Bernhard Raimann
AP/Al Goldis
NFL

Raimann hofft im Draft „auf das Beste“

Von Donnerstag bis Samstag richten sich die Blicke in der Welt des American Footballs nach Paradise im US-Bundesstaat Nevada. Südlich von Las Vegas werden in drei Tagen beim Draft der National Football League (NFL) die 32 Teams die größten Talente auswählen – und mit hoher Wahrscheinlichkeit ist mit Bernhard Raimann erstmals ein Österreicher unter ihnen.

„Ich werde wie alle anderen vor dem Fernseher sitzen und auf das Beste hoffen“, sagte der 24-jährige Burgenländer wenige Tage vor der Show. Die wird er anders als 20 Toptalente nicht an Ort und Stelle verfolgen, sondern im Haus der Freundin in seiner College-Heimat Michigan mit seinen Eltern, die er zuletzt erstmals seit 2019 wieder traf. „Je näher der Draft kommt, desto angespannter werde ich sein. Aber es ist auch ein Mittel zum Zweck, ich muss mich ja danach beweisen.“

Raimann wird aller Voraussicht nach der erste Österreicher sein, der in der Geschichte des NFL-Drafts gezogen wird. „In dieser Situation zu sein ist natürlich eine große Ehre für mich. Ein bisschen österreichische Footballgeschichte zu schreiben, wäre super, aber ich glaube, dass in den nächsten Jahren immer mehr Österreicher dabei sein werden.“ In der Nacht auf Freitag geht Runde eins über die Bühne, von Freitag auf Samstag die Runden zwei und drei und der Rest dann in der Nacht auf Sonntag. „Es war bis hierhin eine Mischung aus Stress und Vorfreude“, erklärte Raimann bei einer Medienrunde in der vergangenen Woche.

Grafik zu Bernhard Raimann
Grafik: APA/ORF.at; Foto: AFP

Dass sich eines der 32 Teams in sieben Runden bei insgesamt 262 Picks für Raimann entscheiden wird, ist aus vielen Gründen wahrscheinlich. Der 2,01 Meter große und 138 Kilogramm schwere Hüne hat sich auf höchstem College-Niveau als Spieler der Central Michigan Chippewas in den vergangenen beiden Jahren auf der Position des Offensive Tackles etabliert, wurde zum nationalen Allstar-Game (Senior Bowl) sowie zur prestigeträchtigen Leistungsschau (Combine) eingeladen.

87. NFL-Draft in Paradise

Insgesamt 262 Spieler werden von den 32 NFL-Teams in sieben Runden ausgewählt

  • Erste Runde am Freitag (2.00 Uhr MESZ)
  • Zweite und dritte Runde am Samstag (1.00 Uhr MESZ)
  • Vierte bis siebente Runde am Samstag (18.00 Uhr MESZ)

Raimann präsentierte sein Können und wurde von allen 32 Teams interviewt, besuchte auch einige von ihnen, das Interesse wurde vertieft, und der Steinbrunner sprach mit Coaches oder Eigentümer der Teams. „Als Sportler ist man nie ganz zufrieden, aber ich habe an sich sehr gutes Feedback bekommen“, berichtete Raimann, der nicht verraten durfte, welche Teams er direkt besucht hat und erwartungsgemäß keine bevorzugte Destination nannte.

Experten schwärmen, Prognosen schwanken

Die NFL-Experten in Übersee sind angetan von Raimann, auch aufgrund seiner Geschichte. Im traditionellen Geplänkel vor dem Draft, wo zahlreiche Experten über Monate ihre Prognosen abgeben, sehen ihn manche „Gurus“ gar in der ersten Runde, die Mehrheit in der zweiten oder dritten. Von Überraschung bis Geduldsspiel scheint vieles möglich, das hängt auch von der Dynamik im Draft ab.

„Ich verfolge das schon auch, versuche es aber auszublenden. Es gibt so viele Experten. Von manchen Teams habe ich erfahren, dass sie gar keine Offensive Linemen draften wollen, da muss ich dann schmunzeln, wenn ich meinen Namen bei ihnen lese“, erzählte Raimann, der sich bei einer einstündigen Videokonferenz mit Journalisten vorwiegend aus Österreich und Deutschland (noch) entspannt präsentierte. Das Interesse an seiner Person ist aber enorm. „Mein Agent hat mir gesagt, dass er in seinen 20 Jahren noch nie so viele Medienanfragen hatte.“

Raimann könnte sich in NFL etablieren

American-Football-Export Bernhard Raimann steht kurz davor, rot-weiß-rote Sportgeschichte zu schreiben. Beim am Donnerstag beginnenden NFL-Draft hat der Burgenländer hervorragende Chancen, als erster Österreicher ausgewählt zu werden.

Die Facetten, die Raimann bietet, sind vielschichtig. Das für künftige NFL-Spieler späte Interesse an Football (mit 13 Jahren), aus Österreich zu sein und noch dazu erst seit zwei Jahren auf einer Position in der Offensive Line zu spielen, machen ihn besonders interessant. Das spiegelte sich in den zahlreichen Interviews mit den Teams wider. Bei der Senior Bowl musste er 32-mal seine Lebensgeschichte erzählen, wenig überraschend, dass ihm die Football-spezifischen Interviews „lieber“ waren, „weil abwechslungsreicher“. Da erklärte Raimann den Coaches eigene Spielzüge, was daran gut und schlecht war. Mit einigen waren die Gespräche mehr „Business“, mit anderen freundschaftlicher.

