Skirennfahrer Vincent Kriechmayr mit Medaille
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Ski-WM

Mit dosiertem Bremsen zum Weltmeistertitel

Nach Bronze (Abfahrt) und Silber (Super-G) in Aare vor zwei Jahren ist Vincent Kriechmayr als neuer Super-G-Weltmeister am vorläufigen Höhepunkt seiner Karriere angelangt. Der 29-Jährige bewies am Donnerstag in Cortina d’Ampezzo als Favorit nicht nur starke Nerven und viel Gespür für den Schnee, er lieferte auch eine taktische Meisterleistung (inklusive Bremsschwung), an die kein Fahrer auf der neuen Vertigine-Strecke herankam.

Als wäre der Druck auf Kriechmayr als zweifacher Super-G-Saisonsieger nicht groß genug gewesen, wurde er durch den Rennverlauf noch mächtiger. Gleich die ersten drei Starter (darunter Christian Walder) waren nach dem unterschätzten Sprung nach rund 25 Fahrsekunden in den folgenden Toren vor der ersten Zwischenzeit ausgeschieden. Der Kanadier James Crawford hatte als Erster die Kurve gerade noch gekratzt, ehe Kriechmayr mit Startnummer fünf und der Favoritenbürde ins Rennen stürzte.

Mit dosiertem Tempo und sauberer Linie fand er den perfekten Weg durch diese Schlüsselstelle, die für nachhaltige Diskussionen sorgte, weil das Tempo beim Sprung viel zu hoch und von Fahrern nach der Besichtigung offenbar falsch eingeschätzt worden war. „Die Situation dort oben war nicht einfach, er hat sie super gemeistert“, sagte ÖSV-Herren-Chef Andreas Puelacher. „Ohne Taktik ist da gar nichts gegangen. Wer voll riskierte wie Walder war chancenlos, das hat hier nicht funktioniert.“

Trainer Andreas Puelacher und Vincent Kriechmayr
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Mit Anweisungen in letzter Sekunde wurde Kriechmayr (mit Cheftrainer Andreas Puelacher) auf Goldkurs gebracht

Alarmstimmung bei Trainern

„Bei den Trainern herrschte richtig Alarm da oben. Wir haben das alle falsch eingeschätzt. Es hat international keinen Trainer gegeben, der das richtig einschätzen hätte können“, sagte ÖSV-Speed-Chefcoach Sepp Brunner. „Da war sehr viel mit Instinkt zu machen. Vollgas ging dort oben nicht. Dann wäre man beim Sprung im Loch unten. Nimmt man zu viel Tempo raus, ist es auch falsch. Der Athlet musste selbst die richtige Entscheidung treffen, um das so gut wie möglich durchzubringen da oben. Er (Kriechmayr, Anm.) hat das sehr, sehr gut gelöst“, so Brunner. Kriechmayr behielt die Nerven und die Kontrolle über seine Ski.

Kriechmayr gewinnt Gold im Super-G

Vincent Kriechmayr triumphierte vor dem für Deutschland startenden Tiroler Romed Baumann. Matthias Mayer wurde auf der tückischen Vertigine-Piste Sechster.

„Das ist wahre Größe“, so Puelacher, der vom Sieg Kriechmayrs letztlich nicht überrascht war, weil er vor dem Rennen erstaunlich locker wirkte, obwohl viel Druck auf ihm gelastet habe. „Dass er Topfavorit war, konnte man natürlich nicht wegreden. Jeder im Skizirkus weiß, dass Vincent im Super-G derzeit der Stärkste ist. Dass er die Leistung dann tatsächlich so ins Ziel bringt, Hut ab. Er ist gereift über die Jahre“, so Puelacher. Auch die Funkanweisungen der Trainer nach den Ausfällen davor habe der Oberösterreicher großartig umgesetzt.

Skirennfahrer Vincent Kriechmayr
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Kriechmayrs Renninstinkt und die richtige Taktik waren eine erfolgsbringende Kombination

„Irrsinnig schwieriges Rennen“

Noch während des Rennens wurde Kriechmayr, der in die Fußstapfen von Hannes Reichelt trat (Beaver Creek 2015), als Super-G-Weltmeister in spe mit gebührendem Abstand den Journalisten vorgeführt, weil laut strengem Covid-19-Protokoll danach keine Zeit mehr geblieben wäre. Richtig gezittert hatte er davor nur mehr beim Lauf von Romed Baumann. Der Tiroler – seit 2019 für den deutschen Skiverband am Start – holte 0,07 Sekunden hinter Kriechmayr sensationell die Silbermedaille vor dem Franzosen Pinturault (0,38).

