Jeremie Frimpong jubelt mit Mitspielern
Reuters/Thilo Schmuelgen
Fußball

Leverkusens Coup nimmt Formen an

„Vizekusen“ soll bald Geschichte sein. Eine 3:0-Demonstration im Spitzenspiel am Samstag gegen Titelverteidiger Bayern München lässt Bayer Leverkusen endgültig vom ersten deutschen Meistertitel der Clubgeschichte träumen. Fünf Punkte liegt die Werkself 13 Runden vor Schluss vor dem Serienmeister und einzig verbliebenen ernsthaften Verfolger. Leverkusen ist in dieser Saison weiter ungeschlagen, direktes Duell mit den Bayern steht keines mehr an.

Mit „Euphorie pur“ beschrieb Bayer-Kapitän Lukas Hradecky die Stimmung im Team. „Heute dürfen wir feiern, vielleicht morgen auch“, ergänzte Trainer Xabi Alonso, in dem viele den Architekten des Erfolgslaufes sehen. Als „El Profesor“ adelte sein Verein nach einer weiteren taktischen Meisterleistung den Spanier in sozialen Netzwerken.

Die Worte „Meisterschaft“ oder „Titel“ benutzt in Leverkusen allerdings immer noch kaum jemand. Bei Bayer ist man ein gebranntes Kind. Im Jahr 2000 verspielte der Club den sicher geglaubten Meistertitel in der letzten Runde an die Bayern, zwei Jahre später verlor man nicht nur das Champions-League-Finale gegen Real Madrid, sondern wurde auch in Meisterschaft und DFB-Pokal nur „Vize“.

„Vizekusen“ greift nach Double

Nun greifen die Leverkusener nach dem Double. Im Cuphalbfinale bescherte ihnen das Los am Samstagabend den Zweitligisten Fortuna Düsseldorf als Gegner. Die anderen Favoriten sind allesamt längst ausgeschieden. Um das zweite Finalticket kämpfen Anfang April Zweitligist Kaiserslautern sowie der Sieger aus dem Nachtragsspiel zwischen Drittligist Saarbrücken und Borussia Mönchengladbach.

Den DFB-Pokal hat Leverkusen 1993 bereits einmal gewonnen, die Meisterschale noch nie. „Wir wissen, dass wir gegen die Bayern konkurrieren. Wir müssen demütig bleiben“, meinte Hradecky. „Aber wir wissen, was wir können.“ Die Gala gegen die Münchner sei „ein super Schritt in unserem Saisonmarathon“ gewesen, so der Torhüter. Am Ende des Tages seien aber auch das nur drei Punkte. „Es sind noch 13 Schritte zu gehen.“

Alonso Vater des Erfolgs

Auch der Vater des Erfolges bleibt vorsichtig. „Wir sind zufrieden. Aber wir haben erst Februar“, erklärte Alonso, der in seiner Profikarriere mit Liverpool, Real Madrid und den Bayern nicht weniger als 18 Titel holte. Der Baske ist ein akribischer Arbeiter, der nichts dem Zufall überlässt. Im Titelkampf scheute er zuletzt aber auch kein Risiko. Im Showdown mit den Bayern rotierte er die Stars Jeremie Frimpong, Patrick Schick und Jonas Hofmann aus dem Team. Frimpong-Vertreter und Bayern-Leihe Josip Stanisic erzielte das 1:0, der eingewechselte Frimpong selbst mit einem Kunstschuss ins leere Tor das 3:0.

Xabi Alonso mit Spielern
Reuters/Thilo Schmuelgen
Xabi Alonso ist auf dem besten Weg zu seinem Meisterstück als Trainer

Alonso hat im Nachhinein wieder alles richtig gemacht. Wie lange der 42-Jährige in Leverkusen bleiben wird, ist allerdings offen. Der frühere Mittelfeldstar scheint der derzeit gefragteste junge Trainer im Weltfußball. In Liverpool soll er als Nachfolger von Erfolgscoach Jürgen Klopp, der sich mit Saisonende verabschiedet, hoch im Kurs stehen.

Taumelnde Bayern in der Kritik

Ob bei den Bayern ebenfalls eine Trainerstelle frei wird, werden die nächsten Monate zeigen. Der Fokus der Kritik nach einem blutleeren Auftritt im Schlager richtete sich schnell auf Thomas Tuchel. Die Rückendeckung der Bayern-Führung klang eher halbherzig. An der Zusammenarbeit mit Tuchel „ändert sich gar nichts“, betonte Vorstandschef Jan-Christian Dreesen. Einem klaren Bekenntnis zum Chefcoach ging er aber aus dem Weg.

