FC Barnsley sind in der zweiten englischen Liga zum Nichtstun verdammt. Der gebürtige Salzburger harrt im heimischen Kuchl mit seiner Familie aus. Die Hoffnung, dass die Championship heuer zu Ende gespielt wird, ist gering.

„Ich sehe im Moment überhaupt kein Licht am Ende des Tunnels, dass die Meisterschaft in dem Jahr fertiggespielt wird“, wird der 43-Jährige, der am Wochenende auch in der Sendung „Sport am Sonntag“ zugeschaltet war, in einem APA-Interview zitiert. Grund dafür sei auch der Umgang der Politik mit der Causa. So gingen bis vor Kurzem in England noch Großveranstaltungen – etwa ein Pferderennen mit 200.000 Zuschauern – über die Bühne.

Gegenüber dem ORF hatte Struber sein Unverständnis über die schleppenden Maßnahmen der Regierung in Großbritannien geäußert. Boris Johnson und sein Kabinett hätten „die Menschen praktisch alleine gelassen. Das ist schon etwas, was einen Stück weit nachdenklich macht und irritierend ist.“ Laut dem 43-Jährigen hätte sich das Vereinigte Königreich in Sachen „Leadership“ viel von Österreich abschauen können.

Pause in Premier League verlängert

Die englische Premier League hat die Pause vorerst bis 30. April verlängert. Das gilt auch für die zweite englische Liga, in der Trainer Gerhard Struber und Spieler Michael Sollbauer beim abstiegsbedrohten FC Barnsley unter Vertrag stehen.

Mittlerweile wurden Maßnahmen gesetzt. „Die werden aber in keinster Weise so umgesetzt, wie das in Österreich der Fall ist. Durch diesen Laissez-faire-Führungsstil wird es wohl in den nächsten Wochen zu einem rasanten Anstieg von Erkrankungen kommen“, vermutete Struber. Er mache sich richtig Sorgen um seine Kollegen in England. „Dort ist das Gesundheitssystem ein ähnliches wie in Italien. Ich habe die Angst, dass da in den nächsten Wochen der Kollaps richtig kommt“, so der Salzburger. Italien gilt als warnendes Beispiel, es ist aktuell am meisten von der Lungenkrankheit Covid-19 betroffen.

Training via Social Media

Szenarien wie man die Saison noch zu Ende bringen will, gibt es viele. Hinter allen steht ein großes Fragezeichen. „Ich verstehe die Vereine und TV-Partner, dass sie aus wirtschaftlicher Sicht die Saison mit aller Macht zu Ende spielen wollen. Aber der Coronavirus ist etwas, was den Fußball gerade so klein macht, dass ich mir total schwer vorstellen kann, dass das sauber zu Ende gebracht werden kann“, ist Struber pessimistisch.

Seine von einem Infektionsfall noch nicht betroffenen Spieler müssen für den Fall der Fälle bereit sein. Seit 13. März arbeiten Michael Sollbauer und Co. über den Globus verteilt via Heimprogramm an ihrer Fitness. Via GPS werden die fußballspezifischen Laufeinheiten überwacht, auch Kräftigungsübungen stehen an. Kommuniziert wird via WhatsApp-Gruppe. „Ich muss die Burschen da auch sensibilisieren, dass sie dranbleiben, weil es ist ja kein Urlaub, sondern nur eine Übergangsphase“, so Struber.

Die Dauer ist offen. Strubers Rückflug ist vorerst für 30. März geplant, die Saisonfortsetzung mit 30. April anvisiert. „Ich gehe davon aus, dass das nach hinten verlegt wird“, sagte Struber. Die Rückkehr nach England macht der Salzburger aber auch von der Situation im Land abhängig. „Wenn ich das Gefühl habe, die Rahmenbedingungen sind nicht richtig und für uns nicht so, dass wir uns auf professionellen Fußball konzentrieren können, dann werde ich das Training auch aussetzen und erst zu einem Zeitpunkt beginnen, wo es Sinn macht“, sagte Struber in „Sport am Sonntag“.