Die Emotionen hatte Kriechmayr danach ebenso im Griff wie die Strecke. „Es war ein irrsinnig schwieriges Rennen, und ich habe schon nach der Besichtigung gesagt, dass nach dem ersten Sprung die Schlüsselstelle ist. Aber ich habe mir nicht gedacht, dass es so zach ist“, so Kriechmayr. „Ich habe mich wirklich einmal richtig angeschwitzt.“ Vor allem als die Läufer vor ihm an dieser Stelle der Reihe nach ausgeschieden waren. Als auch der Schweizer Mauro Caviezel („normal ein sehr sicherer Athlet“) vorzeitig die Fahnen strich, wusste Kriechmayr, was ihn auf dem Weg zur Medaille erwarten würde.

Skirennfahrer Christian Walder
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Der Ausfall von Christian Walder mit Startnummer eins hatten auch bei Kriechmayr die Alarmglocken läuten lassen

Genugtuung für Kriechmayr

Über den tückischen Sprung sagte Kriechmayr: „Ich habe nicht gewusst, wie viel Tempo nimmt man heraus? Ist es genug, ist es zu wenig? Ich habe mir dann gesagt, da muss ich driften und aus. Im Ziel habe ich auch gewusst, dass es keine perfekte Fahrt war – unten bin ich ein paar Mal zu gerade gewesen, habe das Tempo nicht so mitgenommen.“ Fehlerlos kam ohnehin niemand die neue Vertigine hinunter, zu schwer sei das Rennen gewesen. Letztlich sei auch das Hundertstelglück auf seiner Seite gewesen. „Dass ich da jetzt ganz oben stehe, ist natürlich eine große Genugtuung.“

Besondere nervliche Belastung als zweifacher Saisonsieger verspürte Kriechmayr übrigens nicht, auch mit der Favoritenrolle wusste er wenig anzufangen. „Ich habe mich selbst nicht als solchen gesehen. Es waren (im Weltcup) keine souveränen Siege, es waren immer so 15 Hundertstel. Und ich habe gewusst, bei einer WM kann viel passieren“, sagte Kriechmayr. „Den größten Druck mache ich mir selbst. Die Erwartungshaltung, die ich mir selbst stecke, ist viel höher als das, was ich von außen bekomme.“

Skirennfahrer Vincent Kriechmayr
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Alles richtig gemacht im Super-G – letztlich durfte Kriechmayr über den ersten WM-Titel seiner Karriere jubeln

Konzentration auf Abfahrt

Zeit zum Feiern bleibt Kriechmayr („Jetzt genieße ich einmal den Tag, dann konzentriere ich mich auf die Abfahrt“) nicht. Schon am Freitag steigt das erste Training. Kriechmayr will den Ball dabei flach halten. Sein Wunsch? „Keine Bestzeit im Training. Mal schauen, was mir gelingt.“ Am Sonntag (11.00 Uhr, live in ORF1) ) könnte sich Kriechmayr zum ersten Speed-Doppelweltmeister seit Bode Miller (USA) vor 16 Jahren in Bormio krönen. Als bisher letztem Österreicher war das Speed-Double Hermann Maier 1999 in Beaver Creek gelungen.

ÖSV-Coach Brunner erwartet sich in der Cortina-Abfahrt jedenfalls ein Spektakel im Kampf um die Medaillen. Von einer wie befürchtet leichten Strecke könne über die Vertigine nach den Erfahrungen im Super-G nicht mehr gesprochen werden. „Das Thema ist erledigt. Die Passage beim Sprung müsse man sogar brutal entschärfen, damit es nicht gefährlich wird“, sagte Brunner. „Die Abfahrt wird sensationell werden mit vielen wichtigen Passagen und von den Pistenverhältnissen her sehr aggressiv. Da wird sehr viel auch auf die richtige Abstimmung ankommen.“