Das Team habe nach einer guten Anfangsphase „den Faden verloren“, analysierte der Bayern-Boss. „Woran das liegt? Dafür gibt es Experten. Da müssen wir den Trainer fragen.“ Tuchel hatte auf einen dritten Innenverteidiger gesetzt und die gewohnte Viererabwehr über Bord geworfen. Er „übernehme immer die Verantwortung für die Taktik“, so der 50-Jährige. Die Niederlage habe „nichts mit Taktik zu tun gehabt“.

Enttäuschte Bayern-Spieler
AP/Martin Meissner
Bayern München fand in Leverkusen möglicherweise seinen Meister

Der durch die Aufstellung offenkundige Respekt vor dem Gegner habe bei Leverkusen weitere Kräfte freigesetzt, verriet Bayer-Abwehrchef Jonathan Tah. „Das hat uns auf jeden Fall noch mal Mut und Selbstvertrauen gegeben.“ Daran fehlt es den Bayern derzeit an allen Ecken und Enden. „Das war mit unsere schlechteste Leistung am wichtigsten Tag und im wichtigsten Spiel“, so Kapitän Manuel Neuer.

„Wir müssen das Ganze mit Leben füllen“

ÖFB-Teamspieler Konrad Laimer musste verletzt zuschauen. Joshua Kimmich kam wie Thomas Müller erst in der 60. Minute beim Stand von 0:2 in ein fast schon verlorenes Spiel. Die Enttäuschung über seine Reservistenrolle nach ausgestandener Schulterverletzung wollte der Mittelfeldstar gar nicht verbergen. Offene Kritik am Trainer ersparte sich Kimmich aber: „Ich glaube nicht, dass es an der Taktik lag.“ Tuchel habe die Elf gut eingestellt. „Wir müssen das Ganze mit Leben füllen.“

Das sieht auch Dreesen so. „Nach so einem Spiel, wo wir klar die schlechtere Mannschaft waren, muss man sich sammeln und nach vorne schauen“, erklärte der Vorstandschef. Das Achtelfinal-Hinspiel der Champions League am Mittwoch (21.00 Uhr) bei Lazio Rom sei eine „Gelegenheit, die Scharte auszuwetzen“. Folgt in Rom der nächste Rückschlag, dürfte endgültig Feuer am Dach sein.

Deutsche Bundesliga, 21. Runde

Samstag:

Leverkusen – Bayern 3:0 (1:0)

Tore: Stanisic (18.), Grimaldo (50.), Frimpong (95.)

Bayern: ohne Laimer (verletzt)

Augsburg – Leipzig 2:2 (1:1)

Tore: Tietz (35.), Demirovic (60.) bzw. Openda (39.), Sesko (52.)

Leipzig: mit Schlager, Seiwald ab 67., Baumgartner ab 84.

Union Berlin – Wolfsburg 1:0 (1:0)

Tor: Doekhi (45.+25)

Union: ohne Trimmel (gesperrt)
Wolfsburg: mit Pervan, ohne Wimmer (verletzt)

Frankfurt – Bochum 1:1 (1:1)

Tore: Marmoush (14.) bzw. Broschinski (17.)

Frankfurt: ohne Kalajdzic
Bochum: mit Stöger

Mönchengladbach – Darmstadt 0:0

Gladbach: Wöber bis 72., Lainer Ersatz
Darmstadt: mit Karic, Klarer Ersatz, ohne Honsak

Bremen – Heidenheim 1:2 (1:2)

Tore: Schmid (19.) bzw. Maloney (12.), Beste (18.)

Bremen: mit Friedl, mit Schmid (Tor zum 1:2)
Heidenheim: Dovedan Ersatz, ohne Tschernuth

Freitag:

Dortmund – Freiburg 3:0 (2:0)

Tore: Malen (16., 45.+7), Füllkrug (87.)

Dortmund: mit Sabitzer
Freiburg: Gregoritsch bis 59., ohne Lienhart (verletzt) und Adamu

Sonntag:

Stuttgart – Mainz 3:1 (2:0)

Tore: Mittelstädt (45.+2), Leweling (45.+4), Undav (73.) bzw. Ajorque (76.)

Mainz: ohne Onisiwo und Mwene (beide verletzt)

Hoffenheim – Köln 1:1 (0:0)

Tore: Kramaric (94.) bzw. Finkgrafe (79.)

Hoffenheim: mit Grillitsch
Köln: Kainz bis 58., mit Ljubicic

Tabelle: