Leichtathletik-WM

Richardsons steiniger Weg zur Sprintkönigin

In der Leichtathletikgeschichte findet man im Kapitel schnellste Frau aller Zeiten bei einer Weltmeisterschaft seit Montag einen neuen Namen. Sha’Carri Richardson sprintete in Budapest in 10,65 Sekunden und damit so schnell wie noch keine zuvor zu WM-Gold über 100 m. Für die 23-Jährige war es nicht nur ein perfektes WM-Debüt, die US-Amerikanerin ließ im Eiltempo auch ihre „Jugendsünden“ hinter sich.

Mit ihrem neuen WM-Rekord verwies Richardson die Jamaikanerin Shericka Jackson (10,72 Sek.) auf den zweiten Platz. Deren Landsfrau und Titelverteidigerin Shelly-Ann Fraser-Price musste sich in 10,77 Sek. diesmal mit Bronze begnügen. Erstmals seit Tori Bowie 2017 in London ging der Titel in der Königinnendisziplin auf der Tartanbahn wieder an eine Läuferin aus den USA. Dank Noah Lyles bei den Männern gingen erstmals seit sechs Jahren auch beide Goldenen über 100 m wieder an Team USA.

Kurz nach dem Zieleinlauf war Richardson über ihren Coup noch perplex, auf der Ehrenrunde feierte sie in die „Stars and Stripes“ gehüllt bereits euphorisch ihre Goldene und gegenüber den Medien unterstrich sie ihren Triumph auch mit markigen Worten. „Ich bin hier, ich bin der Champion. Das habe ich euch allen gesagt. Ich bin nicht zurück – ich bin besser“, sagte die neue Sprintkönigin.

Richardson holt 100-m-Gold

Mit der schnellsten jemals bei einer WM gelaufenen Zeit entthronte Richardson in Budapest Fraser-Price als Sprintkönigin.

Vom Jungstar zur Gesperrten

Der Weg an die Spitze war für Richardson beschwerlich, auch weil sich die in der texanischen Metropole Dallas geborene Sprinterin selbst massive Steine in den Weg legte. Als 19-Jährige pulverisierte Richardson auf der Louisiana State University Rekorde bei den Juniorinnen und galt damit als große Hoffung für die aufgrund der Coronavirus-Pandemie auf 2021 verschobenen Olympischen Sommerspiele in Tokio.

Bei der US-Qualifikation 2021 war Richardson auch klar die Schnellste, dennoch musste sie beim Rennen um Olympiagold vor dem TV-Gerät zuschauen. Bei einer Dopingprobe wurde der Sprinterin der Konsum von Marihuana nachgewiesen, die Tokio-Reise war damit kein Thema. Richardson erklärte den Verstoß damals mit dem Umgang mit Druck und mit der Belastung durch den Tod ihrer leiblichen Mutter. Das Comeback nach der Dopingsperre war ebenfalls nicht von Erfolg gekrönt. Richardson verpasste die Qualifikation für ihre Heim-WM 2022 in Eugene und musste damit bei den Heimtitelkämpfen zuschauen.

Die US-amerikanische 100-m-Läuferin Sha’Carri Richardson im Jahr 2021
AP/Ashley Landis
Mit orangefarbenen Haaren und schrillem Outfit sprintete Richardson vermeintlich zu Olympia

Doch die zwischenzeitlichen Tiefs machten die Amerikanerin scheinbar nur stärker. „Man darf niemals aufgeben. Lass es nie zu, dass Medien, Außenstehende oder sonst irgendjemand definiert, wer du bist. Du selbst musst kämpfen und dein Schicksal bestimmen“, sagte die neue Weltmeisterin, die in Budapest als erste Läuferin seit der lebenden jamaikanischen Sprintlegende Fraser-Price 2013 in Moskau das WM-Double über 100 und 200 m holen könnte.

Auf „Flo-Jos“ Spuren

Der wiedergefundene innere Frieden habe viel zur Wandlung von Zero zu Hero beigetragen, sagte Richardsons Agent Renaldo Nehemiah. „Vor einem Jahr war sie noch im Niemandsland, jetzt hat sie ihren Happy Place wiedergefunden und versucht nicht mehr, gegen die negativen Einflüsse anzukämpfen“, sagte der ehemalige Hürdenläufer. „Ich habe ihr immer gesagt, diesen Kampf wirst du an deinem besten Tag nicht gewinnen.“

Das Selbstvertrauen bei Richardson ist jedenfalls groß. „Ich fühle mich großartig. Ich habe an mich geglaubt und bin dankbar, dass ich so ein Resultat erzielt habe“, sagte die US-Amerikanerin. In ihrer Jugend eiferte Richardson mit bunten Haaren und langen Fingernägeln noch optisch ihrem Vorbild und der Weltrekordlerin Florence Griffith-Joyner nach. Spätestens seit ihrem Traumlauf in Budapest ist die 23-Jährige auf gutem Weg, auch sportlich der 1998 verstorbenen „Flo-Jo“ als Ausnahmesprinterin nachzufolgen.