Nicht prominente, aber wichtige Position

Bei den über 50 Interviews, die er in den Monaten und Wochen vor dem Draft geführt hatte, lief ihm auch ein früherer College-Coach über den Weg, der nun bei den Cincinnati Bengals arbeitet. Dass der Finalist der Vorsaison Probleme in der Offensive Line hat, war schon in den Play-offs nicht zu übersehen und in der Super Bowl gegen die Los Angeles Rams nicht mehr zu kaschieren. Ähnlich erging es den Kansas City Chiefs ein Jahr davor gegen die Tampa Bay Buccaneers. Die Offensive Lineman sind im Draft daher besonders gefragt.

Raimann weiß, dass er nicht die prominenteste Position im Football spielt. „Die O-Liner machen nicht wirklich große Schlagzeilen, außer man ist wirklich schlecht“, lächelte der Burgenländer. „Aber alle, die sich für Football interessieren, wissen, wie wichtig die O-Line ist.“ Vor allem die Position des Left Tackles, die das breite Publikum durch die Verfilmung des Lebens von Michael Oher kennenlernte. Der Titel „Blindside“ gibt schon vieles preis, geht es doch um das Beschützen des eigenen Spielmachers auf dessen (zumeist) „blinder“ Seite.

Chasen Hines von der LSU (67) und Bernhard Raimann von Central Michigan (76)
AP/Butch Dill
Raimann als Left Tackle bei der Senior Bowl: Er gehört in der Offensive Line zu den Beschützern des Quarterbacks

Raimann startete im College als Tightend, was ebenfalls die Aufgabe des Blockens beinhaltet, und rutschte dann aus Personalmangel in die Offensive Line. Dass das aufging, lag in erster Linie an seinen Maßen, aber auch am Willen, etwa 25 Kilogramm zuzunehmen. „Am Anfang testete man Grenzen aus, manchmal übergibt man sich, das gehört zum Job“, gab Raimann Einblick in den Alltag samt „größeren Tellern und größerem Besteck“. Während der CoV-Pandemie eignete er sich Kochkünste an, dieser Einsatz wird sich wohl bezahlt machen, gehören doch die Left Tackles zu den besser bezahlten Spielern in der NFL.

Fehlende Routine birgt Potenzial, Vorbild Vollmer

Dass Raimann auf seiner Position noch Luft nach oben hat, ist ihm freilich bewusst. „Ich habe nicht so viele Erfahrung wie andere O-Liner, aber ich habe zwei Jahre alles gegeben, und die Coaches sehen das auch und das Potenzial, dass ich mich noch weiterentwickeln könnte“, so der frühere Spieler der Vienna Vikings, der Sebastian Vollmer als großes Vorbild hat. Der Deutsche wurde 2009 von den New England Patriots in der zweiten Runde gedraftet, beschützte fortan Superstar Tom Brady und wurde mit zwei Super-Bowl-Titeln belohnt.

„Coole Position, coole Nummer (beides ident mit Raimann, Anm.), aber vor allem natürlich sein Werdegang ist ein Vorbild für mich“, sagte Raimann, der sich von aktiven Spielern wie Tyron Smith (Dallas Cowboys), Gerrett Bolles (Denver Broncos) oder Brian O’Neill (Minnesota Vikings) etwas abschaut. Die Ziele von Raimann klingen US-amerikanisch: „Endziel ist natürlich, so viele Super-Bowl-Ringe wie möglich zu sammeln und ein All-Pro-Tackle zu werden, also der beste Spieler auf meiner Position zu sein. Das sind langfristige Ziele, kurzfristig will ich so schnell wie möglich Starter sein und meinem Team so gut es geht zu helfen, um einen Super-Bowl-Ring zu erobern.“

NFL Draft 2022, erste Runde

Team Name Position College
1. Jacksonville Travon Walker DE Georgia
2. Detroit Aidan Hutchinson DE Michigan
3. Houston Derek Stingley Jr. CB LSU
4. NY Jets Sauce Gardner CB Cincinnati
5. NY Giants Kayvon Thibodeaux DE Oregon
6. Carolina Ickey Ekwonu OT NC State
7. NY Giants (von Chicago) Evan Neal OT Alabama
8. Atlanta Drake London WR USC
9. Seattle (von Denver) Charles Cross OT Mississippi State
10. NY Jets (von Seattle) Garrett Wilson WR Ohio State
11. New Orleans (von Washington) Chris Olave WR Ohio State
12. Detroit (von Minnesota) Jameson Williams WR Alabama
13. Philadelphia (von Cleveland) Jordan Davis DT Georgia
14. Baltimore Kyle Hamilton S Notre Dame
15. Houston (von Miami) Kenyon Green OG Texas A&M
16. Washington (von Indianapolis) Jahan Dotson WR Penn State
17. LA Chargers Zion Johnson OG Boston College
18. Tennessee (von New Orleans Treylon Burks WR Arkansas
19. New Orleans (von Philadelphia) Trevor Penning OT Northern Iowa
20. Pittsburgh Kenny Pickett QB Pittsburgh
21. Kansas City (von New England) Trent McDuffie CB Washington
22. Green Bay (von Las Vegas) Quay Walker LB Georgia
23. Buffalo (von Arizona) Kaiir Elam CB Florida
24. Dallas Tyler Smith OT Tulsa
25. Baltimore (von Buffalo) Tyler Lindenbaum C Iowa
26. NY Jets (von Tennessee) Jermaine Johnson DE Florida State
27. Jacksonville (von Tampa Bay) Devin Lloyd LB Utah
28. Green Bay Devonte Wyatt DT Georgia
29. New England (von San Francisco) Cole Strange OG Chattanooga
30. Kansas City George Karlaftis DE Purdue
31. Cincinnati Daxton Hill S Michigan
32. Minnesota (von LA Rams) Lewis Cine S Georgia