Kampf gegen den Abstieg

Die sportliche Situation bei Barnsley ist alles andere als rosig. Das Team liegt wie bei der Übernahme durch den Österreicher am 20. November am Tabellenende. Für Struber kein Grund, das Engagement zu bereuen: „Es war der absolut richtige Schritt, ich bin als Trainer sehr gereift.“ In der Liga gab es für ihn sieben Siege, vier Remis und zehn Niederlagen. „Es sind viele Dinge in eine sehr gute Richtung gegangen, gleichzeitig sind die Teams, die mit uns auf Augenhöhe sind, richtig ins Punkten gekommen.“ Die Wintertransferzeit habe eine Rolle gespielt. Die Konkurrenten hätten zwischen vier und zehn Millionen Pfund in die Hand genommen, Barnsley rund eineinhalb.

Der vom WAC geholte Sollbauer etablierte sich schnell als Abwehrchef, der ebenfalls aus Kärnten gekommene Marcel Ritzmaier wurde nach starkem Beginn durch mittlerweile überwundene Knieprobleme gebremst. Problematisch blieb die fehlende Kaderbreite des kleinsten Ligavereins. „Wir haben 16 bis 18 ligataugliche Spieler, dann ein großes Gefälle“, sagte der Ex-WAC-Coach, der neben Sollbauer mit dem nach einem Muskelabriss am Hüftbeuger wieder fitten Tormann Samuel Sahin-Radlinger und Stürmer Patrick Schmidt zwei weitere Österreicher im Kader hat.

Michael Sollbauer (Barnsley)
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Sollbauer sicherte sich auch in Barnsley schnell eine Rolle als Schlüsselspieler

Annullierung als Vorteil?

Auch nicht förderlich ist im Abstiegskampf die fehlende Routine. „Wir haben eine Mannschaft, die teilweise aufgrund von jugendlichem Leichtsinn Fehler macht. Wir sind jetzt aber in einer Situation, wo Fehler machen fast nicht mehr erlaubt ist“, ist sich Struber bewusst. Neun Runden vor Schluss fehlen sieben Punkte auf einen Nichtabstiegsplatz, drei Teams müssen den Gang in die dritte Liga antreten.

Profitieren könnte Barnsley von einer Ligaannullierung. „Wenn die Liga annulliert wird, ist mein Wunsch, dass wir drinnen bleiben und vielleicht aufgestockt wird. Gleichzeitig wäre es natürlich ganz schlimm, wenn die Tabelle zum jetzigen Zeitpunkt hergenommen wird und wir den Abstieg antreten müssten“, so Struber, der allerdings laut eigener Aussage in jedem Fall eine sportliche Lösung der Abstiegsfrage bevorzugt. Ein Saisonabbruch könnte aus seiner Sicht viele Clubs vor Liquiditätsprobleme stellen.

Familienzeit als Genuss

Der durch die Pandemie hervorgerufenen Pause kann Struber aber auch Positives abgewinnen. Je länger der Spielbetrieb ruht, umso mehr Zeit schaut für Aktivitäten mit der Familie heraus. „Es macht Spaß, einmal daheim zu sein und einfach die Zeit mit der Familie zu genießen“, so Struber. In der Heimat genießt der zweifache Familienvater außerdem die Natur vor der Haustüre, entweder als Läufer oder Hobbyholzfäller.

„Das letzte Dreivierteljahr war für mich sehr belastend. Europacup mit dem WAC, dann bin ich von einem Fahrwasser ins andere gesprungen und musste gleich wieder quicklebendig sein. Deshalb genieße ich es jetzt einmal, durchzuschnaufen, auch einmal aus der Fußballwelt auszusteigen und Dinge zu machen, die mir persönlich guttun“, so Struber.